Schatten und Esel

 CORNEL WACHTER (DE)

Schatten und Esel

CORNEL WACHTER (DE)

28. August bis 26. September 1999

Bereits 1991 führte das Kölner Künstlerduo UnterbezirksDada (Cornel Wachter & Elmar de Saint Schmitt) mit zahlreichen Weimarern die Performance Gewidmet den Freunden der Menschheit – Theil II auf dem Theaterplatz auf. Cornel Wachter war Initiator der Wiederbelebung der ersten Oper mit deutschem Libretto Alceste (1773, 1999) im Hotel Elephant und eines Konzerts vom Menschensinfonieorchester (2002), in dem Obdachlose und nicht obdachlose Musiker professionell zusammenarbeiten, vorm ACC. Mit seiner Frau Helga erfand er den 365-Tage-Goethe-Ruheraum und die ACC-Veranstaltungsreihe Who the fuck is Wieland? (beide 1999). Die UnterbezirksDadaisten ließen sich für die Schau Schatten und Esel (1999) von der geistigen Welt des «deutschen Voltaire» Christoph Martin Wieland inspirieren – und vom Streit zwischen Eselstreiber und Zahnarzt aus dessen Geschichte der Abderiten (1774). Die weltweite Aktion Have a nice round (2002 – 03) drehte sich in vielen Sprachen und Medien um die Abwandlung von Kants kategorischem Imperativ «Bitte verlassen Sie den Platz so, wie Sie ihn selber gern vorfi nden möchten» – und um ein pol-zentrisch verzerrtes Logo der UN-Weltfl agge. Pinocchio, durch «Erkenntnisprozesse» menschgewordener Holzbub, durfte Wachters Weltkugel tragen. Niederschriften von 50 Kölnern und Weimarern, versiegelt in den Flaschen eines Regals, bildeten eine «Gedankencollage» zum Thema Bescheidenheit (2001– 03). Alle 20 Minuten wird ein Mensch Opfer einer Landmine. Deutschland zählt, wie auch bei Minenräummaschinen und Sportschuhen – die bei Opfern, deren Extremität in die Luft gesprengt wurde, besonders beliebt sind – zu deren größten Produzenten. Die Boutiqueanordnung Fallfashion for homeless people (2003) kritisierte die Globalisierungsfalle einer gleichgeschalteten Konsumpalette, in deren Kreislauf auch die durch Tretminen Verkrüppelte zu ihrem Sportmarkenschuh aus dem Westen kommen, und wenn es nur der linke ist. Von Wachters Engagement für den Fußballklub SC Fortuna Köln, der 500 Kindern aus 26 Nationen ein sportliches Betätigungsfeld bietet, zeugte sein Fußballraum – Mein Team (2003) mit den Gastkünstlern Ralf Bageritz, Thomas Baumgärtel (der «Bananensprayer»), peer boehm, Die Toten Hosen, Peter Bömmels, Placido Domingo, Knopp Ferro, Kalaman, Andreas Kopp, Werner Neumann, Dieter Oeckl, Jo Oberhäuser, Sigmar Polke, Trini Trimpop, Susanne Waltermann und Heinz Wimmer. Der Skulptur Boote (2003) wuchs ein Boot aus dem Kopf – Gedanke, Hoffnung, Flucht, Abenteuer? 2004 erzählten Wachters Beautiful Days im Weimarer Straßenbahndepot von Bildung und der Freiheit, diese zu erwerben: Ein unbemanntes Ruderboot trieb auf einem Salzmeer, umzäunt von Bandenwerbung. Mit der Tisch-Skulptur Diary of an ennuyé – Tagebuch eines Gelangweilten (2003) ging Wachter Fragen im Alptraumleben der Familie des Robert Steinhäuser nach, vor deren Hintergrund sich das Massaker im Erfurter Gutenberg-Gymnasium ereignete. Mangelnde Wertschätzung und Entfremdung bringen wie die Löcher im Tisch ein gemeinsames Abendmahl zum Scheitern. Die koloniale Aufteilung und Vermarktung des Rohstoffs Wasser thematisierten die Gemälde Gezeiten (2003) und Das ist der kapitalistische Realismus – Herr Professor (beide 2003). Eine Tür in Parabel (2003) und eine Planetenbrücke in 19. April 1952 (2003) verbanden unterschiedliche Welten. Blue Suede Shoes (2002) erzählte von der unantastbaren Würde des Menschen, in The Lucky Unlucky People (1986 – 2003) porträtierte Wachter Obdachlose, denen er als Pfl eger in einem Kölner Krankenhaus begegnet war. Das Passbild einer Iranerin war Ausgangspunkt der Malereien Schönheitskönigin und Kopftuchurteil (beide 2003). So wie westliche Militärakrobaten bei «chirurgischen» Eingriffen in schwelenden Kriegsregionen Spuren hinterließen, taten dies auch Besucher bei ihrer Gratwanderung über den SchwebeBalkan (2003). Aus Wachters besteigbarem Hochstand vorm ACC tönte es, die Weimarer Museumsmeile im Blick: Geist ist geil (2003).