Geflickte Spinnweben, Paranormale Postkarten, Musikalischer Abfall

NINA KATCHADOURIAN (US)

13. April bis 12. Mai 2002

Auf einer finnischen Insel begann Nina Katchadourian, zerrissene Spinnweben mit rotem Nähgarn und peinlicher Sorgfalt zu reparieren. Die Spinnen jedoch ersetzten diese künstlichen Ersatzflicken an der defekten Stelle durch ihr körpereigenes, perfektes Gewebe. Ihr Agieren sah Nina Katchadourian als Metapher für unseren Umgang mit der Natur, für unsere steten, aber fragwürdigen, teils erfolglosen Versuche, das noch zu verbessern, was die Natur zu leisten vermag. Eine Fotoreihe von ausgebesserten Spinnennetzen, The Mended Spiderwebs Series (Geflickte Spinnweben, 1998), Bilder mit von Spinnen abgelehnten und entfernten artifi ziellen Geweben, Rejected Patches (1998), ein fesselndes Video, das eine Spinne und eine Pinzette im Kampf um die Buchstaben des Wortes GIFT / GIFT (1998) zeigt und ein Do-it-yourself Spider Web Repair Kit (Do-it-yourself-Spinnennetz-Reparaturkasten, 1998), mit Nähgarn, Pinzette, Schere und Klebstoff zum Reparieren von beschädigten Spinnweben vervollständigten die Projektserie. Der Natur ist mit Verbesserungen und Flickwerk nicht beizukommen – das war das Fazit des Ganzen. Allen Versuchen zum Trotz bleibt sie – bisher – die Gewinnerin. In der Wandinstallation Paranormal Postcards (Paranormale Postkarten, 1995 / 2002) kategorisierte Nina Katchadourian Ansichtskarten von Touristenattraktionen, Königsfamilien, Baseballstadien, Tieren, intellektuellen Persönlichkeiten wie Sigmund Freud u. v. m., die sie mit roten Strichellinien in Relation miteinander setzte. Selbst bei individuellen Karten wurde mit rotem Faden auf Bezugspunkte verwiesen – z. B. auf Blickkonstellationen zwischen einem Königspaar oder Beziehungen zwischen Elementen eines Gebäudeensembles. Was entstand, war kein Diagramm eines sachlichen Systems mit logischen Zusammenhängen, sondern eher dessen absurdes Gegenstück. Geheimnisvolle Verbindungen gingen daraus hervor. Die waren motivischer oder geografi scher Natur oder ergaben sich formal aus den Mustern der Fäden. Ein Flugzeug-Familienstammbaum, ein Flussdiagramm, das Verwandtschaften zwischen Düsenbombern und Rodeocowboys verdeutlichte, Myriaden von Orts-, Geistes- und Familien beziehungen wie in der Weimarer Kategorie jene um Franz Liszt, aber auch Aspekte wie autoritäre Kontrolle, Herrschaft und Sehnsucht wurden in einen Zusammenhang gebracht. Die Anordnung hatte Reisetagebuch-Charakter, denn alle Karten von Orten waren Mitbringsel der Künstlerin.
Die Weimarer Öffentlichkeit hatte genügend «Bandsalat» – bespielten, zerknitterten Tonbandfitz – in den Straßengräben, Papierkörben und Baumkronen ihrer Stadt gefunden und im ACC unter Angabe des Findernamens, Fundorts und der Fundzeit abgegeben. Nina Katchadourians Projekt Musical Garbage (Musikalischer Abfall, 2002), bestehend aus städtespezifi sch gesammeltem, restauriertem und konserviertem Klangmaterial, konnte somit fortgesetzt werden. Sie ermittelte topografi sch, welche Klänge wann an verschiedenen Orten Weimars gehört und dann – warum auch immer – weggeworfen wurden. In Plexiglashalbkugeln wurde der Bandsalat jeweils zur Schau gestellt, dahinter Stadtplansegmente mit markiertem Fundort, daneben Kopfhörer, um die Klänge zu hören – darunter der Mitschnitt einer Vorlesung von Bauhausuni-Medienprofessor Lorenz Engell und weitere unvermutete Töne. Was kann der Abfall, den wir produzieren, (uns) über uns erzählen?
Die Tonaufnahmen vom legendären Mondspaziergang der Apollo-11-Mission waren Ausgangsmaterial für die Soundinstallation Indecision on the Moon (Unentschlossenheit auf dem Mond, 2001), mit der sich erstmals auch das zweite Geschoss des ACC für die Kunst öffnete. Der Informationsgehalt des Originalmitschnitts von 1968 wurde beschnitten, nur nichtssagende Phrasen der Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin, nicht zu ortende Funkgeräusche und Piepstöne waren in dem komplett abgedunkelten (Welt-)Raum über der Galerie zu hören, was einen Zustand der Unentschlossenheit und Orientierungslosigkeit erzeugte.