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Von der Unbestimmtheit

14. Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie Weimar und der Stadt Weimar

Ob die Natur, der Sternenhimmel, ein Buch oder unser menschliches Miteinander: Ordnung und Unordnung, Bestimmtheit und Unbestimmtheit scheinen inhärente Eigenschaften unserer Welt zu sein. Bestimmtheit widerspiegelt Gesetzmäßigkeiten und damit den Willen der Natur zur Ordnung, während ungeordnete Zustände sich der Beschreibung durch Gesetze entziehen und Unbestimmtheit vermitteln.

Diese Unbestimmtheit tritt uns wie ein Schatten aus allen Winkeln der Welt entgegen. Und obwohl sie uns, dem von zielgerichteten Aktionen und Planungen vorangetriebenen Menschen, ein Dorn im Auge ist und wir sie ausschließen möchten, gewinnt sie zunehmend an Bedeutung, weil immer mehr Wert auf Bestimmtheit gelegt wird. Je umfangreicher die Mittel sind, die in Schutzmechanismen zur Verdrängung der Unbestimmtheit investiert werden – z.B. in der Arbeitslosen- oder Gesundheitsversicherung – umso deutlicher stellen wir fest, dass dies nur mühsam gelingt.

Dennoch ist der geschickte Umgang mit der Unbestimmtheit die Grundlage für die Bewältigung heutiger und künftiger Aufgaben. Unbestimmtheit kann weder aus dem Leben getilgt noch aus dem Universum eliminiert werden. Im Gegenteil: sie mathematisch zu beschreiben und bewerten, ist Gegenstand intensivster Anstrengungen. Über Begriffe wie Angst oder Freiheit wirkt sich Unbestimmtheit auf unseren Alltag aus. Eine Niederlage von heute kann aufgrund der Unbestimmtheit zu einem Gewinn von morgen werden. Wie in der Kunst ist in der Unbestimmtheit unsere Freiheit gefordert.

In technischen, berechenbaren Systemen herrscht eine klare Kausalität als Grundlage für Regeln und Ordnungen vor. In sozialen Gebilden hingegen verursachen einzelne Glieder (Menschen) oft nichtkausale Ereignisse, die den klassischen kausalen Ansätzen das Genick brechen, bis hin zum Zufall, der bekanntesten Form der Unbestimmtheit. Ein Politiker wird kaum für ein durch ihn eingeführtes Gesetz, das erheblichen Schaden verursacht, zur Verantwortung gezogen. Sein Leistungsvermögen misst die Öffentlichkeit eher an der Ein-haltung ethischer Normen und moralischer Grundsätze.

Aber auch für die Philosophen (die Konstruktivisten: „es gibt nur eine ‚erfundene Wirklichkeit’“) und für die Künstler (ob nun die Impressionisten oder die Zufallsoperationen des John Cage) ist die Unbestimmtheit Voraussetzung und Arbeitsgrundlage. Unbestimmtheit taucht im ästhetischen Schaffensprozess wie auch in der Dokumentation des Realen auf, sie kommt im „regellosen“ Werk wie auch in der Entwicklung neuer Regeln vor.

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On Indefiniteness

14th International Studio Program of the ACC Galerie Weimar and the City of Weimar

Whether it’s nature, the night sky, a book, or our interactions with one another: order and disorder, definiteness and indefiniteness seem to be inherent characteristics of our world. Definiteness reflects lawfulness and nature’s desire for order, while non-ordered elements do not let themselves be described by laws, in this way conveying indefiniteness.

We encounter this indefiniteness as a shadow lurking behind every corner of the world. And even if for us human beings driven as we are by our goal-oriented actions and plans indefiniteness is a thorn in our side that we’d like to eliminate, it becomes increasingly important as more and more value is given to definiteness. The more elaborately we invest in protective mechanisms to repress this indefiniteness for example in health or unemployment insurance the clearer it becomes how difficult this is to achieve.

Nonetheless, dealing with indefiniteness intelligently is the basis for successfully confronting our present and future tasks. Indefiniteness can neither be eradicated from life nor eliminated from the universe. On the contrary, evaluating and describing it mathematically is currently the object of the most intensive research. With such concepts as fear and freedom, indefiniteness reveals itself in our everyday lives. Thanks to indefiniteness, today’s defeat can become tomorrow’s victory. In indefiniteness as in art, our freedom is demanded.

In technical systems with their precise calculations, a clear causality reigns and forms the basis for rules and order. In social configurations, however, individual members that is, people often give rise to non-causal events that shatter classical causal conceptions, or even to chance, the most well-known form of indefiniteness. A politician is hardly held responsible for a law he introduced that caused substantial harm. The public tends rather to measure his effectiveness according to how well he adheres to moral principles and ethical norms.

But for philosophers as well (as the Constructivists say, “The only reality is an invented reality”) and for artists (from the Impressionists to John Cage’s chance procedures), indefiniteness is a precondition and basis for their work. Indefiniteness belongs just as much to the process of creation as to the documentation of the real, the work “without rules”, and the development of new rules.