Landscape

12. Februar bis 2. April 2000

Mat Collishaw | Keith Coventry | Tacita Dean | Willie Doherty | Peter Doig | Siobhan Hapaska | Tania Kovats | Rachel Lowe | Rut Blees Luxemburg | Chad McCail | Mariele Neudecker | Paul Noble | Julian Opie | Michael Raedecker | David Rayson | David Shrigley | Ross Sinclair | Bob and Roberta Smith | Wolfgang Tillmans | Paul Winstanley (alle UK)

 

Landscape

Mariele Neudecker: Morning Fog in the Mountains, 1997.

Mat Collishaw | Keith Coventry | Tacita Dean | Willie Doherty | Peter Doig | Siobhán Hapaska | Tania Kovats | Rachel Lowe | Rut Blees Luxemburg | Chad McCail | Mariele Neudecker | Paul Noble | Julian Opie | Michael Raedecker | David Rayson | David Shrigley | Ross Sinclair | Bob and Roberta Smith | Wolfgang Tillmans | Paul Winstanley (alle GB) Kuratorin: Ann Gallagher (GB), The British Council 12. Februar bis 02. April 2000

Die Schau zeigte neue britische Landschaftskunst: Mat Collishaw kreuzte Hautkrebs-Aufnahmen digital mit Blumenfotos – die Infizierten Blumen (1996) einten bestechende Schönheit und finsterste Elemente. Was wie ein Abzählreim klang (Who Killed Cock Robin, digitale Fotocollage, 1997),  betitelte eine Szene mit engelhaften, winzigen Kinderfiguren in blühendem Garten vor großem, toten (ausgestopften) Rotkehlchen: Was war geschehen? Willie Dohertys poetisch-abstrakte Landschafts- Nahaufnahmen Minor Incident (Kleiner Zwischenfall, 1994 und 1996) spiegelten atmosphärisch die anhaltenden britischen Spannungen mit Nordirland: Reifenspur im Schlamm, herumliegende blaue Plastiktüte – belanglose Entdeckungen von unterwegs oder Indizien eines gewaltsamen Vorfalls? David Raysons Gemälde From Ashmore Park to Wednesfield: The Linthouse Bridge und The Jet Bench (beide 1998) markierten fotorealistisch Kindheitserin-nerungen an die Industrieregion Mittelenglands und ihre menschenleeren Vororte –  Zwischenlandschaften, nicht Stadt, nicht Land. Die minimalistische Skulptur Peninsula (Halbinsel, 1998) von Tania Kovats vereinte Halbinsel und Gebirgsformation in einem geologischen Modell, erinnerte an altertümlich-kitschige Grotten- und Höhlendarstellungen und wirkte wie herausgeschnitten aus einer realen Landschaft. Mariele Neudecker entwarf mit Calais /Dover /1991 / 98 (1998) eine zeitgenössische Version des Panoramabildes: Auf einer Calais- Dover-Schiffsreise machte sie aller acht Minuten ein Foto. Tacita Deans Lichtbild-Aussicht vom Rozel Point, Great Salt Lake, Utah (1997) auf einen spiegelglatten See bildete den Schlusspunkt einer spontanen Autoreise, die dem Gerücht nachging, Robert Smithsons legendäres, untergegangenes Land-Art-Werk Spiral Jetty (1970) sei wieder aufgetaucht. Unterwegs entstanden die Klangarbeit Trying to Find the Spiral Jetty (Versuch, Spiral Jetty zu finden) und der Filmstreifen Mosquito (beide 1997). Die von Julian Opie auf ihre archetypischen Elemente reduzierte Landschaftwelt zwischen Fläche und Raum, Wirklichem und Fiktivem, erzählte von einer in den flachen Horizont mäandernden Landstraße – Landscape (1) (1995) – und vom Landeanflug über ländlicher Gegend – Imagine You Are Landing (Three Barns) (Stell Dir vor, Du landest [Drei Scheunen], 1994). Rut Blees Luxemburgs langzeitbelichtete Nachtansichten aus dem Londoner Osten (Enges Bretterhaus, 1998), ließen jegliche menschliche Anwesenheit aus dem Bild verschwinden und doch präsent sein. David Shrigleys gewitzt betextete Fotos standen in der Tradition surrealistischer Absurditäten und Kritzeleien: Imagine Green is Red (Stell dir vor, grün ist rot, 1998). Sein aus der Erinnerung eines Spaziergangs gezeichneter Plan der Skulpturen Projekte in Münster (1997) war eine eher sinnfremde Karte zur Desorientierung. In der Video- Parodie The Sound of Young Scotland (1996) saß Ross Sinclair in der idyllischen schottischen Landschaft der Isle of Eigg, kehrte uns seinen mit den Worten «REAL LIFE» tätowierten Rücken zu und sang traditionell schottische Songs von Heimatliebe, um dem populären Image von schottischer Kultur etwas «Echtes» abzugewinnen. Die wassergefüllte Vitrine Morning Fog in the Mountains (1997) von Mariele Neudecker enthielt die wiedererkennbare Version eines Gemäldes Caspar David Friedrichs in 3-D, nebst atmosphärischer Effekte, nachgeahmt mittels chemischer Lösungen. Paul Nobles Villa Carl, Villa Carl (rear view) und Paul’s Palace (alle 1997) waren in Form dreidimensionaler Buchstaben gezeichnete Gebäude der fiktiven Stadt (und Blatt-Serie)
«Nobson Newtown» – einer alptraumartigen Parodie auf die Städtebau-Utopien der Nachkriegszeit, deren Häusern man ihre Funktion ablesen konnte: Slum, Industriebetrieb, Pauls Palast.  Im Video Flawed (Fehlerhaft, 1996) ließ Bob and Roberta Smith auf dem Serpentine Lake in Londons Hyde Park handgemachte Boote – Concrete Boats (Betonboote, 1998) – zu Wasser, die sanken: sie waren aus Beton. Im Textgemälde I Believe in Joseph Mallard William Turner (1999) irritierte das Wort «Mallard» (Stockente) – zu dem Turners zweiter Vorname «Mallord» mutierte. Keith Coventrys Baumstümpfe-Bronzeplastiken wie Queens Road SE15, Planted 1988 Destroyed 1992 (1994), repräsentierten in kümmerlichen Baumtorsi die Landschaft der zeitgenössischen Stadt. Sein Bild Nunhead Estate (1992) orientierte sich an abstrakten Plänen sozialer  Wohnblocksiedlungen. Wolfgang Tillmans dokumentierte mit seiner Fotoserie Concorde (1997) die Landebahnen am Flughafen Heathrow und am Himmel über West-London, stets die Flugzeugikone im Visier. Siobhán Hapaskas abstrakte Fiberglas-Skulptur Land (1998)  ähnelte den  unregel-mäßigen Formen eines Rennwagens und suggerierte Glätte, Schnelligkeit und Modernität – eine Landschaft als Konsumprodukt – mit der Science-Fiction-Ästhetik der 1950er. Michael Raedeckers scheinbar «unbewohnte» Gemälde The Approach (Die Annäherung) und Monument (beide 1998) deuteten mit einfachen, schwarzen Linien Vegetation oder Bebauung an. Inspiriert von Landschaftserlebnissen aus seiner kanadischen Kindheit, kombinierte Peter Doig in den Gemälden Hill Houses (Berghäuser, 1990 – 91) und Green Trees (Grüne Bäume, 1998) Romantisches mit Abstraktem, gebettet in wechselnde Farb- und Lichteffekte. In der s /w-Videosequenz Swamp (Sumpf, 1996) trieb eine mystische Figur in einem Boot übers Wasser – ohne dass sich das Geschehen auflöste. Im Video Letter to an Unknown Person No. 6 (Brief an eine unbekannte Person Nr. 6, 1998) von Rachel Lowe sah man eine Hand, die wiederholt vergeblich versuchte, aus einem fahrenden Auto die Konturen der vorbeischießenden Landschaft aufs Fensterglas zu zeichnen. Auch Paul Winstanleys verschwommene Roadmovie- Ausblicke auf den Leinwänden Landscape 6 und Landscape 3 (1993) galten dem zeitgenössischen Blick aus dem Autofenster. Und Chad McCails riesige, «erzählende» Papierarbeit Spring (Frühling, 1998) in der Bauhaus-Universität Weimar bezeichnete ein Stadtgebiet, dessen Einwohner sich wohl gegen den überwachenden Blick eines totalitären Regimes zur Wehr setzten.