Europe In The Box

17.4. bis 6.6.1999

Alexandros Psychoulis (GR) | Aroldo Marinai (IT) | Arjen Lancel (NL) | Ulrike Flaig (DE) | Boris Achour (FR) | Michael Fullerton (GB) | Sandra Johnston (IE) | Elena Carreño (ES) | Philip Huyghe (BE) | Ruí Calçada Bastos (PT) | Dany Prum (LU) | Frans Jacobi (DK) | Yiorgos Tsakiris (GR) | Malin Lobell (SE) | Marianne Buttstädt (DE)

 

Europe In The Box

Dany Prum: Copenhagenbox, 1999. Frans Jacobi: Thessalonikibox, 1999.

15 Künstler aus den bisherigen Kulturstädten Europas besuchten jeweils die Kulturstadt des Folgejahres, lebten als Fremde in jener Gaststadt bei ihren Künstlerkollegen, während sie vorher Gastgeber in ihrer Heimatstadt waren. Ausgehend von der Idee, dass wir heute überall zuhause sein können, wenn wir per Funktelefon und Laptop «am Netz» sind, und dass somit die Geschwindigkeit der Reise und des Informationsaustauschs die Perspektive eines geistigen Ineinanders von entfernten Städten schafft, bekamen die Künstler eine Aufgabe mit auf den Weg: Europe In The Box fragte danach, was an Materialien nötig, sinnvoll und überhaupt möglich sei, um eine Stadt und ihr Wesen über die reine Information hinaus zu «erinnern», zu vergegenwärtigen. Europe In The Box versuchte, ein Gespräch in Gang zu setzen, das ohne Zentrum auskommt. Ob in der dritten, zweiten oder ersten Welt – Nomadentum, Flucht, Reisen und Heimatlosigkeit haben viele Ursprünge und Gesichter. Dieses Projekt befasste sich in erster Linie mit ihren europäischen, denen der Industriegesellschaft. Die Kiste mit ihrem Standardmaß 60 x 60 x 60 cm, kompatibel und stapelbar, stand auch für den Wohnwagen, in dem jeder 
Zentimeter so funktionalisiert wird, dass alles auszubreiten und wieder zu verstauen geht. Die Kiste als Instrumentarium, das Symbole des eigentlichen Lebensraums beinhaltet, sollte – auf beispielhafte, transportable, repräsentative Elemente reduziert – Erinnerungen an den Ort in sich bergen und entfalten, um die Frage zu beantworten: Wie lesen Fremde ein Ambiente – oder gar eine Identität? Was «nehmen» sie davon mit? Wie formulieren sie das? Und was ist davon wiederum für Andere erkennbar? Alexandros Psychoulis (Athen) nannte seine zum Heiligenkreuz mit drei Pinocchiofiguren modifizierbare Kiste – eine ideale Verbindung zwischen der touristischen Attraktion von Florenz und seiner präsenten religiösen Vergangenheit – Three Pinocchios are still lying (Drei Pinocchios lügen immer noch). Aroldo Marinai (Florenz) thematisierte den schrecklichen und rätselhaften Absturz einer israelischen Frachtmaschine in seiner Kiste Amsterdam and a «Place with a Memory» (Amsterdam und ein «Ort mit Gedächtnis»). Arjen Lancel (Amsterdam) nannte seine Berlinbox One Monument Please (Ein Monument bitte). Die Suche nach einer neuen Identität und Geschichtsrezeption für Berlin und seine Baustelle Potsdamer Platz gipfelte für ihn in der Debatte um das Holocaust-Denkmal. Ulrike Flaig (Berlin) nannte ihre Parisbox Brotherly Kiss (Bruderkuss). Zehn Jahre waren zwischen ihrem letzten Paris-Besuch und 1999 vergangen, revolutionäre politische Veränderungen und der Wegfall jener Brudergeste bestimmten diese europäische Dekade. Boris Achour (Paris) hatte in seiner Glasgowbox Regarde-moi (Schau mich an) eine billige, gefundene Tasche, die symptomatisch für Migration und den Wanderarbeiter steht, sparsam mit roten Lämpchen veredelt, um so Wahrnehmung und Sinne zu schärfen. Michael Fullerton (Glasgow) nannte seine Dublinbox Gospel Sermon Distorted. Three Weeks of Silence (Verzerrte Gospelpredigt. Drei Wochen Stille). Bei einem zufälligen Besuch in einer Predigerkirche bekam er eine mit der gerade erlebten Gospelpredigt bespielte Tonbandkassette geschenkt, die er ins Unverständliche verzerrte. Sandra Johnston (Dublin) visualisierte mit ihrer Box über das weihnachtliche Madrid mit verschiedensten Objekten ihr Gefühl des Fremdseins zur an sich geselligen Zeit um Silvester und das Fest der Heiligen Drei Könige, was in einer zwölfstündigen Performance gipfelte. Elena Carreño (Madrid) zeigte mit Condemned to look (Zum Zuschauen verdammt), wohin die vier großen, in Stein gehauenen Sinjores Antwerpens – van Dijck, Rubens, Teniers und Jordaens – Jahr für Jahr als Zeugnisse und Zeugen der Stadtgeschichte zu schauen haben. Philip Huyghe (Antwerpen) sah Lissabon in seiner Kiste Endless 1999 (Endlos 1999) als den «Balkon am Ende des Kontinents». Seinen Lieblingsblick von der Terrassenstadt auf den weiten Horizont des Meeres hielt er auf  endlosen Take-away-Ansichtskarten zum Abreißen fest. Ruí Calçada Bastos (Lissabon) fertigte die Luxembourgbox an: Die hermetische Abgeschlossenheit des Privatraums und der Mangel an städtischer Wärme und Geborgenheit im öffentlichen Raum ermöglichte dem Fremden nur eine mangelhafte Anteilnahme. Die begehbare Kopenhagen-Transportkiste von Dany Prum (Luxemburg) hatte, wie sie mit starkem Tau von der Decke hing, viel vom Image eines Schiffs samt Ventilator, Schiffshupe und Bullaugen, Leuchten im strengen dänischen Design, Puppenstubenambiente und Geräuschkulisse. Frans Jacobi (Kopenhagen) war in Thessaloniki. Die während seiner Spaziergänge erlebte Fremdheit schlug sich in seinen von Einsamkeit gezeichneten, poetischen Foto-Text-Kombinationen nieder. Yiorgos Tsakiris (Thessaloniki) setzte in Stockholm erworbene Brotlaibe in einer Plexiglasbox dem Schimmelprozess aus. Waren es Veränderung und Vergänglichkeit als Aspekte urbanen Lebens oder das Wort «Schimmel», das im Griechischen ebenso einen Ort bezeichnet, der missfällt, worauf er fokussierte? Die Weimarbox von Malin Lobell (Stockholm) nahm die Penetranz aufs Korn, mit der wir Deutsche mittels   Umbenennung von Straßen und Plätzen Geschichte zurechtzurücken und Vergangenheit zu bewältigen versuchen. Neben der Namenskaskade um den heutigen Weimar-Platz fand sich der Satz «Jedermann glaubte, dass etwas Gutes dabei entstehen würde». Mit Marianne Buttstädt (Weimar) schloss sich der Kreis zur ersten Kulturstadt Europas, Athen. Der Initiatorin des Kulturstadtgedankens, Schauspielerin und späteren griechischen Kulturministerin Melina Mercouri («Ich bin ein Mädchen von Piräus»), einer fast religiös verehrten Nationalheldin, gedachte sie mit ihrem griechischen Straßenaltären nachempfundenen Altarmodell «DANKE!» 1:10.