mächtig gewaltig

27.6. bis 16.8.1998

Joël Bartoloméo (FR) | Cheryl Donegan (US) | Johan Grimonprez (BE) | Tony Oursler (US)

mächtig gewaltig

Johann Grimonprez: dial H-I-S-T-O-R-Y, 1995 – 97.

Joël Bartoloméo (FR) | Cheryl Donegan (US) | Johan Grimonprez (BE) | Tony Oursler (US)

In dieser Ausstellung wurden der Umgang mit Macht und Gewalt und ihre Rollen in der Gesellschaft reflektiert. Die 68minütige, bestürzende, umwerfende, makabre Videocollage dial  H-I-S-T-O-R-Y (1995 – 97) stand in der Tradition der Found-Footage-Filme, wies Katastrophen als die wahren (und lustvoll rezipierten) Medienspektakel nach und war nicht nur eine höllische Filmchronologie aller – von Film und Fernsehen je aufgezeichneten – Flugzeugentführungen, sondern kreiste auch um das kollektive Erinnern, «um einen Supermarkt, der Geschichte heißt». Das meinte Johann Grimonprez, Autor des Films, der kompromisslos Dokumentarszenen mit Ausschnitten aus Science-Fiction-Filmen, Werbespots, historischen Reportagen, Flugzeug- Übungsfilmen und Cartoons verknüpfte und als emotionale Attacke aus Schock-Effekten mit Langzeitwirkung an Eindringlichkeit nicht zu überbieten war. Zu flotter Soul- und Volksmusik entstand ein Abbild der Einflussnahme der Medienberichterstattung auf unsere Gefühlswelt, Politik, Kultur und Geschichte. Der vom Avantgardemusiker David Shea zusammengestellte Soundtrack wurde von O-Ton-Aufnahmen und Texten aus zwei Romanen von Don DeLillo, White Noise und Mao II, unterbrochen. Unkonventionell bezog Cheryl Donegan den Entstehungsprozess von Malerei in ihre konzeptuellen Performance-Aktionen vor der Kamera ein, benutzte ihren Körper als  künstlerisches Werkzeug und Metapher und «katapultierte in ihren kurzen, körperzentrierten Performancebändern Videotendenzen der Siebzigerjahre geradewegs in die Befindlichkeiten der Neunziger» (Herbert Wentscher). Kiss My Royal Irish Ass (K.M.R.I.A.) (Küss meinen königlich irischen Arsch, 1992 – 93) – ein Zitat aus Ulysses von James Joyce – war eine Hommage an Yves Klein und seine body paintings wie auch ein Statement zu Donegans irischer Herkunft, die verworrenen Vorstellungen um Identität, die oft vieles offen lässt, nichts Spezifisches aussagt. Nur in Unterwäsche, setzte sich Donegan auf eine Plane mit grüner Farbe, platzierte ihren Hintern danach zweimal auf Papier und druckte so das Bild eines Kleeblatts (das Wahrzeichen Irlands). Die Rauminstallation Tent (Zelt, 1992 – 93) fasste drei große Ölformate mit schlichten Selbstporträts und drei Einstundentapes, die den schwierigen Entstehungsprozess jener Gemälde dokumentierten, zusammen. Auf einem Video kroch Cheryl Donegan über die Leinwand, kämpfte gegen ihre verkrampfte und unkomfortable Körperhaltung an und versuchte, zu malen, auf einem anderen malte sie in der Dunkelheit, auf einem dritten zur Musik der Rolling Stones – mit Schutzbrille auf dem Boden unter der Leinwand. Für Practisse (Übung, 1994),  stülpte sich Cheryl Donegan eine transparente Plastiktüte über den Kopf, bemalte die Züge ihres Gesichts mit den Fingern, übermalte dessen Konturen aber auch auf einem Videostandbild des  Monitors, um später alles bis zur Unkenntlichkeit mit Wasser zu verschmieren. Begleiten ließ sie sich von James Joyces einziger Tonaufnahme einer teils unverständlichen Lesung aus Finnegans Wake. Von 1991 bis 1995 filmte Joël Bartoloméo seine Familie wie ein Amateuranthropologe mit einer einfachen Videokamera, «denn die Familie reflektiert die Welt, sie ist ein Mikrokosmos». Kurze Videos – wie A quatre ans je dessinais come Picasso (Als Vierjähriger zeichnete ich schon wie Picasso, 1991), Le jeudi de l’Ascension (Himmelfahrtsdonnerstag, 1992) oder Le chat qui dort (Die schlafende Katze, 1992) – gaben sich als unschuldige Familienfilme, friedliche Chroniken eines Picknicks, Sequenzen von Kindern bei ihren Malversuchen … Doch eine Kamera ist niemals wirklich unschuldig. Die täglichen Turbulenzen, Unwetter, Momente, in denen es überschwappt, aus dem Leben stiebitzte Augenblicke zwischen stillem Familienglück und Zerrüttung waren, «obwohl es so aussieht, keine Familienfilme, eher Anti- Familien-Filme ...». Joël Bartoloméos kinoartige Projektion Kiss Me My Darling, It’s Now or Never (1997) füllte ein von hinten aufgenommener Mann fast aus. Eine Frau in einem herrlichen roten Kleid erschien, warf ihm glühende Blicke zu, doch der Mann reagierte kaum. Elvis wiederholte schmachtend «Kiss Me My Darling». Angesichts dieser Gleichgültigkeit änderte sich ihre Haltung. Sie hüstelte, schaute ins Leere, nahm eine distanzierte Haltung an, ihr Blick wurde streng. Die Doppelprojektion Move up (1998) aus der Série des transitions entwarf Bartoloméo als Studie über die Beziehung zwischen Tanz, Meditation und Schmerz. Tony Oursler hat die Videokunst vom schwarzen Kasten, dem Monitor, befreit. Mit seinen Spot-Projektionen auf die Gesichter von «Dummies» und «Dolls», Puppen mit menschlichem Antlitz, schuf er eine humorvolle, anziehende und zugleich unheimliche, befremdliche Welt lächerlicher Gefahren, die sich mit der Mediengesellschaft und ihren Auswirkungen auf die Seele des Menschen befasst, aber auch mit den Versuchen und Psychotechniken des Einzelnen, den dramatischen Verlust des Verhältnisses zu den Mitmenschen und zum eigenen Körper zu kompensieren. Seine Wesen, deren Seelen sich seufzend, heulend, brüllend Luft verschafften, schienen ein Eigenleben zu besitzen. Näherte man sich der Videoskulptur RGB2 (1996 – 97, RGB steht für Rot, Grün und Blau – die drei Farben, die das Fernsehbild erzeugen), reagierte ein Rotlicht auf die Geräusche und «sprach» durch Aufleuchten.  Auch Horror (1993), eine im freien Raum eines Kämmerchens hängende Puppe, breitete ihr starkes physisches und emotionales Potenzial offen und ungeschützt aus. Bei Criminal Eye (Kriminelles Auge, 1995) war es keine Puppe mehr, sondern das gespenstische, menschliche Auge als selbstständiges, sich bewegendes Organ, projiziert auf eine augapfelartige Fiberglaskugel, das den Betrachter wahr- und in einem dialogischen Verhältnis gefangen nahm, irritierend wirkte und dennoch die eigene Position jenseits des autonomen, begrenzten künstlichen Lebens deutlich machte.