SPLASH!

29.6. bis 22.8.1997

Nedko Solakov (BG) | Pierrick Sorin (FR) | Gillian Wearing (GB)
In der Kleinen Galerie: Stefanie Klekamp mit «physis» | Michael Böhler, Franz Höfner und Harry Sachs mit «Active Men» (alle DE)

SPLASH!

Gillian Wearing: Dancing in Peckham, 1994.

Die erste Videokunstausstellung Weimars brachte Bewegung ins Spiel und scheinbar banalen Alltag in die Kunst. Weg von der Starre von Monitor oder Wand, schlurften, tänzelten und gestikulierten Pierrick Sorins kostümierte Alter Egos als lächerliche, heimtückische oder extrovertierte Antihelden in magischen, schwarzen Schaukästen, die «virtuelle Minispektakel» in sich bargen, durchs dreidimensionale Leben. Nicht einsehbare Monitore und Zweiwegespiegel erzeugten virtuelle  Projektionen in Miniaturbühnenbildern. Am Stand E9 (1996), dem Modell eines Kunstmessestandes (der Pariser FIAC 1996) mit zentralem, im Boden versenkten Bildschirm, der eine «Kunstsuppe» wie ein abstraktes Gemälde brodeln ließ, ging Sorin slapstickhaft und burlesk mit Videokunst und dem kommerziellen Kunstmarkt ins Gericht. Eine Kunsthändlerin erklärte mit großer Geste die Kunst, der Künstler schmeckte mit der Schöpfkelle das Gebräu ab, der Sammler reagierte angewidert oder kostete neugierig. Für Slight Reprise (Leichte Reprise, 1996) filmte Gillian Wearing Leute, die in der zurückgezogenen Intimität ihrer Schlafzimmer mit den Idolen ihrer Lieblingsrockbands die Rollen tauschten und «Luftgitarre» spielten. Gedreht auf Super-8 und überlebensgroß projiziert, hoben sie  als Lenny Kravitz oder Ritchie Blackmore von ihrer Privatbühne ab in eine schönere Welt, wurden  selbst zu Helden: «Eric Clapton spielte dieses Solo, und ich spiele dieses Solo».  Im «Selbstbildnis» Some of My  Capabilities (Einige meiner Begabungen, 1995) zeigte Nedko Solakov, was er mit seinem Körper alles kann: die Daumen nach hinten biegen, mit den Ohren wackeln, mit der Zunge die Nasenspitze berühren, intimere Körperteile bewegen, zeichnen und schreiben. In I’d like to teach the world to sing (Ich würde der Welt gern das Singen beibringen, 1996) ließ Gillian Wearing wildfremde Londonerinnen, die nur eines gemeinsam hatten – geblümte Kleider – zunächst individuell auf Coca-Cola-Flaschen die berühmteste, fast hypnotische Coke-Werbehymne blasen, wonach sich die «Produktgemeinde» – wie im Originalspot – zum Orchester vermehrte und immer lauter wurde. Im Auftrag Nedko Solakovs verführten in Sexual Harassment (Sexuelle Belästigung, 1997) fünf bekannte bulgarische Kunstkritiker Weimars historische Größen – ausnahmslos mit mimischen Mitteln und vor laufender Kamera. Mit teils unmissverständlichen Lippenbewegungen, Wimpernaufschlag und Zigarettenspitze näherten sie sich deren «geistiger» Präsenz. Maria Vassileva schwelgte, als sie an Goethe dachte, eher in Erinnerungen an das extrem delikate Stück Kirschcremetorte, das sie nach dem Goethehausbesuch 1983 verzehrt hatte. Iara  Boubnova verführte Schiller – weil er die romantischere Person des Dichterpaars ist und jünger starb. Boris Danailov «vernaschte» Lucas Cranachs gemalte Frauenakte und Philip Zidarov stellte sich Charlotte von Stein (bzw. Thomas Manns Lotte in Weimar) vor, während Ilina Koralova Franz Liszt anmachte (oder besser dessen Filmdarsteller Julian Sands). Pierrick Sorins L‘ incident du bol  renversé (Der Zwischenfall mit der umgekippten Schale, 1993) dokumentierte eindringlich einen misslungenen Tag, nachdem am Frühstückstisch versehentlich das Kakaoglas auf die Aufzeichnungen vom Vorabend und die eigene Pyjamahose gefallen war. Alltagsbanalität wurde zum großen Theater, aus allen Lagen gefilmt und dutzendfach wiederholt. Demnächst in diesem Saal (1995), der wie ein Kino-Trailer oberflächlichreißerisch aufgemachte Pseudo-Werbefilm für ein angeblich bald erscheinendes Video von Sorin, griff zu «Zutaten», von denen die Medien durchsetzt sind – Sex, Gewalt und Romantik. Die Handlung: Bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher ergötzt sich der Held (Sorin) an einem Glas Milch und rutscht später aus, als er aus der Badewanne steigt …In The Thief of Art (Der Kunstdieb, 1996) schilderten berühmte Museumsdirektoren, Sammler und Galeristen sichtlich hilfl os und verwirrt, wie ihre Sammlung auf mysteriöse Weise um ein wertvolles Stück erleichtert wurde. Einziges Indiz des Diebstahls war ein dunkles, dickes, langes Haar, wohl kaum von einem Menschen. Wie die Bestohlenen, so liebte auch Bigfoot Yeti – von Solakov gespielt – Kunst, wenngleich er sie in dem Glauben anhäufte, er könne damit «Schönheit» erlangen. In L‘homme fatigué (Der müde Mann, 1997) stapfte ein Mann zögerlich, ziellos und niedergeschlagen in besudelter Unterwäsche durch einen schäbigen Wohnraum, nahm einen Schluck Bier aus der Dose, urinierte fast ins Waschbecken, kratzte sich, schaute desinteressiert fern und wurde selbst angesichts seiner eigenen Filme nicht munterer. Nicht einmal die Rückrufbitten der Kunstkollegen auf dem Anrufbeantworter bewirkten, dass er weiter am Geschehen teilnahm. Un spectacle de qualité (Ein niveauvolles Spektakel, 1996) bot Pierrick Sorin als Ironie auf unsere «Show-Gesellschaft» und den passiven Kulturkonsum an. Der Betrachter fand sein schaumgekröntes Abbild in der Wanne eines Badezimmers wieder, wo er gemütlich fernsah. Der Flimmerkiste entstiegen wiederholt einzelne virtuelle Minifi guren, die am Wannenrand eine Serie pseudo-artistischer Soli aufführten, mal den «Tanz der Zeitgeister», mal «Die Nachhallende Poesie», mal mehrere «Harakiri»-Einlagen, die fast immer – gemeinsam mit Blut, Urin, Erbrochenem, Büchern und Gitarren – im Badewasser des Zuschauers endeten. Inspiriert von einem Konzertbesuch, in dem sie eine einsame, sich wild außerhalb jeden Taktes bewegende, doch keineswegs verlegene Frau beobachtet hatte, studierte Gillian Wearing für Dancing in Peckham (1994) Nirvanas Smells like Teen Spirit und Gloria Gaynors I Will Survive regelrecht ein und stellte sich selbst in eines der typischen Londonder Mittelklasse-Einkaufsviertel, um die Reaktionen der Passanten auf ihr unverständliches, lautloses Tanzgebaren zu erforschen. Die blieben jedoch aus.