Does Humor Belong in Art? (2015)

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

Contact/Kontakt: studioprogram@acc-weimar.de

Further Information HERE | Weitere Informationen HIER

Downloads / Dateien

Does Humor Belong in Art?

21. Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar | 21st Studioprogram of ACC Galerie and the City of Weimar

Auch im Jahr 2015 werden die Stadt Weimar und das ACC wieder Gastgeber für drei internationale Künstler sein, die im Rahmen des 21. Internationalen Atelierprogramms (Thema: Does Humor Belong in Art?) im Städtischen Atelierhaus leben und arbeiten werden. 96 Künstlerbewerbungen aus 25 Ländern hat eine internationale Fachjury bewertet, die am 10./11. Oktober 2014 im ACC tagte und aus der Künstlerin Tea Mäkipää (FI), dem Kurator und Kunsthistoriker Dr. Christian Schoen (DE) und der Galeristin Sara Zanin (IT) bestand. Sie entschieden sich für Elizabeth Wurst (DE / PE), Sarah Jones (AU / DE) und Camilo Osorio Suarez (CO / DE). Elizabeth Wurst (geb. 1985) wird in Kooperation mit Theatergruppen vor Ort eine Performance für den öffentlichen Raum erarbeiten und performativen Tanz mit Müll kombinieren. Sarah Jones (geb. 1982) möchte die kulturellen Zwänge des Humors und den Witz in der Bewegung des Körpers erforschen. Camilo Osorio Suarez (geb. 1980) Kolumbianer wird, ausgehend von einem Zitat Friedrich Nietzsches – Es hat wohl für jeden Philosophen eine böse Stunde gegeben, wo er dachte: was liegt an mir, wenn man mir nicht auch meine schlechten Argumente glaubt! — Und dann flog irgend ein schadenfrohes Vögelchen an ihm vorüber und zwitscherte: «Was liegt an dir? Was liegt an dir?» – sein Projekt Der Papagei mit Federn verwirklichen. So plant der Künstler, einem kolumbianischen Papagei die thüringische Sprechweise der Bewohner Weimars und des Weimarer Lands beizubringen. Tonaufnahmen der Papageienstimme, die textliche Dokumentation seiner «Worte» und den Lernprozess festhaltende Filmaufnahmen sollen im Endergebnis in einer Installation vereint und von einem mit Holzschnitten illustrierten Buch begleitet zu sehen sein.

Jeder Stipendiat wird für vier Monate in Weimar gastieren. 2016 endet das Programm mit einer Ausstellung.

Humor als Ausdrucksform, Kulturprodukt, Kontaktmedium und Gemeinschaftsbildner, Existenzgrundlage alles Zwischenmenschlichen und Leidabwehrstrategie des Seelenlebens ist elementar und universal, entlastend und entwaffnend, unbestimmt und kryptisch, stimulierend und verführerisch, seltsam und schwer zu analysieren. Als subversiver Akt der Rebellion stellt der Humor die Starrheit unseres rational-logischen Denkens auf den Kopf, zielt auf die Hinfälligkeit des vermeintlich Endgültigen, indem er – ob nun mit den strategischen Mitteln der Andeutung oder Übertreibung, Albernheit oder Parodie, Irritation oder Ironie – alle festen Rollen und Einstellungen, Normen und Verpflichtungen dementiert. Die Methode, tradierte Ordnungsprinzipien, seien es gesellschaftliche oder ästhetische, auf humorvolle Weise in Frage zu stellen, um den Betrachter und seine Wahrnehmungsmuster zu verunsichern, lässt sich von der Avantgarde bis zur Postmoderne verfolgen. Mit dem Thema „Does Humor Belong in Art?“ sucht das Internationale Atelierprogramm nach KünstlerInnen, die sich des Humors bedienen und durch eine ironische Unterwanderung eine gegebene, individuell oder allgemein gültige Logik zu hinterfragen versuchen. Welchen Platz nimmt der Humor in der gegenwärtigen Kunstpraxis ein? Gehört Humor zur Kunst?

Humor hatte in der sakralen Kunst nichts verloren, die klassische Kunst mied das Lachen, im frühen Christentum und Mittelalter war es verpönt, galt als unstatthaft – Jesus Christus hatte, so hieß es, nie gelacht auf Erden. Wenngleich zu allen Zeiten gelacht wurde, lehnt die „hehre“, „wahre“, „ernste“, „erhabene“, „zeitlose“ bildende Kunst – trotz ihrer langen Tradition des Humoristischen von Rembrandt van Rijn, Francisco de Goya und Honoré Daumier über Marcel Duchamp und René Magritte zu John Waters, Raymond Pettibon und Vik Muniz – nicht selten die Darstellung oder Auslösung dieses Gefühlsreflexes ab, wird ihr eine gewisse Humorlosigkeit zugeschrieben, möchte der Künstler seine Größe, Einzigartigkeit und Bedeutung nicht durch oberflächlichen Unernst auf’s Spiel setzen, neigen Kunstgeschichtler dazu, Humor zu umgehen. Oft findet Humor seinen Ausdruck in der Kunst durch die Überlagerung von visueller und sprachlicher Ebene oder Wortspiele, die Spiegelung des eigenen (Gesellschafts)Systems oder Kontextverschiebungen, das Umkehren von Sinn, Logik und gesundem Menschenverstand oder das Kollidieren verschiedener Wertesysteme, Alltagsrealitäten und Vorstellungen. Immer hängt, worüber man lacht, von den jeweiligen moralischen und ästhetischen Vorstellungen einer Zeit ab, auch in der Kunst. Nicht immer gibt es nur eine Pointe und manchmal wissen wir nicht, ob es in Ordnung ist, zu lachen oder nicht, ob ein Kunstwerk gleichzeitig voller Humor und kritisch sein kann oder ob sich Gegenwartskünstler immer ernst nehmen. Oder ob es wirklich keine größere Macht als die des Lachens gibt1 („Die Macht ist stark – stärker das Gelächter“2), ob also im Humor, auch dem in der Kunst, eine gesellschaftliche oder politische Sprengkraft verborgen sein kann. Oder ist er Erlöser, Ermöglicher, Mutmacher, Trost – und zuweilen auch, wenn man trotzdem lacht?3 Oder ist „Humor einfach eine komische Art, ernst zu sein“, wie der Schauspieler Peter Ustinov einmal meinte?

Humor ist – in all seinen Facetten – ambivalent. Während man durch versöhnliches Scherzen einen Streit zu schlichten vermag, sind stichelnde Ironie und bitterer Sarkasmus schnell dessen Auslöser. Als die „siegreich behauptete Unverletzlichkeit des Ichs“4 ist Humor, klug eingesetzt, Schutzschild und Waffe zugleich, ein Instrument, das uns erlaubt, über Leiderfahrung, Missstände und Todesfurcht zu triumphieren, der finale Rettungsring, wenn Zweifel, Skepsis und Ausweglosigkeit drohen – und wirkt, laut Freud, ganz nebenbei stressabbauend. Sein oft als Ventil in der Feierabend-TV-Unterhaltungsindustrie abgeschriebenes Konzept wird zur Überlebensstrategie: Wer zuletzt lacht, lacht am längsten. Doch ist Humor so nicht nur Gegenstand philosophischer Auseinandersetzungen mit der Welt, sondern hielt längst Einzug in andere Gefilde. In psychiatrischen Therapien bietet er die Basis eines zwanglosen, emotionale Knoten und Hemmungen lösenden Umgangstons, der kreatives Potenzial wecken und Perspektivverschiebungen anregen mag. Generell ist die anthropologische Funktion des Humors offensichtlich und allgegenwärtig: er ist unabdingbare Grundlage für Freund- und Partnerschaften, wirkt anziehend – und ist so ein wichtiges Verbindungsglied zwischen uns und unserem Gegenüber.

Künstler, die sich mit diesem vorgegebenen Thema auseinandersetzen möchten, mögen sich für unser Programm bewerben.

1 Hugh Greene 2 Heinrich Lützeler 3 Otto Julius Bierbaum 4 Sigmund Freud

___

Humor, as a form of expression, a cultural product, a medium of contact and community builder, as the existential basis of all interhuman relations and as a defense mechanism of the psyche, is fundamental and universal, liberating and disarming, indefinite and cryptic, stimulating and beguiling, strange and difficult to analyze. As a subversive act of rebellion, humor turns the rigidity of our rational thinking on its head and takes aim at the weakness of the purportedly definitive in that it denies – whether with the strategic means of insinuation or exaggeration, absurdity or parody, confusion or irony – all fixed roles and attitudes, norms and obligations. The method of questioning in a humorous way the received principles of a given order, be they societal or aesthetic, in order to unsettle the viewer and his patterns of perception can be seen from the avant-garde to the postmodern. Under the theme “Does Humor Belong in Art?”, the International Studio Program seeks contemporary artists who avail themselves of humor and try, through an ironic infiltration, to challenge a given, individually or generally accepted logic. What role does humor play in current artistic practice? Does humor belong in art?

Humor had no place in the sacred arts. Classical art shunned laughter. In early Christendom and the Middle Ages it was frowned on, not permitted: Jesus Christ had, so it was said, never laughed on earth. Even though people have always laughed, the “sublime”, “true”, “serious”, “lofty”, “timeless” visual art often avoided the depiction or production of this reflex – despite the long tradition of the humorous from Rembrandt van Rijn, Francisco de Goya and Honoré Daumier to Marcel Duchamp and René Magritte to John Waters, Raymond Pettibon and Vik Muniz. A certain humorlessness was (and is) attributed to art; the artist doesn’t want to risk his greatness, uniqueness and significance through superficial flippancy, and even the art historian tends to avoid humor. Often humor finds its expression in art through the interaction of the visual and verbal or wordplay, the reflection of its own (societal) systems or shifts in context, the inversion of sense, logic and basic common sense or the collision of different value systems, everyday realities and beliefs. What one laughs about, also in art, always depends on the respective moral and aesthetic beliefs of the time. There’s not always only one punch line, and sometimes we don’t know whether it’s ok to laugh or not, whether an artwork can be full of humor and critical at the same time or whether the contemporary artist always takes himself seriously. We’re not sure whether there is really “no greater power than the power of laughter”1 (“Power is strong – laughter, stronger”2), whether thus in humor, when it’s in art as well, a societal or political explosiveness can be hidden. Or is it a savior, creator of possibilities, encourager, consolator – or is it just when despite everything you laugh anyway?3 Or is humor “simply a funny way of being seriousas the actor Peter Ustinov once said?

Humor is – in all of its facets – ambivalent. While one might smooth out an argument through conciliatory jokes, biting irony and bitter sarcasm are quickly the catalysts of one. As the “victorious assertion of the ego’s invulnerability”,4 humor is, when cleverly deployed, protection and weapon at the same time. It is an instrument that allows us to triumph over suffering, injustices and the fear of death, the final life preserver when doubt, skepticism and hopelessness threaten, and serves, according to Freud, to reduce stress along the way. Humor – often much too quickly dismissed as a release valve of the entertainment industry in the evening’s diversion – is in fact a necessary survival strategy. He who laughs last, laughs longest. Humor in this way is, however, not only an object of philosophical confrontation with the world, but it kept long ago the entry into other realms. In psychiatric therapy it offers the foundation of a casual, emotional-knot-and-inhibition-releasing tone of communication that may awaken the creative potential and encourage shifts of perspective. In general, the anthropological function of humor is obvious and ubiquitous: It is an indispensable basis for friendship and partnership; it attracts us – and is thus an important means of connection between ourselves and others.

Artists who would like to delve into the given theme may apply for our program.

1 Hugh Greene 2 Heinrich Lützeler 3 Otto Julius Bierbaum 4 Sigmund Freud