Polymorph Pervers - Die Nachtseiten der Liebe

22. August bis 09. Oktober 2009

Katharina Arndt | Josef Breitenbach | Wilhelm von Gloeden | Horst Janssen | Susanne Klein | Katharina Kranichfeld | Max Liebermann | Stefan Panhans | Guigielmo Plüschow | Steff en Schäffl er (alle DE) | Dimitrios Antonitsis (GR) | Franz von Bayros (HR) | Tobias Bernstrup (SE) | Günter Brus (AT) | Will Cotton (US) | Salvador Dalí (ES) | Achille Devéria (FR) | Raphael Dussan (CO) | Valie Export / Peter Weibel (AT) | Michel Fingesten (AT) | Sylvie Fleury (CH) | Katrin Freisager (CH) | Javier Gil (UY) | Louis Igout (FR) | Allen Jones (GB) | Martin van Maele (FR) | Paul McCarthy (US) | Pierre et Gilles (FR) | Sandro Porcu (IT) | Félicien Rops (BE)
Co-Kurator: Michael Farin (München)

Polymorph Pervers - Die Nachtseiten der Liebe

Sandro Porcu: Das Bett

Die Ausstellung über das Phantasma des Begehrens skizzierte eine Kunstgeschichte der Erotik Stefan Panhans’ Clips YamYoung M., Jasna / Kaja (2001) mit «Kostproben» gecasteter Models machten uns schon vor der Galerie zu Voyeuren, die individuelle Annäherungen an gesellschaftlich prägnante Rollenmuster und Posen beobachteten. Für Avenue S., Isabell & Melanie (2002) bat Panhans zwei Servicedamen eines Kaufhauses, vor der Kamera so zu posieren, wie sie es Kunden gegenüber tun. Mit Filmplakaten und dem Mitschnitt einer «Schwarzen Messe» begann die tour d’horizon. Parallelen zwischen Leidenschaft, Wollust und dem Eifer, für Gott zu sterben, sah Katharina Arndt in den Worten des Heiligen Andreas vor der Kreuzigung – sie schuf ein schwarz lackiertes Andreaskreuz (2004), flankiert von ihren Radierungen Das Auge (2004), Javier Gils Pastellkreiden Philosophie dans le Boudoir (1996) und Tuschen Adam und Eva (2000) sowie Illustrationen aus Marquis d’Argens Erziehungsroman Thérèse philosophe (1748). Nun folgten 54 Illustrationen aus Marquis de Sades Juliette (um 1840) und einige von Achille Devérias kolorierten Lithographies Romantiques (1840). Sebastian (2004), ein Druck von Dimitrios Antonitsis, bildete den nackten Torso eines Mannes in Unterwäsche ab. Leda und der Schwan beherrschten einen Raum – Ina Lambert malte sie 1997 nach Peter Paul Rubens (und jener nach Michelangelo) in Öl. Das Bett (2004) von Sandro Porcu verführte dazu, sich liegend von Dutzenden beweglichen Federn streicheln zu lassen. Radierte Phallische Szenen von Franz von Bayros komplettierten den Raum – gefolgt von dessen Heliogravuren Lesbischer Reigen (1920). Dazu gesellten sich Achille Devérias Illustrationen zu Alfred de Mussets erotischem Roman Gamiani ou Deux Nuits d’Exces (1833). Neben André Massons handkolorierten Lithografi en Dessins Érotiques (1971) hing Will Cottons Ölgemälde Flanpond (2003) – ein von Monets Wasserlilien inspirierter «Puddingteich» – ein Geschmack aus Erotik und Fantasien über Süßspeisen an. Walter Klemms Radierungen Die Erbsünde (1919) illustrierten die «Erotische Schöpfungsgeschichte », in der der Teufel für die Lust der von Gott zuerst geschaffenen Eva Schuld trägt. Michel Fingestens Radierungsserien Essai de Danse Macabre (1938), Vision d’Amour Bizarre (1917) und Psychoanalytische Glossen (1915) wie auch Max Liebermanns radierte, handkolorierte Erotische Grotesken (1920) adelten jenes Grafi kkabinett. Tobias Bernstrup ließ für das Video Polygon Lover (2000) sein Alter Ego im roten Latexkostüm in einen modifi - zierten Computerspielcharakter schlüpfen, der endlos vor der Kamera bzw. gegenüber Pierre et Gilles’ Elian Pine Caringthon (1992) masturbierte. Für die Aktion Tapp und Tastkino (1968) schnallte sich Valie Export auf dem Wiener Stephansplatz eine mit Vorhängen versehene Kiste vor ihren Oberkörper und forderte Passanten auf, ihre nackten Brüste anzugreifen. Ein Jahr darauf führte sie ebenda ihren Künstlerkollegen Peter Weibel wie einen Hund an der Leine spazieren, wovon zwei Fotografi en Aus der Mappe der Hundigkeit (1968) zeugten. Das Gemälde Three Part Invention (2002) des britischen Pop-Artisten Allen Jones belauerte Martina Küglers Penis-Wippe (1989). In den Performancefi lmen Family Tyranny und Cultural Soup (beide 1987) repräsentierte – umgeben vom Setting eines Alpenwestern-Kochkurses – der Vater mit Tirolerhut (Paul McCarthy) das strafende Gesetz. Der Sohn (Mike Kelley) war ihm spielerisch ausgeliefert, zwischen debilem Mantschen, Quetschen und Brummen. Salvador Dalís handkolorierte Radierungen La Venus aux Fourrures (1969) hatten ein Tête-à-tête mit Leopold von Sacher-Masochs von Suzanne Ballivet 1954 illustrierter französischer Buchausgabe der Venus im Pelz und Pauline Réages von Léonor Fini illustrierter Ausgabe (1979) der Geschichte der O.

Daneben 36 Blätter von Günter Brus’ Venus im Pelz (2002), Radierungen Postscriptum (1984)
von Horst Janssen zum Thema «Der Tod und das Mädchen», Sandro Porcus Kombination aus
Sprungbrett (Frosch) und Dildo o. T. (2005) und eine Diaschau von Javier Gils Histoire de
l’Oeil zu Georges Batailles Geschichte des Auges (1928). Steffen Schäffl ers Puppentrickfilm
Der Perückenmacher (1999) erzählte die Geschichte eines Mannes und eines Mädchens während
der Pest in London 1665. In Katrin Freisagers Fotoarbeit Ohne Titel (2002) bildeten hautfarbene
Gliederknäuel den abstrakten Raum. Neben Josef Breitenbachs und Louis Igouts Nacktstudien
hingen weitere von Guigielmo Plüschow und seinem Neffen Wilhelm von Gloeden – beides
Pioniere künstlerischer Aktfotografi e –, Akte sizilianischer Knaben mit Requisiten und Kostümen,
die eine arkadische Antike suggerierten. Susanne Kleins rein fetischistische Maßschuhe
Laufen lernen (1999) aus braunem Orthopädie-Schuhleder waren zum Laufen ungeeignet. Mit
ihrem Körperverbesserungsanzug (1998) aus Latex und Schaumstoffeinlagen konnte man das
Aussehen einer Sexbombe erlangen. In Fotoporträts stellte Klein ihre maskierten S /M-Helden
(1996) vor. Katharina Arndts Streichelanzug (2005) konterkarierte die Ästhetik der männlich
dominierten S /M-Szene, die sie auch per Leuchtbox und Gesichtskappen lead me – Verantwortungslosigkeitsequipment (2004) und mit Stickbildern entsprechender Motive spiegelte. Sylvie Fleurys Cuddly Paintings (1996) aus Kunstfell setzten die Traditionen monochromer Malerei in Bezug zu unserem Verlangen nach Mode, Luxus, Markenartikeln und deren Fetischcharakter. Allen Jones lebensgroße, nackte Frauenfi gur aus Fiberglas Stand In (1993) zierte als bemaltes, menschliches Möbelstück voller Sex-Appeal-Fetischismus die letzte Raumecke der Galerie.