kulisse weimar - Kunst aus Berlin in und für Weimar

18. Januar bis 23. Februar 2003

Liu Anping | Olivia Berckemeyer | Tatjana Doll | Tine Furler | Michael Kalki | Erwin Kneihsl | Oliver Lanz | LEC Liebenschütz | René Lück | Janine Rostron | Holger Schulze | Suse Weber | Gast: Christine Würmell (alle DE)

Kuratorinnen: Suse Weber | Theresa Flemming (beide Berlin)

kulisse weimar - Kunst aus Berlin in und für Weimar

René Lück: Idee und Leidenschaft – Wege des westlichen Denkens, 2003.

Liu Anping | Olivia Berckemeyer | Tatjana Doll | Tine Furler | Michael Kalki | Erwin Kneihsl | Oliver Lanz | LEC Liebenschütz | René Lück | Janine Rostron | Holger Schulze | Suse Weber | Gast: Christine Würmell (alle DE) Kuratorinnen: Suse Weber und Theresa Flemming (beide Berlin)

Weimar selbst als Kulisse ohne Leben, Potemkinsches Dorf? Oder als Aufführungsort für die Kulisse Berlins? «Der Himmel hat sich verändert über Berlin. Tägliche Formationsflüge der Militärhubschrauber zerfurchen das Blau. Der hängende Sat.1-Ball am Horizont macht den Blick zum Fenster hinaus zum Fernseh-Blick», so die Kuratorinnen Suse Weber und Theresa Flemming. Kunst vom Produktionsort Berlin, Erfahrungen von Hauptstadtkünstlern mit Zeit, Politik, Geschichte, dem Verlust historischer Modelle, dem Zweifel an der sozialutopischen Euphorie nach dem Mauerfall, dem Postkolonialismus, dem Arrangement mit der Mittelmäßigkeit, dem Rollenspiel und Kostümwechsel fürs «Business» wurden «aufgebühnt». Suse Weber, die «sich bevorzugt in Zonen reglementierter Zusammenkünfte» (Jutta Voorhoeve) herumtrieb, machte ideologiegeladene Zeremonien und deren Kulturtechniken zum Ausgangspunkt ihrer Materialinszenierungen, steckte in DDR-Schulwandzeitungsmanier weiße Buchstaben mit Nadeln auf blauen (FDJ-)Dederonstoff und hängte die entstandenen Spruchbänder oder auch ihre kulturuniformen (Der Türke – Der Türsteher – Das Double – Die Aufsicht)  aus Kostümen, Stoff, Postern und Schuhen auf. Liu Anpings Raum-Attacke Führer Propaganda Massen Farbe aus flattrig auf die Wände collagierten Blättern mit parolenhaften Sätzen zeitigte «offensichtlich Ergebnisse einer Zeichnungs-Zerreiß-Aktion, dicht an dicht auf die Wände drapiert. Die mit schwarzer Acrylfarbe aufs Papier geworfenen Figuren zeigten Aggression und Gewalt.» (Kai Uwe Schierz). Tatjana Doll malte Plastikklappstühle von profaner Alltäglichkeit in Öl, Graue Sitze, auf jeder Leinwand vier. «Die Bilder waren so niedrig an die Wände montiert, dass die Kulisse eines Warteraums erstand: transitorischer, unwirtlicher Ort. Doch dann gab es die Entdeckung der grisaillehaft reduzierten Farbigkeit, die pastosen Weiden für das Auge.» (Kai Uwe Schierz). Dennoch fand, trat man näher, die urbane Sprache der rauen, großzügig bearbeiteten Bildflächen in dem Anonymität und Oberflächlichkeit produzierenden Tempo einer Großstadt wie Berlin ihre Entsprechung. Für Idee und Leidenschaft – Wege des westlichen Denkens bildete René Lück den Buchdeckel des Bertelsmann-Lexikons «Die Chronik der Frauen» stark überdimensioniert nach, zimmerte ihn zu einer Sperrholzkoje zusammen. Im Innenleben der Holzskulptur fand sich eine Weltkarte aus Farbklötzchen, die nach einem unbestimmten Farbschlüssel den «Status der Frau» in der Welt illustrieren sollte. Am Boden stand eine Buchattrappe, auf die Zeitungsausschnitte zu feministischen Aktionen in Westdeutschland geklebt waren. Um die zwiespältige Faszination und die Inszenierung männlicher Rollenmodelle zwischen Sex und Gewalt zu befragen, rekrutierte Tine Furler Bilder junger, halbnackter Männer in ruppiger Aufmachung aus Pop- und Modemagazinen. An die Wand geheftet fanden sich Christus, von Dornen, und der Heilige Sebastian, von Pfeilen angebohrt, beide in schönem, hingebungsvollem Leiden. Daneben Männer in ähnlich schöner Hingabe – auch ohne Pfeile. Olivia Berckemeyer setzte ein englisches Jagdzimmer in Szene, das wohl auf den Landesfürsten, seine Parforcegenossen und deren verlängerte Einrittschneise (mit Fokus aufs ACC) über die Sternbrücke ins nahe Residenzschloss verweisen mochte. Jedenfalls fanden sich Wandzeichnungen von Herrenreitern auf den Seitenwänden. Zwei Leuchter nisteten in der Salonmitte. Die zentrale Stirnwand war mit einem Tarnnetz verkleidet, dessen Schriftzug «Killing  on Adrenalin» (Titel eines Albums der Death- Metal-Band Dying Fetus über den Niedergang der US-amerikanischen Regierung) die Szenerie in die Gegenwart zurückkatapultierte. In einer Art reich bestücktem Gedenkkabinett ließ LEC Liebenschütz die Ära der Großelterngeneration und ihr Lebensumfeld nachwirken, während man die Verbindung zu seinen wattigen, gummigeschnürten, geschlitzten, bebrillten, gelederten und genieteten Objekten suchte. Anspielungen auf Gegenstände, die an Krieg und Verbrechen des Dritten Reichs (auch einer politischen Kulisse) erinnerten, wohnten den merkwürdig abstrusen Objektcollagen ebenso inne wie aus ihnen «auch nach 80 Jahren noch putzmunter das surreale Erbe sexueller Obsessionen zu quellen schien.» (Kai Uwe Schierz). Oliver Lanz’ wandfüllende Malerei nebst Papiercollage(n) glichen einer Expedition ins Reich der Bilder aller Medien: assoziative Speicher, variationsreich kombiniert. Schematisch wurde aus Figuren und Formen eine Szene mit New Yorker Feuerwehrmännern bei der Bergung gebildet. «Die Schatten der Twin Towers waren immer noch lang, sehr lang. Die Dynamik der auf die Wand projizierten Tuschezeichnung versponn sich agil in den exzentrischen Schollen aus farbigen Papieren, deren ephemeres Dasein ein so schweres Thema zu verdauen hatte.» (Kai Uwe Schierz). Michael Kalki arrangierte auf den Leinwänden Rügen, Es ist Schön II und Sekt für Alle Acrylfarbe, Tusche, Öl und Papiers collés zu Collagen, kombinierte expressive und gestische Malerei und Bad Painting mit gefundenem Foto- und Plakatmaterial zu bildkompositorischen Neuschöpfungen. Der Fotograf Erwin Kneihsl, von dem es hieß, er arbeite mit fünf Händen, drei Augen und acht Kameras wie ein Süchtiger, widmete eine Fotocollage der deutschen Widerstandskämpferin Greta Kuckhoff von der Gruppe Rote Kapelle und schien «in seinen Schwarzweißaufnahmen sozialer und sexueller Stereotypen sozialmoralisch getönte Ideen vom bemitleidenswerten Menschen durch das Objektiv zu filtern.» (Kai Uwe Schierz). Dr. Holger Schulze, Kulturtheoretiker und Autor, der seine Minimalinszenierung Space (aus Texttafel, Bildtafel und Komposition) vorführte, sprach zur Eröffnung davon, dass nicht eine Kulisse entstanden sei, vielmehr eine Abfolge von Teilwelten. Janine Rostron aka planningtorock lieferte den musikalischen Act. Gastkünstlerin war Christine Würmell.