Mit krimineller Energie - With Criminal Energy (2013)

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

Contact/Kontakt: studioprogram@acc-weimar.de

Mit krimineller Energie - with criminal energy (2013)

19. Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie Weimar und der Stadt Weimar 2013 19th International Studio Program of the ACC Galerie Weimar and the City of Weimar 2013

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Das Bewerbungsverfahren zum 19. Internationalen Atelieprogramm ist abgelaufen. Am 22. und 23. September 2012 fand die Jurysitzung statt, bei welcher 68 Bewerbungen geprüft worden sind.

Ausgewählt wurden wie jedes Jahr drei internationale Künstler: Die US-Amerikanerin Nathania Rubin, geb. 1978, die in Maastricht lebt, der in Portugal lebende Russe Nikolai Nekh, geb. 1985, wohnhaft in Vila Franca de Xira und die US-Amerikanerin Caitlin Baucom, geb. 1984, die in Chicago lebt.

KUNST UND VERBRECHEN IM 21. JAHRHUNDERT

Politikern, Polizisten und Staatsanwälten zum Trotz, das Deviante, Kriminelle und Mörderische sind unauslöschliche Bestandteile aller Gesellschaften. Ungeheure zivilisatorische Anstrengungen wurden von der archaischen Gesellschaft – in Form des Rituals und der Verbannung – bis zur modernen – in Gestalt des industriellen Gefängniskomplexes, der Sicherheitsindustrie und repressiver Architektur – aufgeboten, Normen, Ge- und Verbote aufrechtzuerhalten. Während die Zivilisation bemüht ist, das Gemeine, Gefährliche, Beängstigende zu unterbinden, ist der Trickster-Künstler vielleicht der Einzige, der – quasi stellvertretend – neben dem Verbrecher die Grenzen des Erlaubten, Wohlanständigen und Opportunen auslotet.

Eine der Sozialfunktionen des Künstlers ist von alters her die des Seismografen der Gesellschaft, er kostet vor, stapelt hoch, justiert neu, bricht Tabus, lebt und spielt vor, tut als ob, tauscht die Rollen, stellt (sich oder sein Umfeld) verquer oder auf den Kopf. Mitunter geht er dabei sehr weit, überschreitet Grenzen und Gesetze, mal als scheiternde Existenz, experimentierfreudiger Dilettant, Andersdenkender, Sehnsüchtiger mit Hoffnungspotenzial. Nicht selten wird er aus verschiedenen Motiven selbst zum Täter oder mimt einen Kriminellen, weil er nur durch das Verlassen der Norm seiner Botschaft genügend Ausdruck zu verleihen glaubt, wie André Breton 1930 in seinem Manifest definierend bestätigt: „Der einfachste surrealistische Akt besteht darin, mit dem Revolver in der Hand auf die Straße zu laufen und so viel man kann blind in die Menge zu schießen.“

Bereits die Romantiker waren versessen auf Banditen, Hexen oder die Femme fatale, die entweder eine Art Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft oder irrationale und unkontrollierbare Leidenschaften verkörperten. In unserem Programm sind wir daran interessiert, Parallelen, Wechselwirkungen, Abgrenzungen im Verhältnis zwischen Kunst und Verbrechen aufzuzeichnen, wir möchten prüfen, ob, wie Joseph Beuys meint, Künstler und Verbrecher wirklich Weggefährten sind, weil beide über eine verrückte Kreativität verfügen, ohne Moral sind, nur getrieben werden von der Kraft der Freiheit. Dass dabei ein eigener Wirtschaftskreislauf mit Arbeitsplätzen und Renditen entstand, sei uns ein Indiz, dass Kriminalität nicht nur negativ zu Buche schlägt. Vor allem geht es aber darum, zu ergründen, auf welche Art kriminelle Künstler und künstlerische Kriminelle unser Sein „nutzbringend“ verändern, uns mit unkonventionellen Lösungsangeboten aus der „Alternativlosigkeit“ führen, Freiräume öffnen, wo die Diktatur der Angepassten herrscht, Tabuisiertes in den Mittelpunkt stellen, repressive Gewalt in reale (Auto)Aggression verwandeln, Überkommenes unterwandern.

Künstler, die sich durch ein besonderes Potenzial an kreativ-krimineller Energie auszeichnen, die auf dem Feld oder unter dem Deckmantel der Kunst Energien und Feindseligkeiten künstlerisch abbauen, therapieren, Dampf ablassen, Aggressionen kanalisieren oder die das Kriminelle und den Tatort selbst thematisieren, sind eingeladen, sich zu bewerben.

[deutsche Version anzeigen]

ART AND CRIME IN THE 21ST CENTURY

In defiance of politicians, police and prosecutors, the deviant, the criminal and the murderous are enduring constituent parts of all societies. From ritual and exile to the prison-industrial complex, the security industry and repressive architecture, tremendous civilizing efforts have been mustered by societies ancient as well as modern, to maintain norms, rules and prohibitions. While civilization is anxious to eliminate what is base, dangerous and frightening, the trickster-artist is perhaps the only one, who, like the criminal – working, as it were, on behalf of society – plumbs the borders of what is permissible, upright and appropriate.

One of the social functions of the artist from time immemorial has been that of societal seismograph: he samples, shows offs, realigns, breaks taboos, tries out, acts as if, changes roles, uses himself or his environment as a roadblock and turns everything on its head. Now and then he goes too far, oversteps borders and laws, sometimes as a failure, an experiment-happy dilettante, a dissenter or a hope-inspiring dreamer. It is not seldom that for different motives he even becomes the culprit or acts a criminal, because he believes that only through the abandonment of the norm is his message granted enough expression. As André Breton confirms in his 1930 manifesto: “The simplest Surrealist act consists of dashing down into the street, pistol in hand, and firing blindly, as fast as you can pull the trigger, into the crowd.”

As early as the Romantics, artists were fascinated with bandits, witches or the femme fatale as embodiments of a sort of society beyond the society or irrational and uncontrollable passions. At ACC, we are interested in drawing parallels and demarcations between art and crime, highlighting the interactions between the two and checking whether, as Joseph Beuys said, artists and criminals are really companions because both command a mad creativity and are without morality, driven only by the power of freedom. That crime develops an economy of its own, with jobs and profits within itself, is one sign that it doesn’t have a solely negative effect. More importantly, however, it is a matter of feeling out which kind of criminal artists and artistic criminals “profitably” change our Being, lead us away from the “lack of alternatives” with offers of unconventional solutions, open up free spaces to overpower the dictatorship of the conformist, put what is taboo in the centre, transform repressive force into real (self)aggression and subvert the obsolete.

Artists are invited to apply who distinguish themselves through a particular potential creative-criminal energy, who in the field of art or under its cloak dispel energy and hostility artistically, perform therapy, let off steam, channel aggressions or work with the criminal and the crime scene themselves as a theme.