Get Rid of Yourself

26. Juli bis 12. Oktober 2003 

16 Beaver Group | Bernadette Corporation | Matthew Buckingham | Cabinet Magazine | eteam | New York City Surveillance Camera Players | Picture Projects & Th e 360degrees Team | Michael Rakowitz | Anne-Marie Schleiner / Brody Condon / retroyou u. a. | Temporary Services (alle US)

Get Rid of Yourself

Temporary Services: Aesthetic Analysis of Human Groupings

USA 2003: Krieg ohne Ende, Überwachung ohne Ende, Gefängnisse ohne Ende. Obdachlosigkeit, Grundstücksspekulation, Homeland Security, (Anti-)Globalisierung. Was tun? Und vor allem wie? Die New York City Surveillance Camera Players, eine vom Anarchismus und Situationismus inspirierte Amateur-Agitprop-Theatertruppe, führt vor Überwachungskameras «Plakat-Theaterstücke» auf, kommuniziert so mit den Überwachern, erspäht Überwachungskameras, trägt sie in Stadtplanskizzen ein, veröffentlicht diese im Internet und bietet Sonntagsstadtrundgänge zu den Überwachungskameras in wechselnden Gegenden Manhattans an. Der Mitschnitt einer solchen Outdoor Walking Tour (2003) mit Protagonist Bill Brown am Times Square, Stadtteilpläne zu Videoüberwachungskameras vor Ort, Bill Brown selbst und zahlreiche Interviews, Nachrichten und Aktionen der NYCSCP gaben Aufschluss zu Eingriffen in unsere Privatsphäre im öffentlichen Raum. Der Film Get Rid of Yourself (2001 – 03) der Bernadette Corporation, in dem es «um das Potenzial einer auf der radikalen Ablehnung politischer Identität basierenden Gemeinschaft geht und um einen neuen Horizont, an dem sich Ästhetik und Politik wieder fi nden», gedreht während «einer Geschäftsreise (einem politischen Urlaub)», thematisierte die Antiglobalisierungsproteste in Genua und war den Zusammenhängen zwischen Mode / Lifestyle und radikalen Formen des Protests auf der Spur. Picture Projects & The 360degrees Team stellten mit ihrer Webseite und Langzeitstudie www.360degrees.org ein Diskussions- und Weiterbildungsforum mit Geschichtsüberblick und Quellenkatalog vor, das versucht, aus zahlreichen Perspektiven das System der US-Strafjustiz und das Thema «Bestrafen» zu durchleuchten. Vier akustisch kommentierte Panoramaleinwände mit 360°-Bildern dokumentierten aus vier individuellen Blickwinkeln die Geschichte Farms or Jails (Bauernhöfe oder Gefängnisse, 2003) um die US-Gefängnisindustrie am Beispiel der «Rekultivierung» einer ökonomisch unrentabel gewordenen Landwirtschaftsregion in Ohio mittels des «Produkts Häftling», also dem Bau einer Strafanstalt. Ausgehend von Medien (Foto, Film, Video), die die Vergangenheit durch Erzählen in die Gegenwart bringen, sprach Matthew Buckingham in seiner Dia-Ton-Installation A Boar in the Archive (Ein Keiler im Archiv, 2003) parallel zu 22 Lichtbildprojektionen über Archive und deren utopische (Erinnerungsaufbewahrung, Wissensproduktion, historische Analyse) wie fragwürdige Qualitäten (Machtausübung, Kategorisierung, Begleitung von Kolonisation und Imperialismus).

Das vierteljährlich erscheinende Cabinet Magazine – Kunstzeitschrift, Wissenschaftsjournal
und Künstlerbuch mit bibliophilem Charme und Sinn für Humor, Kulturanalysen, Interdiszi–
plinarität und zeitgenössische wie historische Kulturphänomene – hatte mit dem Projekt Land
Acquisition (2003) für seine zehnte Ausgabe (Thema: Besitz) drei Grundstücke (ein städtisches
in Queens, ein ländliches in New Mexico und ein außerirdisches auf dem Mars) erworben
und dies dokumentiert, um die Beziehungen zwischen Eigentum und Kunst zu untersuchen.
Anne-Marie Schleiner, Brody Condon, retroyou und andere boten in Velvet-Strike (2002 – 03),
einer Computerspiel-Modifi kation, Sammlung von graffi tiartigen Stickern und selbstgemachten
Internet-Protest-Abwandlung des bekannten Anti-Terror-Online-Shooter-Games Counter-
Strike, interaktiven Mitspielern die Möglichkeit, in Realzeit Friedensbotschaften in ein Gewalt
verherrlichendes Spiel einfl ießen zu lassen, die im Netz heruntergeladen und auf Wänden, Decken und Böden des Spielambientes platziert werden konnten. Das Künstlerduo eteam hatte
über ebay ein Stück Wüstenland in Utah gekauft und später lokalisiert – wovon Film und Pinnwand
1.1 Acre Flat Screen (2003) erzählten –, um es mit einem erzwungenen Eisenbahnstopp
und einem inszenierten Künstleratelierprogramm urbar zu machen. Nach seiner (in Frage
gestellten) Wertsteigerung sollte das Grundstück wieder verkauft werden.
paraSITE (seit 1998) nennt Michael Rakowitz aufblasbare, individuelle Zeltbehausungen
für Obdachlose, die, vergleichbar mit biologischen Parasiten, von der Straße aus mit einem
Schlauch an die Abluftventilatoren häuslicher Klimaanlagen angedockt werden, wodurch sie
sich aufrichten und im Inneren erwärmen. In Kooperation mit den Obdachlosen selbst angefertigt
– z. B. aus Müllsäcken – machen sie als praktische «Heftpfl asterlösung» und «erweiterte
Form des Privateigentums» ein soziales Problem öffentlich sichtbar. Einer der «homeless
shelter» war vorm ACC in Betrieb. Im Auftrag von Temporary Services zeichnete und beschrieb
der in Kalifornien inhaftierte Angelo alle im Gefängnis gemachten, äußerst kreativen Erfi ndungen.
Die Künstlergruppe baute sie nach und brachte die Prisoners’ Inventions (2003)
in die Öffentlichkeit: darunter Zigarettenanzünder, Tauchsieder, Tätowierapparate, Selbstbefriedigungsobjekte, Kleiderbügel. Audio Relay (2002), das transportable, autonome und
überall verwendbare Klang- und Tonarchiv mit Radiostation, beherbergte eine Sammlung mit
CDs wie Paul Dickinsons Sleep Talk Recordings oder Songs Suspected of Satanic Back Masking
und konnte von jedermann betrieben und im Umkreis von zwei Kilometern auf UKW 88,9 kHz
gehört werden. Die 16 Beaver Group, eine seit 1999 im Finanzdistrikt Lower Manhattans von
Künstlern betriebene, offene, lose, dauerhafte Kommunikationsplattform, trifft sich wöchentlich,
um künstlerische, kulturelle, ökonomische und politische Ideen und Projekte zu präsentieren,
diskutieren und produzieren. Ihre Friday Afternoon Lunchtime / Discussion (2003)
mit René Gabri und Paige Sarlin auf dem Rasen vor der ACC Galerie befasste sich, ausgehend
von Karl Marx’ Gedanken über die Teilung der Arbeit, mit dem Wechselspiel zwischen eigener
kultureller Produktion und dem Verkauf von Arbeit, um überleben zu können.