DIE IRONIE IST TOT. ES LEBE DIE IRONIE!

Kristina Leko (HR)

Tea Mäkipää (FI)

Martin Sastre (UY)

Programmleiterin: Christiane Haase (Weimar)

DIE IRONIE IST TOT. ES LEBE DIE IRONIE!

10. INTERNATIONALES ATELIERPROGRAMM 2004 | ACC GALERIE UND STADT WEIMAR
23. April bis 05. Juni 2005

Das Ironische scheint neben dem Absurden unser Alltagsbegleiter, aber auch als Überlebensvehikel, Strategie und Streitkraft so unumgänglich wie nie zuvor. Es ist eine kritische Waffe gegenüber vorherrschender Kultur, Moral, Staatslehre, Religion, etablierten Hierarchien und Machtkonstellationen. Im Raum stand die Frage nach neuen Konzepten der Ironie in der Kunst. Im Juli 2004 schlug Kristina Leko im Weimarer Goethe-Park für eine Woche ihr mobiles Office auf, lud Passanten ein, sich mit den Verfassungen verschiedener Länder auseinanderzusetzen und ließ deren Kommentare in die von ihr bearbeitete Version der US-Konstitution ein- fließen. Ihre Videodoppelprojektion Addressing the Americans / Constitutional Overhaul Bureau (2004 – 05) kombinierte sie mit einem Verfassungskorrekturbüro, dessen Nutzer die überarbeitete Fassung des US-Grundgesetzes als Broschüre binden konnten, die an Politiker versendet wurde. In The People’s History of the United States of America (2005) konnte man auf dem roten Sofa eines Raumes mit US-Flaggen-Design das fast gleichnamige Geschichtslehrbuch des Historikers Howard Zinn oder 20 von Leko in den USA zur Zeit des 2. Irakkriegs «erzappte» Video-Mitschnitte studieren. Für eine Klanginstallation nutzte sie Ton-Footage aus Marcella Bonichs Sound Archiv: Die 71-jährige kroatische Immigrantin aus New York vermittelte als Erzählerin und in Fotos Einblicke ins Immigrantenleben. Tea Mäkipääs Photoshop Weltpanorama World of Plenty (2005) zeigte vom Morgen bis zur Nacht, vom Frühjahr bis zum Winter den Menschen als harmlose Spezies und «die Welt, wie wir sie gerne hätten: Eine endlose Ressource an Nahrung und Wohlstand, in der frisches Wasser und Luft niemals ausgehen, unentdeckte Kontinente und unbenannte Spezies.» Ihre Videoprojektion Shadowplay (2005) gab parallele Einblicke in alltägliche Verrichtungen der Bewohner zweier benachbarter, uniformer Apartments – ein Mann tauchte in beiden auf. In Eat your House (2005) konnte man via Überwachungskamera und Monitor Kakerlaken beobachten, die die komfortablen Standardwohneinheiten ihrer Behausung – ein Pfefferkuchenhaus in Plattenbauform – während der Aus stellungsdauer selbst vertilgten. Neben den Fotoarbeiten Paradise (2003), Midsummer (2003) und After Ski (2001) bebilderte Mäkipää in der Angst vor Einsamkeit, Gewalt und Naturkräften thematisierenden Fotoserie Solitude (2004) vor allem die Verletzlichkeit einer Gesellschaft, die kollabierte: Eine Mutter irrte mit ihrem Kind durch einen Winterwald und traf dabei auf einen sterbenden Soldaten, sie aßen Ratten, holten Wasser aus einem zugefrorenen See, suchten Schutz, wussten nicht, ob eine Horde singender Männer am Lagerfeuer diesen bot. Martin Sastres Martin Sastre Foundation trug innerhalb des Stipendiatenprogramms ein weiteres Stipendiatenprogramm namens «Be a Latin-American Artist» aus, lud von der «Original»-Jury und ihm ausgewählte Studierende der Bauhaus-Universität Weimar nach Montevideo ein, um Überlebensstrategien lateinamerikanischer Künstler, die örtliche Kunstszene und an der «School of Arts» zu studieren und Arbeiten zum Thema Ironie zu entwickeln. Die Kunden von Susi Pietsch und Annemarie Thiede («Desastre Girls») in Rent a Video Artist wurden Superstars in deren Video. Charlotte Seidel nahm den Tütentango auf und intervenierte im Stadtraum mit Spielzeugsoldaten (Boca de Tormenta) sowie ohne (S.T., alle 2004). Zudem sah man Sastres Videos The Iberoamerican Trilogy (2003), Greatest Hits, THEE! True Hollywood Story, Masturbated Virgin I /II, Sorkitty: The Missionary Nun, Fragment-2 und Nadia Walks with me. Peter Herbstreuth (Berlin), Norbert Hinterberger (Weimar), Gregory Williams (New York), Dr. Barbara Steiner (Leipzig) und Courtenay Smith (München) als Juroren wählten die Stipendiaten aus.