The Social Collector

24. Oktober 2005 bis 22. Januar 2006

Hiroshi Fuji (JP) | Heinos Raritätenkabinett (DE) | Lettisches Okkupationsmuseum (LV) | Mediologische Vereinigung – Rudi Maier (DE) | Helga und Hartmut Rausch (DE) | The Museum of Jurassic Technology (US) | Werkbundarchiv – Museum der Dinge (DE)

 

The Social Collector

The Social Collector_Krankentransportwagen

Als materialgewordenes Assoziieren ist alles Sammeln der stetige Versuch, damit umzugehen, dass Zeit vergeht. Sammeln als Kulturtechnik hat nicht nur etwas Behütendes, sondern ebenso etwas Ängstliches. Dabei gilt die Sorge nicht nur dem vergangenen Verlorenen, sondern auch dem zukünftig Ungewissen. Sammeln beruhigt und versöhnt. Auf unerwartete Ereignisse, Zufälle, neue Bedingungen antworten stets die Tätigkeiten des Sammelns – Sammeln trägt Sinn, Ordnung, Begrenzung und Bedeutung in das Zufällige, Bedrohliche, Unübersichtliche oder Fragmentierte. Das ACC zeigte sieben soziale Motive des Sammelns und damit Akteure, die einer scheinbar unabänderlichen Ordnung der Dinge mit einer sehr eigenen Ordnung begegnen.

Das Museum of Jurassic Technology in Los Angeles ist eine Kreuzung aus einzigartigem Bildungsinstitut für Naturgeschichte und Kunstmuseum, das wie ein Zaubertrick funktioniert: Man ist sich nie ganz sicher, was Wahrheit und was Illusion ist. Einige Dutzend Briefe, zwischen 1911 und 1935 an die Mount Wilson Sternwarte in Kalifornien gerichtet, waren von Personen verfasst, die meinten, wichtige kosmische Erkenntnisse, auf die sie über Experimente, Beobachtungen oder Eingebungen gestoßen waren, dringend mit Astronomen teilen zu müssen. Auf Initiative von Museumsgründer und -kurator David Wilson sind die Briefe nun – als Sammlung No one may ever have the same knowledge again – Bestandteil des Museums.

Commandante Che Guevara fordert auf, an einem Salsa-Tanzkurs teilzunehmen, und Karl Marx wirbt für den Kauf einer Office-Software: Die Werktätigen müssen die Produktionsmittel besitzen. Werbung verführt dazu, schwarz zu fahren, blau zu machen oder es heißt: Radikalisier das Leben! T-Shirts tragen Botschaften wie: Disarm now!, Protest, Rebellion oder auch Prada-Meinhof. Die Sammlung so geht revolution des Ludwigsburger Kulturwissenschaftlers Rudi Maier erweitert sich ständig durch neue Werbeanzeigen und TV-Spots, die von Straßenschlachten, linken Themen und ihren Ikonen, Freiheit, Radikalisierung und Revolution handeln. 100 Beiträge (1967-2005) waren zu sehen.

Im Plattenbau einer ehemaligen sozialistischen Dorfschule in Sieglitz (Sachsen-Anhalt) betreibt das Pensionärsehepaar Kirbst Heinos Raritätenkabinett, ein Nahweltmuseum, das in 30 Klassenzimmern à la „alles über Sägen und Holz“, „Weben, Stricken & Spinnen“, „Poststelle 70er Jahre“, „209 Nähmaschinen“, „Telefone & Funkgeräte“, „alles über Tabak, Zigaretten & Zigarren“, „Schuss- & Jagdwaffen & z. Z. 100 Bügeleisen“ oder „Mus- & Sirupherstellung“ Alltagskultur aus Beruf, Schule und dem Privaten vorstellt. Pfannkuchenspritze, Rasierklingenschärfer, Gebisskautschukpresse, Brieftaubenzählgerät wie auch Kirschentkern-, Tablettenvernichtungs-, Eintastschreib- und Hutkrempennähmaschine gehörten zu den Juwelen.

Denk dran, du gehst bald, dass etwas hier bleibt!, pflegte Hausmeister Hartmut Rausch an der Städelschule in Frankfurt am Main die Studierenden zu erinnern. Was zu seinem 50. Geburtstag begann – zwei Absolventen schenkten ihm ein Kunstwerk – wuchs an zur hochkarätigen Sammlung Rausch, die sich – offen und vielschichtig-verspielt – stets aus sich selbst heraus begründet, was sie von anderen unterscheidet, die doch meist konkrete Leidenschaften und entsprechend eigene Sehgewohnheiten der Sammler widerspiegeln. Durch ihren Beruf lernten er und seine Frau Helga – selbst weder Kunstexperten noch kommerziell Interessierte – viele Künstler kennen, die ihnen vertraut sind und deren Geschichten sie kennen. Aus ihrem Wohnzimmer wurde ein bewohnter Ausstellungsraum.

Das 1993 gegründete Lettische Okkupationsmuseum in Riga thematisiert Einfluss und Terror des nationalsozialistischen sowie des kommunistischen Regimes gegen die lettische Bevölkerung, aber auch den Widerstand gegen die Besatzung bis hin zur staatlichen Unabhängigkeit 1991. Eine Sammlung aussagekräftiger Objekte, benannt Vom Terror zur Unabhängigkeit, stützt die Erinnerung an Zehntausende Letten, die in der Zeit der Deportationen unter Stalin in die Lager des GULAG nach Sibirien verschleppt wurden. Die Schöpfer oder Besitzer dieser Gegenstände bzw. deren Leidensgenossen oder Angehörige vertrauten sie dem Museum an. Sie bezeugen ein Leben unter unmenschlichen Bedingungen, aber auch den Willen, zu überleben, Würde und Menschlichkeit zu bewahren.

Kaekko ist eine Tauschbörse, mit deren Hilfe Kinder ihr nicht mehr gemochtes bzw. benutztes Spielzeug sammeln und gegen andere gebrauchte Spielwaren, die sie mögen, eintauschen. Hiroshi Fuji aus Fukuoka erfand dazu die universale Kinderwährung „Kaeru Points“, ein Punktesystem mit Punktkarten, das ohne Geld auskommt. Die gemeinsame Anstrengung „Domestic Waste Zero Emission“ hingegen entstand, weil Familie Fuji die Müllabfuhrgebühren nicht mehr bezahlen konnte, weswegen kein Abfall mehr entsorgt wurde. Sie sammelten von nun an ihren Hausmüll in einem ausgedienten Hühnerstall. So sind die Drachen, Boote, Flugzeuge, Möbel, Kleidungsstücke oder Taschen der Vinyl Plastics Collection aus Tausenden ausgedienter Plastikflaschen o. ä.

Aus Blech- und Plastikresten, Metallstangen, Latten, Drähten und Schnüren bauten Sowjetsoldaten einst ihre Antennen zum Empfang von Rundfunk- und Fernsehprogrammen. Nach dem Truppenabzug in den 1990ern als Müll zurückgelassen, demontierten Mitarbeiter aus dem Berliner Werkbundarchiv – Museum der Dinge diese Relikte der Besatzung in den verlassenen Kasernen rund um Berlin und nahmen sie als Russen-Antennen in ihre Sammlung auf. Es sind Notprodukte, die nicht den technischen Standard der Roten Armee repräsentieren, sondern den Mangel an Erfüllung individueller Bedürfnisse im Kasernenalltag und den Wunsch, mitzuhören, sich zu beteiligen, ebenso vergegenwärtigen wie die Lust an der improvisierten Form und die Idiotie der politischen Situation.