Ich war Künstler

18. Juni bis 07. August 2005 

Co-Kurator: David Mannstein (Berlin)

Azim Akcivan | Nicole Degenhardt / Franziska Lamprecht | Jan Gericke / Martin
Kleppe | Steff en Groß | Susann Hempel | Ulrike Heydenreich | Philipp Hirsch | Franz
Höfner / Harry Sachs | Franziska und Sophia Hoff mann | Kristoff er Keudel | Stefanie
Klekamp | Mirko Kubein | Anja Mai | Till Rickert | Salon K. (Juliane Wedell, Marco del Pra’
u.a.) | Tim Schober / Michael Böhler | Annekathrin Schreiber | Robert Seidel | Streaps
(Johannes Mayr / Matthias Schnell / Oliver Th uns / Justus Wunschik) | Christian Sturm
| Jan Th au | Maria Vill | Miriam Visaczki / Christine Goppel | Alexander Voigt (alle DE)

Ich war Künstler

Annekathrin Schreiber: o.T.

Im Film Das Mädchen, er und der Ort (2001) von Miriam Visaczki und Christine Goppel begegneten sich zwei Menschen, folgten einander ohne Worte, suchten, fanden sich und flohen voreinander. Ein Spiel, das beide in eine verlangsamte Zeit, eine andere Welt versetzte. Susann Maria Hempels Videofi lm Der Große Landfried (2004 – 05) näherte sich dem gleichnamigen, nahezu leer gezogenen Weimarer Quartier aus einstigen Notwohnungen der 1920er, dem Noch-Bewohner unzertrennlich verbunden zu sein schienen – manche seit 60 Jahren – und das einer Reihenhaussiedlung weichen sollte. Till Rickerts Film Fußball (2002) zeigte nichts Anderes als einen solchen, in beständiger, gleichgerichteter Bewegung, angetrieben von einer unbekannten Kraft. Azim Akcivan war in Istanbul‚’U Dinliyorum (1999) mit geschlossenen Augen auf der Suche nach der Heimat – im deutschen Wald und auf Istanbuls Straßen. In zweieinhalb Minuten ließ Franz Höfner aus repräsentativem Gelsenkirchener Barock die gemütliche Utrechter Hütte (2002) entstehen. Das Foto Haus mit Saab (2005) von Steffen Groß – eine verfallene Villa am Bahnhof Weimar – wirkte entgegen der von ihm oft festgehaltenen «Unorte» motivisch gezielt, heatralisch überhöht. Annekathrin Schreiber konterte auf weißem Bodenbelag mit geschwürartigen Gebilden, wuchernden, endlos verknoteten Organen (aus Stoff), Kartoffel keimen oder Darmschlingen nicht unähnlich: o. T. (2004). Sofa, Stehlampe und ein in aufwändiger Heimarbeit gesticktes Wohnzimmerbild gaben Maria Vills Raum Fernsehgemütlichkeit, bis man erkannte, dass das Motiv ein Massengrab im Kosovo (1999 – 2001) darstellte – die Reproduktion eines Spiegel-Reportagefotos – was das häusliche Wohlbehagen aushebelte. 1970 drehte Michelangelo Antonioni Zabriskie Point über amerikanische Studenten, das Weglaufen, eine Auszeit aus der Gesellschaft, die Flucht in die Wüste. 2004 drehte MY PICTURES DON’T MOVE (Leitung: Mirko Kubein) einen Kommentar über deutsche Studenten, Zabriskie Point – Ein Coversong. Weimars Kubus (2004), eine temporäre Theaterstätte, entwickelte per Kurzanimation von Christian Sturm, Jan Goldfuss und Michael Engelhardt einen dynamischen Eigenwillen, als seine angestaute zerstörerische Wut von magischer Kraft getrieben über Weimar ausbrach. private room / privatraum / espace privée: Daily Care, Das Séparée / Nachtschrank (1999) dokumentierte Stefanie Klekamps gepolsterte Videomöbel, in denen ihre Filme liefen. Die arbeitslosen Protagonisten des Projekts Armut als Chance (mit Travelguide) (2004) von Jan Thau sahen in Deutschland keine Alternativen mehr und zogen in ihr Traumland, denn sie hatten vom Erfolgsdruck, Arbeitsstress, kalten Klima und Sozialabbau die Nase voll. Philipp Hirschs Film in (2004) artikulierte sich in Animationen und Realszenen über das «Sehen» seiner Protagonistin Hanna, die in existenzieller Situation etwas entscheiden musste, was sie nicht konnte – eine Odyssee in ihr Inneres. Der Druck war so groß, dass fast nichts blieb. Nur ein winziger Rest in ihr. Der machte sich selbstständig. Und Hanna sah zu. Franz Höfner und Harry Sachs verwandelten einen schmalen Gang in eine über 17 Meter sich windende und wandelnde Mini-Wohn-Kultur – einen Wandschrank (2005), den man kriechend erobern konnte. Robert Seidels Experimentalfi lm _grau (2004) fächerte die Erinnerungsfragmente eines Autounfalls auf, ließ diese Sekundenbruchteile ätherisch am Betrachter vorbei gleiten. Tableaux Vivants aus wuchernden Strukturen verzweigten sich, ohne vollständig in pures Schwarz oder Weiß einzutauchen. Im Video Kung Fu (2002) von Jan Gericke und Martin Kleppe war die Kamera selbst und damit der Zuschauer der Kontrahent, der dem schattenboxenden Selbstverteidiger wehrlos gegenüber stand. Johannes Mayr, Matthias Schnell, Oliver Thuns und Justus Wunschik organisierten auf ihrer Online-Mixing-Tool-Platform mit Streaps (2005) Live-Streamings für Online-Live-Performances. Jeder konnte sich einklinken. Die Idee von Juliane Wedells und Marco del Pra’s eu.ROM.obile! (2004) war es, den Roma, deren Siedlungen auf slowakischen Karten nicht existieren, einen Platz auf der Landkarte und eine Stimme zu geben. Marco del Pra’s Fotoprojekt PLASTICO – Am Rande Europas (2003) fokussierte auf täglich aus Afrika in Andalusien ankommenden Menschen, auf die statt eines besseren Lebens soziale Ausbeutung wartet. In Kristoffer Keudels Poetry Clip sah man den Autor und dessen Mimik, hörte seine Stimme und deren Intonation, folgte Text und Bedeutung, als sich Keudels Gedanken Fahrend (2004) zu einem megalomanen Verbalausbruch auf dem Kindersitz verdichteten. Anja Mais Frisiersalon Was Sie schon immer über Kunst wissen wollten … Klappe II (2002 – 05) verband Kulturgenuss und alltägliche Notwendigkeiten. Sie bot ihre Dienste als Frisörin an. Die Studie zur Flugtauglichkeit von Objekten (1997) von Tim Schober und Michael Böhler dokumentierte, wie zunehmend unsinnigere, gebastelte Fluggeräte zum Testfl ug aus einem Fenster des Van-de- Velde-Baus flogen. Schließlich wurde wahllos alles Greifbare «getestet». In Franziska und Sophia Hoffmanns Stammbaum (2003) bildeten über vibrierende Wärmekissen gezogene Pullover, jeweils spezifi sch zur verwandten Person ausgewählt, die Bildnisahnentafel der eigenen Familie nach. Stromkabel zeigten familiäre Verbindungslinien an. In Nicole Degenhardts und Franziska Lamprechts Filmperformance Werner (1998) wurden Echte Hasen (Lepus) aus der Tiefkühltruhe zu langsam auftauenden, wenn auch leblos bleibenden Gespielen. In Ulrike Heydenreichs Wandschaukasten waren keine Insekten, sondern Lautsprecher angeordnet, die das Geräusch des jeweils darunter benannten Insekts wiedergaben. Zum Heydenreich-Museum (2005) gehörte auch ein Panoramakästchen mit Guckloch, durch das man eine nie endende, historische Landschaft vorbeiziehen sah. In die Wandfl ächen eines Holzoktogons bohrte Alexander Voigt sinnvolle oder nutzfremde Konstrukte (2005), denen «Bohrlochzeichnungen» zugrunde lagen.