Autonom ist noch nicht einmal der Mond

10. Juli bis 26. September 2004

ARTiT (JP) | Arts Initiative Tokyo (AIT) (JP) | Peter Bellars (GB) | CommandN (JP) | Clean Brothers (JP) | Hiroshi Fuji (JP) | Makoto Ishiwata (JP) | P3 Art and Environment (JP) |
REINIGUNGSGESELLSCHAFT (DE) | TANY (JP) | Noboru Tsubaki (JP) | Video Act! (JP) | Video Art Center Tokyo (VCTokyo) (JP) | Kenji Yanobe (JP)
Co-Kurator: REINIGUNGSGESELLSCHAFT (Dresden)

Autonom ist noch nicht einmal der Mond

Makoto Ishiwata: Vacuum Package

ARTiT, das in einem Lesekabinett (2004) vorgestellte, erste bilinguale (japanisch /englische) Magazin zur zeitgenössischen Kunst in Japan, wird vom Journalisten und Netzaktivisten Tetsuya Ozaki mit dem Ziel herausgegeben, die japanische Kunstlandschaft weltweit zugänglicher zu machen. Die Arts Initiative Tokyo (AIT), eine im ACC per Wand- und Videodokumentation (2004) vorgestellte Plattform für zeitgenössische Kunst, bringt Interessenten unter Roger McDonalds Leitung Kunst in sozialen Zusammenhängen und im außerakademischen Rahmen näher. Mit der Rauminstallation Par for the Course (deutsch: etwa «zu erwarten», 2002 – 04) konnte man – nicht ohne den kritischen Blick und einen Schuss englischen Humors des Briten Peter Bellars – Minigolf spielen und dabei die sieben Stationen des japanischen Bildungssystems, repräsentiert durch sieben Miniaturmodelle, durchlaufen, wie auch dessen Vorzüge und Mängel kennenlernen. Die DVD Crazy Golf, Bahngolf in Yokohama, Improve your score (2002) und die Lenticularfotografie Imekura Oliver – Viel Spaß! (2003) komplettierten Bellars Beitrag. Hiroshi Fuji sammelt, trennt und reinigt Haushaltabfall wie Verpackungen oder Plastikfl aschen, bevor er sie zu Skulpturen, Mobiliar, Mode u. a. recycelt. So entsteht die Vinyl Plastics Collection (seit 2004). In seiner Tauschbörse Kaekko (2004) können Kinder nicht mehr benutztes Spielzeug sammeln, dessen Qualität mit Punkten bewerten und es gegen die gebrauchten Spielwaren anderer Kinder eintauschen. In Makoto Ishiwatas Raumkabine Vacuum Package (2003 – 04) konnte man hautnah miterleben, wie man selbst vakuumverpackt wird – eine Anspielung auf ein übersteigertes Konsumverhalten, bei dem der Konsument selbst zur Ware wird. Aus einem Schießstand mit Zielscheibenfi gur, eingebauter Videokamera, Pistole mit Laserpointer und Sichtmaske bestand die interaktive Installation I am a target (2003 – 04), deren Nutzer sein eigenes Abbild im Sucher (auf der Zielscheibe) erkannte und so zum Opfer seiner selbst werden konnte. In TANYs Video She loves SEX, she hates SEX (2003) berichteten Frauen (Klavierlehrerin, Callgirl, Volontärin, Sekretärin), alle gedoubelt von ihr selbst, in passendem Ambiente, nur angeschnitten und ohne Gesicht zu sehen, «was sie schon immer über Sex wissen wollten». Intimität und Öffentlichkeit setzte TANY in Szenen, die mittels Trivialisierung und voyeuristischer Angebote klischeehafte Images der japanischen Frau zur Disposition stellten. VIDEO ACT! vernetzt Medienaktivisten und unterstützt Japans sozialkritische Videoproduktionen auch international. Protagonist Yutaka Tsuchiyas dokumentarisch aufgemachtes Drama Peep «TV» Show (2003), neben 41 weiteren Filmen zu sehen, handelte von einem Gothic-Mädchen und einem Internet-Voyeur, die in der von Überwachung und Paranoia bestimmten Post-9-11-Welt Tokios aufeinander treffen, und beleuchtete eine Jugend, die zwischen Handys, Chatrooms, Webcams und sämtlichen Versuchungen des modernen Konsums nach Lebensinhalten sucht. Sein Interview mit dem Aktivisten Medama-Otoko, dem «Augapfel-Mann», der während der EXPO 1970 in Osaka auf der Spitze des Sonnenturms Taiyo-no-To in einen siebentägigen Hungerstreik trat, inspirierte Kenji Yanobe zum Sonnenturm-Entführungsprojekt («Tower of the Sun» Hijacking Project, 2004) und so machte er, allerdings mit seinem Atomanzug bekleidet, ebenfalls die physische Erfahrung der Turmbesteigung. Yanobes Kindheitseindrücke von der Demontage und den Überresten jener Weltausstellung, die er als Untergang der Zukunft und Zusammenbruch vieler Träume deutete, prägten sein künstlerisches Werden – das einer Langzeit-Wallfahrt zu verschiedenen «Ruinen der Zukunft» gleicht. Jenseits der Kaninchenstall-Tristesse, mit der Tokio üblicherweise assoziiert wird, zeigten 46 Tokioter Künstler im Videoprojekt TRaP (Kürzel für Tokyo Rabbit Paradise), was eine der reichsten Weltstädte trotz Enge lebbar und aufregend macht. Initiiert wurde es von CommandN, einer unabhängigen Künstlerinitiative, die neue Perspektiven – so wie der Apple-Tastenkurzbefehl neue Fenster – öffnet. Autonomie und politisches Handeln (2003), ein Videofilm der REINIGUNGSGESELLSCHAFT, entstand nach einer Feldstudie zu japanischen Künstlerinitiativen, -netzwerken und Konzeptkünstlern und besprach die Auswirkungen des steigenden Ökonomisierungsdrucks auf autonome Organisations- und Produktionsformen in der bildenden Kunst. Die Non-Profi t-Initiative Video Art Center Tokyo (VCTokyo), ein alternativesNetzwerk für Videoproduktionen zur Bildung einer kritischen, medialen Gegenposition in der aktuellen Erlebnisgesellschaft, zeigte die Filme Savanna (2000) von Kazuo Honda, Study on Media «education before education» (2001) von Katsuyuki Hattori, Yurayura (1997) von Negoro Yu und Absence Chapter 1 – Absent Landscape (2002) von Masayuki Kawai. Mit dem Cleaning Project, vorgestellt per Installation und Video (2004), ermöglichte sich das Reinigungsaktivistenteam Clean Brothers, unabhängig von Fremdfi nanzierungen künstlerisch zu arbeiten, indem der Gruppe vorhandener Raum als direkte Form der (geldlosen) Entlohnung für ihre Reinigungsarbeiten zur Verfügung gestellt wurde. P3 Art and Environment, ein Recherche- und Produktionsinstitut, das ortsunabhängig Projekte zum Thema Kunst und Umwelt entwickelt, stellte What’s in a name? (2002) von Shigeaki Iwai vor – ein multilinguales Projekt über Namen, deren Ursprung und Bedeutung. Der Film Gold des «radikalen und aktiven Träumers» Noboru Tsubaki zeigte Szenen von Kühen, die anlässlich des muslimischen Opferfestes Id-ul-Adha geschlachtet werden. Demgegenüber lief ein zweiter Homevideofi lm Doll (beide aus der Box RADIKAL DIALOG, 2004), der Schlachtübungen zu jenem Opferfest zeigt, in denen tanzenden Kindern zu Michael Jacksons Musik Thriller an Puppen gezeigt wird, wie und wo man bei den Kühen das Messer richtig ansetzt.