re-orientation. Kunst zu Mittelasien

13. Juli bis 01. September 2002 

Co-Kuratorin: Julia Sorokina (RU)

AES (Tatiana Arzamasova / Lev Evzovich / Evgeny Svyatski) (RU) | Abilsaid Anarbekovich
Atabekov (KZ)| Shukhrat Babadjan (UZ) | Ulan Djaparov (KG) | Valery Kaliev (KZ)| Rustam Khalfi n (KZ) | Natasha Kim (KZ) | Alexander Malgazhdarov (KZ) | Sergey Maslov (KZ / RU) | Yerbossyn Meldibekov (KZ) | Almagul Menlibaeva (NL) | Monika Migl-Frühling (AT) | Gruppe Militärzug (Alexander Ugay) (KZ) | Roman Moskalev (RU) und Irina Dekker-Kopenkina (KG) | Naomi Tereza Salmon (IL/DE) | Antje Schiff ers (DE) | Julia Sorokina (RU) | Alexander Ugay (KZ) | Elena Vorobyeva & Victor Vorobyev (KZ) | Zadarnovsky Brothers (KZ)

re-orientation. Kunst zu Mittelasien

Monika Migl-Frühling und Julia Sorokina bauten vorm ACC eine tragbare Jurte wie die der zentralasiatischen Schafhüter. Durch die Öffnung an der Decke fi el Licht auf die Feuerstelle –ersetzt durch einen Fernseher mit Sorokinas Film Let’s drink Tea (2001) über eine 90jährige, die erzählt, wie jene Hirtenhäuser in ihrer Jugend aufgerichtet wurden. Naomi Tereza Salmons blaue Sufas (2002) vorm ACC ahmten Chaikhanas (Teestuben) nach. In ihrer Karawanserei (2002) ruhte man bei Chai barfuß auf Teppichen. In Buchara ließ sie das auf der Seiden straße traditionelle Abschiedszeremoniell Ok jo’l – Weißer Weg («Glückliche Reise», 2002) wiederaufleben. Im kryptischen Selbstgespräch I love Naomi, Naomi loves fruits (2001) ließ Natasha Kim uns während der Erledigung ihres Geschäfts teilhaben an ihren Idealen und Sehnsüchten. Naomi Campbell war es, der sie während ihres süßen Morgentraums, noch im rosa Pyjama, freimütig ihre Liebe gestand. Gespickt mit Kalaschnikows, Panzern, Helikoptern, Soldaten und Minen waren Shukhrat Babadjans Gemälde War as a new ornamentation on the oriental carpet (2002). Pravda Vostoka (2002) nannte er ironisch sein dörfl iches Environment eines scheinbar Unpolitischen im «Haus des modernen Usbekistan». Während ihres Reiseprojekts durch die Steppe Mittelasiens, bin in der steppe (2002), malte Antje Schiffers Bilder gegen Kost und Logis und durfte nur weiterziehen, wenn ihre Brötchen geber mit der Malerei zufrieden waren. Abilsaid Anarbekovich Atabekov zeigte auf vier Monitoren vier Episoden seines schamanistischen Lebens: ein Ritual nahe des Hodscha-Akhmed-Yassavi-Mausoleums in Turkestan, die rituelle Herstellung eines Filzteppichs mit Halbmond, Kreuz und Davidstern, eine Aktion der Gruppe Kyzyl Tractor in Wien und seine Performance mit Filzteppich. Poetisch, humorvoll und treffsicher baute Ulan Djaparov in der Aktion Bridge – The Road to the Mosque of Akhmed Yassavi (2002) in eine Wasserpfütze auf dem Weg zu einem Mausoleum Geh hilfen für Passanten, damit die nicht vom Weg abkommen. Skifahrer und Rennrodler, Gewichtheber oder Schul mädchen mit Hund, allesamt in Stein gehauene Parkhüter oder Foresters (1988), die an tapfere Komsomolzinnen und durchtrainierte Spartakiadekämpfer erinnern, porträtierte Alexander Malgazhdarov im Erholungspark Karkaralinsk bei Karaganda. Das japanische Teezeremoniell wurde in der Tea Ceremony (2001) der Gruppe Militärzug spielerisch-subversiv unterwandert, er innerte an Kinematografi sches aus der Stummfi lmära. Seinen eigenen Tod aus Liebeskummer zu Whitney Houston (Whitney Houston Killed Sergey Maslov, 1999) inszenierte und bezeugte Sergey Maslov glaubhaft im Zeitungsartikel mit seinem Porträt im Sarg und in Briefen seiner ( gefälschten) Liebeskorrespondenz – Streifl ichter seiner Exzesse, die 2002 ein bitteres Ende fanden. Marschkolonnen oder Modepuppen neben Stullen und Dollarnoten, kasachische Gefangene neben Gasfl aschen und Sockenspannern: Aufgereihte Alltagsgegenstände korrespondierten auf Valery Kalievs Foto-Flickenteppich Ornaments (2002) mit Menschenmassen, über allem die unikate rote Fahne. Politik und Ökonomie erteilten den Abbaubefehl fürs kasachische Janatas, die Kinder der zu öden Löchern verwahrlosenden, toten Stadt waren in Yerbossyn Meldibekovs Fotoreihe The Pol Pot Series: The Dead Town (2002) in Säcken verpackt, wie zum Verkauf auf dem orientalischen Markt. Im Video Pastan I am (2002) wurde Yerbossyn Meldibekov verfl ucht, gedemütigt, ins Gesicht geschlagen, sein Ego demontiert: nicht untypisch für Bürger staatstragend-islamischer, postsow jetischer Nationen. Dies zeigte auch Pol Pot 4 (1999). In ihren Computercollagen zum «schlimmstmöglichen Szenario» nach der Okkupation des Westens durch fundamentalistische Islamisten im Jahre 2006 verpasste die Gruppe AES symbolträchtigen Orten westlicher Städte – auch dem Dessauer Bauhaus, der Eisenacher Wartburg und dem Erfurter Dom mit Severikirche, eingerahmt in arabische Teppiche – im Islamic Project - Islamic Allemania (2002) ein islamisches Antlitz. Alexander Ugays 20teilige Porträtserie alter Frauen – mit zerfurchten Gesichtern, abgetragener Kleidung, weißem Hintergrund – aus einem Rentnerheim in Bishkek, No more Mosquitoes (2001), rückte in sich gekehrte, lächelnde, lichte Wesen in die Nähe von Engeln. Körperteile aus Ton, verteilt in acht Gemüselagerräumen Almatys, ergaben aus der Draufsicht eine riesige Menschenfi gur, dokumentiert in Rustam Khalfi ns Wandinstallation My Ruins (2001 – 02). Als er Mensch und Gebäude, Außen- und Innenwelt, den in einem Ort gefangenen Körper, die Lust an der Zerstörung thematisierte, erlitt er eine Herzattacke und sein Studio im World Trade Center blieb ab September 2001 leer, was ihm das Leben rettete. The Art and the Fly (2001) von Elena Vorobyeva & Victor Vorobyev verzahnte Video und Zeichnung. Im Film erlegte Fliegen landeten auf Zeichnungen. Fünf Verbrecher über den Dächern von Almaty, ein Vermummter mit tropfendem Messer. Blut? Nein, Schnitt: Zwiebelschneiden für den Tomatensalat. In Cipollino (2001) verbanden die Zadarnovsky Brothers Persifl agen auf Seifenoper, Actionkino, Märchen – Budget: 20 Dollar. Im Video Eternal Bride (2002) feierte Almagul Menlibaeva als Braut des ganzen Universums ihre ewige Traumhochzeit auf Almatys verregnetem «Basar der Heilung» – allein, ohne Mann: der sei überall in der Welt, sie wäre gerade unterwegs zu ihm. Symptomatisch für das nach sowjetische Mittelasien war die Allgegenwart von (mit Waren) handelnden Menschen, z. B. auf Basaren. In Bazaar (2002) fotografi erten Elena Vorobyeva & Victor Vorobyev die in langen Reihen angeordneten Verkaufs-Arrangements.