Fascis - Fascismus und Faszination

2. EUROPÄISCHES ATELIERPROGRAMM 1995 – 96 | ACC GALERIE WEIMAR

Fritz Heisterkamp (DE) | Katherine Moonan (GB) | Markus Schwander (CH) | Ildar Nazyrov (RU)

Programmleiterin: Mary Rozell (Weimar)

30. November 1996 bis 12. Januar 1997

Fascis - Fascismus und Faszination

≪Faschismus≫ und ≪Faszination≫ entstammen der Wortwurzel ≪fascis≫, Rutenbündel, in denen Beile steckten, im alten Rom Zeichen der Gewalt über Leben und Tod. Gibt es Analogien zwischen faschistischen Verdrängung-, Verzauberungs- und Gleichschaltungsmechanismen und dem heutigen Medien- und Technologiengebrauch? Kann Gleichschritt der Gesellschaft ein Garant für dauerhafte Sicherheit und Qualität, Ruhe und Ordnung sein? Worin liegen Reiz und Verführungskraft makabrer Wiedergeburten von Trivialmythen und Pathosformeln des ≪Dritten Reichs≫? Woher kommt die Sehn-Sucht nach überwältigenden Effekten und Illusionen, nach Massenpsychose und Rausch? Gibt es hierbei Beruhrungspunkte mit der Geschichte Weimars?

Mit der Installation Classicism as a Lifestyle (1996) beabsichtigten Katherine Moonan und Pia Lanzinger, die Beziehungen zwischen Hochkultur, Funktion von Schonheit und von Ideologie zu untersuchen. In ihren Fotomontagen (1996) fand sich Hitler inmitten begeisterter Massen vorm Hotel Elephant vereint mit dem Stalindenkmal am Gauforum, einer CDU-Wahlkundgebung und eingeblendeten idyllischen Illuminationen des heutigen Weimar. Sie waren nur dokumentarisch

zu sehen, da Pia Lanzinger sich kurz vor der Vernissage distanziert hatte – die Schau verharmlose NS-Vergangenheit und diene sich so aufkommenden neonazistischen Tendenzen an. Diesen und andere Eindrücke verarbeiteten beide in Slap! Weimar (1996) – einem geschichts- und kulturkritischen Reiseführer für eine Europäische Kulturstadt. Den Medienbrei King Hitler (1996) richtete Fritz Heisterkamp per Videoinstallation an, zeigte Aufnahmen des lautlos agitierenden Martin Luther King (I have a dream...), unterlegt mit Hitlers knatterndem O-Ton, der ununterbrochen vernichtete Feindwaffen aufzählte, dazu falsche russische ≪Untertitel≫ – Kochrezepte wie Mannaja Kasha (Griesbrei) oder Mousse au Chocolat. Daneben aus seiner Happy-Party-Serie (1993) ein Porzellanservice mit Tellern und Tassen, die dicke blaue Hakenkreuze zierten. Dem gekreuzigten Jesus bot man per Schilfrohr einen weinessiggefullten Schwamm zum Trinken an, Heisterkamp bot als Erfrischungs-Set (1996) auf ovalem Silbertablett Essigessenz und einen Glitzi-Topfreinigerschwamm. Markus Schwanders Weimar 1996 (1996) reinszenierte Weimars Gedenkfetischismus mit einem biederen Buffetschrank, auf dem wie eine Skyline 30 unbemannte, namenlose Miniaturgipssockel diverser Größen und Stile standen, nachgeformt ihren Originalen im Stadtraum. Sie deuteten auf eine Kapitulation vor der Weimarer ≪Erinnerungswut≫. Schwanders Handschriftensammlung Ich bewundere dich (1996) erzeugte – vor strahlendem Himmel – mit diesem Ausspruch einen Chor visueller Stimmen. In Regalen lagerte er Die verlorenen Indianer (1996), Betonvergrößerungen der Bodenstucke von (verschwundenen) Plastik-Spiel-Indianern. Ildar Nazyrov erfand die Kunst des ≪Messungtionism≫, die übers ≪Messen von Zeit, Bewegung, Raum≫ u. a. den räumlichen Film hervorbringen sollte. Er suchte gerade im Unscheinbaren, gewöhnlich Anmutenden den geschichtlichen Verweis. Im Brühl 6, dem sogenannten Judenhaus, wurden ab 1941 Angehörige acht jüdischer Familien von den Nazis gezwungen, auf engstem Raum zusammenzuleben – eine Vorstufe der Deportationen. Ein Schuster führte dort 1996 sein Geschäft – Teil der Rauminstallation Messung (Jüdisches Haus). Für das Objekt Messung (Rathausplatz) diente Stipendiat Harald Fetveit als Instrument. Das Fotoobjekt Messung (Ausländer raus) (alle 1996), ein Gleisbett, seitlich von fotografierter Buchenrinde mit eingeritzten Zeichen wie ≪CCCP≫, Geschlechtssymboliken und SS-Runen umgeben, machte deutlich, wie sehr ≪banaler≫ Alltag und ≪schwere≫ Geschichte sich durchdringen.

Prof. Liz Bachhuber, Andrea Dietrich, Dr. Kai Uwe Schierz (alle Weimar), Klara Wallner (Berlin) und Dr. Klaus Werner (Leipzig) hatten als Juroren die Stipendiaten ausgewählt.