Flotsam and Jetsam. Ballast und Treibgut.

12. Januar bis 17. Februar 2002 

Liz Bachhuber | Stefan Baumberger | Mario Bierende | Daniel Guischard & Karo Kollwitz |
Peter Heckwolf | Claudia Herbst | Katharina Hohmann | Andrea Huhndorf | Martin Kuban| René Kusche | Marc-Oliver Lau | Christoph Liebrich | Nadia Marcin | Steffen Mittelsdorf |
Marko Neumeister | Frank Petschull | Tamara Pitzer | Sophia Rasch | Georg Riedel | Felix
Ruff ert | Anthony Rumbach | Alexander Voigt | Leonie Weber (alle DE) | Rafa Bernabeu (ES) |
Nina Lundström (SE) | Akiko Oshima (JP) | Dorotha Th ometzek (PL) | Yuhei Watanabe (JP)
Kuratorinnen: Liz Bachhuber und Katharina Hohmann (beide Weimar)

Flotsam and Jetsam. Ballast und Treibgut.

Katharina Hohmann: Eternity Pieces

Verwitterte Fernsehantennen von Leipziger Dächern – für DDR-Bürger symbolisierten sie das
Fenster zur Welt, vielleicht den Himmel über dem Horizont – funktionierten Karo Kollwitz
und Daniel Guischard zu Vogelnistplätzen um. Räumlich gefasst innerhalb eines glitzernden
Vorhangs aus gebrauchten Videobändern, servierte Dorotha Thometzek Bandsalat: Im Video
Gesättigt? wurde ein Haufen Magnetband genüsslich aufgewickelt und verspeist. Auf einer
Wand erhielten von Felix Ruffert arrangierte, ausrangierte DDR-Gegenstände seines Versuchs-
Laboratoriums, Geräte, deren ursprüngliche Funktionen in Vergessenheit geraten waren,
einen neuen Sinn. Marco Neumeisters minimalistische Komposition variabler Größe, Weißblech,
bestand aus Dosen, die, geglättet und geschliffen, eine liebevolle Behandlung erfahren hatten.
In einem Lebensmittelladen hatte Leonie Weber Verpackungsmaterialien gefunden, aus
denen sie ein Modell jenes kleinen mexikanischen Geschäfts originalgetreu baute: Chicago
(Rodriguez Mini Food Mart). Stefan Baumbergers ausrangierte, flackernde Leuchtstoffröhren, die – kurz vorm Ableben – wie Organismen geräuschvoll zuckten und zirpten (Leuchtstoff,
nervös), waren in einem abgedunkelten Sicherungsraum «artgerecht» untergebracht. In
Liz Bachhubers Wandblock Eisvögel aus 15 gebrauchten DDR-Kühlschranktüren der Marke
«Kristall» flog eine Schar Wildgänse gen Himmel, herausgeschnitten aus den Türen und von
hinten als Lichtwelle illuminiert. Claudia Herbst bastelte in Anatomiestudien das menschliche
Skelett nach – Plastikkörperteile als Scheinprothesen in Echtgröße, Implantate aus Müll mit
makabrer Note, weil anatomisch präzis. Yuhei Watanabe malte und collagierte auf Planken
eines zersägten Bildes eine verwüstete Landschaft, auf der Bierdeckel und Zigarettenstummel
dümpelten – der Blick auf eine Straßenecke im Winter? In sieben übergroßen Reagenzgläsern,
eines für jeden Wochentag, zeigte René Kusche – als Statistik des Rauchverhaltens und seiner
Müllproduktion – in Kneipen gesammelte Zigarettenstummel. Einweggeschirrr aus dünnem
Plastik, wie Becher und Pommesschale, formte Georg Riedel aus Porzellan nach: haltbar, edel
und mit Goldrand. Mit Colonisation führte Alexander Voigt die Verpackungseuphorie und die
Konsumwelt in hunderten, aus Plastiktüten genähten Fahnen vor und konterkarierte Flaggen vor
dem Weimarer Rathaus mit eigenen am ACC. Mario Bierendes Sammlung – Schmetterlinge in
Vitrinen – waren nichts anderes als Scherenschnitte aus buntem Weißblech. Riesige Schleifscheiben aus dem Müll der Uni-Holzwerkstatt verwandelte er zu zielscheibenartigen Wandbildern. Auf den purpurroten Filzkissen in Andrea Huhndorfs Seifeninstallation sahen gesammelte kleine Seifenreststücke wie wertvolle Reliquien aus. Ihre Zettelinstallation aus gefundenen, zu einem Erzähltext aneinander gereihten Notizpapieren sollte die heimliche Sprache der Gesellschaft enthüllen. Ähnlich den vom Wind aufgewirbelten, in Baumästen verhedderten
Plastiktüten hing Nadia Marcin Kleidungsstücke in Baumwipfel – geschmückte oder verunreinigte
Stadtnatur? Akiko Oshima bemalte ihr Tagebuch – über hundert kleine Pappschachteln – je
nach Tagesstimmung innen mit anderer Farbe. Ein gefundenes Erinnerungs stück gab jedem Tag
seine einmalige, metaphorische Bedeutung. Einen staubbedeckten Tisch und einen Stuhl, beide
mit künstlich verlängerten Beinen, zeigte Nina Lundströms Dust to Dust. Am Tisch saß, mit baumelnden Beinen, engelsgleich eine Frau, die in Endlosschleife Staub produzierte, nichts als
Staub. Katharina Hohmann machte in einer dokumentarischen Fotoserie kleine, unbedeutende,
mit Wellasbest eingedeckte Häuser, Schuppen und Fabriken zu Ikonen immerwährender
Schönheit inmitten einer innen vergoldeten, tempelartigen Skulptur. Eternity Pieces befasste
sich mit dem Mineral Asbest, auf griechisch «das Unauslöschliche», das gegenwärtig als giftiger
Bestandteil von Architekturelementen großfl ächig rückgebaut wird. Müll oder Ewigkeitsträger?
Seine Sammlung ausgedienter, zerfl edderter Besenköpfe fotografi erte Peter Heckwolf
detailgenau und verstärkte deren Eigenwilligkeit digital, um diesen Ikonen geronnener Zeit als
Träger kollektiver Erfahrung eine letzte Ehre zu erweisen. Tamara Pitzer komponierte aus
gesammeltem, unbenutztem Videomaterial – Videomüll – einen Film, der zugleich Trash und
Patchwork war. Frank Petschull programmierte einen Computerpilz, der binnen einer halben
Stunde als Infektion, die ihre Mycelarme ausstreckte, den Bildschirm überzog. Sophia Rasch
ummantelte Müll mit naturweißem Filz, der die Objekte wie mit einem Weichzeichner zu
merkwürdigen Kissen oder Pilzen aufwertete – einem neuen Stück Natur. Christoph Liebrichs
Computerprogramm zerlegte Datenmüll und führte ausgesonderte Dateien in die Buchstaben
des Alphabets zurück. 500 transparente Müllsäcke, gefüllt mit verbrauchter Atemluft des
Künstlers, die sich bei Luftzügen raschelnd bewegten, formten Anthony Rumbachs Installation
Weitermachen. Die Erzählform von Rafa Bernabeus Videocollage aus zwei Erfahrungswelten
– alltäglichen eigenen Beobachtungen und TV-Mitschnitten – blieb im assoziativen Schwebezustand.
Marc-Oliver Lau fand Stühle, Bettkästen, Bänke auf dem Weimarer Sperrmüll, auf ein
leeres Gestell reduziertes Mobiliar, um dessen hölzerne oder verchromte Skelette er neue
Bezüge aus ausgedienten Fahrradschläuchen wob. Martin Kubans Designobjekte verkörperten
seine Philosophie Ecomental und schmückten als Lampen aus Milchtüten oder Schubfächer aus
Frischkäsebehältern das ACC-Café. Ein Teppich aus bunten Tetrapack-Milchtüten war neben
Munitionshülsen, gefunden in einer ehemaligen sowjetischen Kaserne und fein säuberlich mit
Blümchentapete umklebt, Steffen Mittelsdorfs harmlosere Arbeit. Kunst und Müll – Kunst mit Müll.