HERZBLUT – SCHRIFTBILD

6. EUROPÄISCHES ATELIERPROGRAMM 2000 | ACC GALERIE UND STADT WEIMAR

Yelda Çamci-Köhler (TR / DE)

Ian Joyce (IE)

Renée Ridgway (US / NL)

Programmleiterin: Julia Draganovic (Weimar)

HERZBLUT – SCHRIFTBILD

6. EUROPÄISCHES ATELIERPROGRAMM 2000 | ACC GALERIE UND STADT WEIMAR
03. März bis 29. April 2001

Jahrhundertelang galten Handschriften als Spiegel der Seele. Heute verlernen wir, mit der Hand zu schreiben, ein letztes Relikt ist die Signatur. Gleichwohl gilt im Deutschen «Handschrift» noch immer als Synonym für die stilistische Eigenheit eines Künstlers. Doch schwindet mit der Handschrift im Zeitalter der Digitalisierung auch der individuelle Stil? Ist die Handschrift, ja die Schrift überhaupt, im Computerzeitalter überhaupt noch eine adäquate Mitteilungsform? Als Renée Ridgway nach Weimar kam, war dem Wiesenstück im Ilmpark, das vormals die Kopie von Goethes Gartenhaus trug, seine einjährige Bürde noch deutlich anzusehen. Jedes Kunstwerk zeichne sich durch eine individuelle Aura aus, die durch Reproduktion verloren ginge, so Walter Benjamins These. Ridgway fragte, ob die Kopie vielleicht gerade durch ihr Verschwinden einen neuen auratischen Raum erzeuge. Antwort erhoffte sie von 5.000 aus den Niederlanden importierten Tulpen der Sorte Kaufmanniana Showwinner, gepfl anzt als natural environment HERZBLÜHT (2001) an der Stelle der Gartenhauskopie und das Wort ERSATZ formend. Am 25. August 2000 (Friedrich Nietzsches 100. Todestag) ließ sich Ridgway des Nachts mit sechs Mitstreitern im Nietzsche-Archiv am Silberblick (2001) einschließen, um den diesseitsgläubigen Philosophengeist durch eine Seance-Performance zu Äußerungen über die Wahrscheinlichkeit einer Welt jenseits der Erscheinungen zu verlocken, was Installation und Video bezeugten. In einem Augenblick (2001) zielte Ridgway darauf ab, 50 auskunftswillige Probanden in ihr «Behandlungszimmer» einzuladen, um sich tief ins Auge blicken zu lassen, dem Betrachter auszuliefern: Ein Blick in die Iris bezeugt medizinischen Wissenschaften zufolge die Einzigartigkeit eines Individuums, gewährt aber auch Einblick in akute Gesundheitsstörungen und Krankheitsdisposition. Weimars multipler Personenkult reizte Yelda Çamci-Köhler im Nietzsche-Kultjahr zu ironischen Repliken. Sie posierte als Denkmalskopie, trat in Fotowettstreit mit den Politikern im kommunalen Wahlkampf (Ich mache mich wichtig, 2000), fügte dem dichten Gedenkschilderwald eigene Wegmarken hinzu («Hier kaufte Yelda ein», «Hier ging Yelda ins Kino» etc.). Mit verstecktem Aufnahmegerät fragte sie Passanten Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo die Nietzschestraße ist? (2000), woraus eine Klanginstallation entstand. Um so erheiternder, da es diese Straße nicht gibt. Der oft enttäuschten Erwartung des gewichtig tönenden Wortes Also (2001) gab sie in einem Endloskettenwort Raum in Fülle, löschte aber in Nietzsches Also sprach Zarathustra mit weißer Farbe «alles, was keine Substanz hat» – zurück blieben im Buch Unter Druck (2001) die Substantive. In der Performance Das Wort erstirbt schon in der Feder (2001) zeigte Ian Joyce im Goethe- und Schiller-Archiv einen alternativen Umgang mit Archiven auf: seine eigenen, aufzuarbeitenden, in Bewegung zu versetzenden Schriften bildeten, in vier 7 Meter langen Bahnen zusammengenäht und gehängt, einen Raum im Raum. Drinnen befassten sich Joyces Archivare mit dem Aufzeichnen, Transkribieren und Deuten. Natürlich gingen beim Versuch, sein Diktat selbstverfasster gälischer Texte niederzuschreiben, deutschen Ohren nicht nur Details, sondern fast der Sinn des Ganzen verloren. Ins Labyrinth der Schrift führte Joyce mit seiner Doppelrauminstallation Schriftbild (2001) – 44 Radierungen auf Japanpapier, alle von ein und derselben Kupferplatte gezogen und dennoch unterschiedlich erscheinend. Und Joyce – nicht verwandt mit dem großen Autor – eiferte Nietzsches Schwester nach: Zunächst wurden Weimarer Stadtansichten und Landschaftsaufnahmen mit brauner Farbe «verbessert», dann wagte sich der Künstler auch eingreifend ans Schriftwerk des genialen Denkers: Nietzsche – korrigiert von Mr. Joyce (2001). Thea Herold (Berlin), Prof. Norbert W. Hinterberger (Weimar), Dr. Ulrike Lorenz (Gera), Frank Motz (Weimar) und Ulla Seeger (Weimar) hatten als Juroren die Stipendiaten ausgewählt.