Pierre et Gilles

Dauer der Ausstellung: 21. Juli bis 22. September 1996

Pierre et Gilles

Pierre et Gilles: Amphytrite, 1989.

21. Juli bis 22. September 1996

Pierre et Gilles (FR)

Bereits im Vorfeld hatte das Plakat zur bis dato mit 73 übermalten Fotografien größten Ausstellung des Pariser Künstlerpaares in Deutschland für einigen Wirbel gesorgt. Es zeigte Le petit jardinier (1993) – den kleinen, nackten Gartner, der gerade sein Geschäft im Grünen verrichtete. Alles begann mit farbenfreudigen Fotos von Freunden beim Grimassenschneiden. Die Farben auf den Abzügen waren nicht so intensiv, also nahm Gilles den Pinsel, retuschierte ein Stuck Wahrheit weg und übermalte, was Pierre fotografiert hatte. Das war 1976. Die älteste Arbeit der Schau war Les pistolets (Pierre et Gilles) von 1987. Die Lust an lasziven, eitlen Posen und beider Arbeitsteilung zur Kreation der bizarren Arrangements ist bis heute geblieben. Anything goes: Plastikblumen blühen, Tautropfen glitzern, Tranen perlen, Blicke schmachten, Mündchen schmollen, Hände sind demutsvoll gefaltet. Vorfabrizierte Gebärden, die sich irgendwo im Fadenkreuz von Walt Disney, Soap Opera, Bibel und Märchenkiste bewegen. ≪Es war einmal …≫ war lange her. Jetzt wurden Träume wahr, angefangen bei den katholischen Heiligenmythen Sainte Barbe (Roussia) (1990), Jésus d’amour (Franck Chevalier) (1989), Saint Lazare (Alexis) (1988), Le Martyre de Saint Sébastien (Jiro) (1996), Sainte Agathe (Adeline André) (1990), Saint Martin (Karim et Marc Almond) (1990) und Saint Etienne (Hamid) (1991). Aus einem schier grenzenlosen Repertoire an indischen Gottheiten, orientalischem Flitterkram, Devotionalienramsch, Postkartenschmus, Popkultur und Reklame bauten sich Pierre et Gilles ihre eigene Wirklichkeit und setzen die alte, hässliche außer Kraft. Mal sirupsüß, mal Gold glitzernd entstand so ein Zitatenschatz von Traumbildern einer heilen Welt, in der versteckte Erotik und seichte Gewalt Hand in Hand gingen mit unschuldigen Posen und ewigjungen Puppenstubengesichtern – eine postmoderne Antwort auf Leonardos Abendmahl und die Sixtinische Madonna. Einigen Unikaten konnte man eine sozialkritische oder politische Dimension nachsagen: Le petit chinois (Tomah) (1991), La petite fille des HLM (Soraya) (1992) oder der Grenzüberschreitung Le triangle rose (Laurent) (1993), wahrend andere durch ihren kompromisslosen Naturalismus auffielen: Enfants de Bangkok (Les deux Enfants) (1994), Enfants de Bangkok (Sabaidi) (1994). Unter den Models waren Nina Hagen (Amphytrite, 1989), die leider nicht zur Eröffnung kam, um Goethe zu treffen, Jean-Paul Gaultier (Jean-Paul, 1990), Tilda Swinton (Portrait de Lady Swinton, 1996), Sylvie Vartan (Nuit de neige und Ice Lady, beide 1994), Kylie Minogue (Sainte Marie MacKillop, 1995), Rupert Everett (L’importance d’être Constant, 1995) und Aiden Shaw (Midnight Cowboy, 1995). Aber auch die weniger bekannten Models waren zu schon, um wahr zu sein: Le papillon noir (Polly) (1995), La fiancée du pirate (Polly et Enzo) (1995), Le prisonnier (Laurent) (1994), Les deux amies (Astrid et Sandra) (1993), Elvis my Love (Stavros) (1994), La soubrette (Lio) (1995), Dream Catcher (Sandii) (1994), La maison hantée (Polly) (1996), Les amoureux de la foire (Haine et Fifi ) (1992), Le petit boxeur (Wilgens) (1994), Boys and Girls (Enzo, Laurent, Paquale, Sophie) (1994), Le petit jardinier (Didier) (1993) mit Strohhut und Margerite im Mund, Eden (Michele Hicks) (1993), Le petit musulman (Youdish) (1995) und Souvenir (Astrid) (1993). Zu Elian Pine Caringthon (Elian) von 1992 ließen sich Pierre et Gilles von Otto Dix’ Bildnis der Tänzerin Anita Berber (1925) inspirieren. Die Serie Les plaisirs de la forêt (Waldeslust, 1996) steckte voller Geheimnisse und bestand aus 13 im Wald auftauchenden, fast unbekleideten Jünglingen und aufwändig kostümierten, ebenso theatralisch posierenden Damen. Eine Galerie aus teddybärhaltenden, milchgesichtigen, aber auch messerscharfen Jungs fand sich in der 22-teiligen Reihe Les jolis voyous (Die hübschen Lummel, 1996). Doch der vergnügliche Genuss paarte sich mit dem makabren Reiz dieser Retortenwesen. Ihre makellose, blutleere Schönheit lies es ungemütlich werden in der ästhetischen Kuschelecke. Was verbarg sich hinter der irritierenden, aufdringlichen Sanftheit solch faltenloser, geschminkter Leichen?