Lacrimacorpus / Die Akte Weimar

JANAINA TSCHÄPE (BR / DE), VIK MUNIZ (BR / US)

11. Dezember 2004 bis 30. Januar 2005

Verwandlungsakrobatik, multiple Selbstrefl exion und traditionelle Bilder des Weiblichen schien Janaina Tschäpe in ihren Fotografi en, Zeichnungen und Videos mit literarischen Referenzen und Kunstgeschichtsfragmenten zu kombinieren. Oft war dabei ihr eigener oder ein fremder Körper und die Wahrnehmung seiner Veränderung hin zum Abstrusen, zur konstruierten Groteske, ein physischer Ausgangspunkt und wurde zu einem Ort persönlicher Mythologien. Die in Ettersburg, Goethepark und Goethe-Schiller-Archiv entstandene Colorprint-Reihe Lacrimacorpus Series (2004) z. B. zeigte einen traumwandelnden weiblichen Körper, der überdimensionierte Trauben aus Tränen trug, eine Ansammlung von Erinnerung, Trauer, Nostalgie und Sehnsucht, die abzustreifen schwerlich möglich schien. Eine anonyme Frau in einem Kleid aus Goethes Zeit, die ihre Tränenlast angesichts der eigenen Hilfl osigkeit gegenüber der Vielfalt, Erdenschwere, Tiefe und Wirren der Geschichte zur Schau trug, bildete auch die Mischtechnik Lacrimacorpus Dissolvens (2004) ab. Und in Lacrimacorpus (Ettersburg) (2004) tanzte und drehte sie sich im Weißen Saal wie die mechanische Tanzpuppe einer Spieluhr, bis sie zu Boden stürzte, Ohnmacht und Klärungsnot gegenüber der Geschichte verkörpernd. In der Fotoreihe Botanica Series (2004) sprossen surreale Pfl anzen wie z. B. Phallus Impudicus, andere als die bislang uns bekannten Spezies, aus dem fruchtbaren Boden in Goethes Garten, diesem mit hoch konzentrierter Substanz alles Körperlichen und Geistigen getränkten Humus. Das Videotriptychon After the rain (2003) zeigte Performances mit verschiedenen Kreaturen, ein detailliertes Naturschauspiel um die Mysterien, die sich zwischen Himmel, Erde, Strand und Wasser, zwischen Oktopus, Meerjungfrau, Seemann und Wasserkörper ereignen, wenn Sonne und Regen sich vermischen, wenn die Wurzeln des Waldes – dem Ort der Zeugung– Geschichten erzählen, wenn in metabolische Kleidungsstücke gehüllte Körper wie aufgeblähte Ballons hinauf zum Himmel steigen und platzen. Der Film The Crime of the Mouth (2004) sollte die mündliche Überlieferung von Erinnerungen aus dem Bauerndorf Bocaina Mineira im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais freilegen, teils wieder erschaffen und konser vieren. Dort schien die Zeit fast stehen geblieben und die Realität etwas verrückt, von Wahnsinn, Isolation und zeitweiliger Lähmung gezeichnet zu sein, seit die Saga um den Geist eines vor 80 Jahren umgebrachten Sklavensohnes umging, der mit einer Bauerntochter im Wald erwischt wurde. Der selbsternannte «Low-Tech-Illusionist» Vik Muniz lenkte unsere Aufmerksamkeit darauf, wie wir von der Bilderwelt in die Irre geführt werden, indem er fröhlich plündernd in den Bilderfundus der Medien und der Kunstgeschichte einfi el, um in seinen Bildkommentaren (und Texten) unsere Wahrnehmung, unseren ungebrochenen Glauben an das Visuelle und das gedruckte Wort auf die Probe zu stellen. Behördlich eingetriebene, visuelle, unbearbeitete Aufklärungsdaten, von entsprechenden (Geheim-)Diensten zusammengestellt, um Probleme vorhersehen zu können, bilden oft Erzählungen, die mehr mit Autorität und Amtsgewalt als mit Glauben, Aberglauben oder Kultur zu tun haben. Vor allem herausgelöst aus ihrer ursprünglichen Taxonomie offenbaren sie die Absurdität, den Surrealismus und die Künstlichkeit ihrer zusammengefügten Logik. Auf 221 s /w-Fotografi en imitierte The Weimar Files (Die Akte Weimar, 2004) diese Spurensuche nach Informationen, aber entzog sie ihrer objektiven Grundlage. Die Akte war eine Zusammenstellung offener Anhaltspunkte und vergessener Phrasen, die alles der Vorstellungskraft und Erfahrung des Betrachters überließ, der sich eine Ordnung und Bedeutung selbst zusammenstellte. Er wurde mit demselben schöpferischen Impuls derer ausgestattet, die rohe Daten in der realen Welt analysieren, um ihm unsere Abhängigkeit von gefälschten Erzählungen und unseren Hang zu paranoiden Fantasien bewusst zu machen. Personal Articles (Persönliche Artikel, 1995 – 2000) bestand aus 62 erdachten, aufwändig gefälschten Zeitungsausschnitten mit aberwitzigen Titeln wie «Mexikanischer Stierkämpfer mit Guggenheim-Stipendium ausgezeichnet», «Vermisste Stücke von Stonehenge auf griechischer Insel gefunden» oder «Erste Kopftransplantation ist ein voller Erfolg», in denen Muniz, die Autorität der Printmedien hinterfragend, aufzeigte, wie einfach journalistische Beiträge und deren Wahrheitsgehalt manipuliert werden können. Die 10-teilige Serie The Best of Life (1988 – 95) sah aus wie eine Reihe schlechter Reproduktionen von Bildern berühmter Ereignisse – der erste Mensch auf dem Mond, Exekution eines Vietkong in Saigon, ein Mann, der einen Panzer in Peking stoppt, der Kuss am Times Square. Kurz nach seiner US Einwanderung 1983 erwarb Vik Muniz das Fotobuch Das Beste aus dem LIFE Magazin, das er später verlor. Als Test, wieviel er und Freunde von den abgedruckten Bildikonen behalten hatten, zeichnete er sie aus dem Gedächtnis, fotografi erte die Zeichnungen mit der gleichen Rasterblende wie die Originale und übersetzte sie damit zurück in ihren Ursprungszustand. Auch wenn es lediglich Bilder von Gedanken waren, überzeugten sie ihre Betrachter, hatten sie doch dieselbe Syntax wie die realen Fotos und demonstrierten die Erinnerungsvielfalt, aus der sich unser kollektives Bildgedächtnis rekrutiert. 15 getönte Gelatin Silver Prints, Displacements (1996), mit «Landschaften» aus zerknittertem Papier boten Raum für imaginäre, nicht sichtbare Gemälde und Fotos. Schrift deutete dokumentarisch an, was in einem schwarz umrahmten Bereich zu sehen sein sollte (wenn man nur intensiv schaute), z. B. ein van Gogh-Stillleben, den Papst, wie er die Erde küsst oder die TV-Ankündigung des 1948er John-Huston-Klassikers Der Schatz der Sierra Madre. Flora Industrialis (1998) hieß eine 10-teilige Fotoserie mit den Motiven künstlicher Seidenblumen, wie Sonnenblume, Edelrose, Pfi ngstrose oder Trichterwinde, hergestellt in China, Nicaragua, Honduras, Thailand oder Mexiko, die Vik Muniz im Stil eines botanischen Leitfadens präsentierte. Tschäpes Filmdoppler He drowned in her eyes as she called him to follow (2002) – bestehend aus «Wave» und «Moss» – bildete den Abschluss des Rundgangs.