Le Souvenir - Kult Kitsch Kunst

26. August bis 28. Oktober 2007

Constantin Boym (US) | Lucius Burckhardt (CH) | Antonio Chichi (IT) | Pina Delvaux (LU) | Ulrika Erdes (SE) | Corey Escoto (US) | Sibylle Feucht (CH) | Martina Florians (NL) | Aurélien
Froment (FR) | Ik-Joong Kang (KR) | Raffi Kaiser (IL) | Nina Katchadourian (US) | Ivan Moudov (BG) | Giovanni Battista Piranesi (IT) | Lisl Ponger (AT) | Rayah Redlich (IL) | Jochem Hendricks | Stefan Hunstein | Katinka Kaskeline | Burgi Kühnemann | Anna Kwiatkowski | Martha Laugs | Vogt + Weizenegger | Miriam Visaczki | Ulrich Wagner | Carola Willbrand (alle DE)
Kooperation mit dem Museum für Angewandte Kunst Frankfurt (Main)

Le Souvenir - Kult Kitsch Kunst

Reisenecessaire, um 1820

Straßen des Glaubens: Die Menas Ampullen (6. – 7. Jh.) aus Ägypten, die iranische Schachfigur eines Vesirs (9. Jh.), das Aquamanile in Form eines Löwen (13. Jh.), die mittelalterlichen Pilgerzeichen (14. – 16. Jh.), die Reliquienkapsel (um 1500) und das Modell der Grabeskirche in Jerusalem (17. Jh.) korrespondierten mit dem Souvenir-Kapellchen (2004) aus zig Halbreliefs von Albrecht Dürers Betenden Händen, gesammelt von Martha Laugs. Erinnerung an das Ich Souvenir des Anderen: Albrecht Dürers Haarlocke in der Montierung Eduard von Steinles (um 1871), das Tintenfass von Goethe an Frederic Jacob Soret (um 1825), die Haarlocke in rundem Döschen aus Goethes Besitz, Zwei Piquetknöpfe von Goethes Prunkweste mit Beglaubigung (beide 19. Jh.), der für Goethe erstellte Tafelkalender, 28. August 1831 bis 27. August 1832 (1831), Goethes Trinkbecher mit Lederfutteral (um 1800) und die Bronze Napoleon I. Bonaparte aus Goethes Besitz standen dem 1:1-Acrylat-Modell vom Gehirn des Künstlers (1997 – 98) Jochem Hendricks gegenüber. Der Grand Tour: Das Reisenecessaire (um 1820) – ein Mahagonikoffer für die Bildungsreise –, Piranesis Vedute di Roma (1747 – 78), Antonio Chichis massives Korkmodell des Triumphbogens für Kaiser Konstantin in Rom (Ende 18. Jh.), neapolitanische Ohrgehänge aus Magma, fl orentinische Pietra-dura-Broschen und Colliers aus Torre del Greco (alle um 1820) fl ankierten Lisl Pongers Found-Footage-Montage Passagen (1996), ein filmisches Reisealbum wehmütiger Abschiedsbilder. Raffi Kaisers Wanderungen gipfelten im Carnet de route: Chine (1987). The Apse, the Bell and the Antelope (2005) von Aurélien Froment führte durch Arcosanti, das Lebenswerk von Arcology-Erfi nder Paolo Soleri. Phänomenologie des Intimen / Vom Stammbuch zum Souvenir d’amitie: Das Familienfoto mit einmontierter Figur (um 1890) eines früh verstorbenen Kindes, ein bestickter Tabaksbeutel (18. Jh.) mit herausgeschnittener Darstellung der Partnerin nach einer Trennung, der Goldfingerring mit verborgenem Andenken (um 1900) – einem geklöppelten Haarband –, das aus einem Zopf hergestellte Haarwandbild (19. Jh.) als Klosterarbeit einer spanischen Novizin, ein Ranftbecher mit Freundschaftsallegorie (1815 – 25), das Zimmerdenkmal mit Porträts der Familie von Johann Friedrich Kaufmann (1736 – 1809) (1789) und das Stammbuch des Herrn von Brack (1782 – 84) bildeten das Pendant zur Videoinstallation all my dreams (2006), für die Sibylle Feucht 15 Super-8-Heimfi lm-Fragmente einer unbekannten Familie aus den 1970ern synchron laufen ließ. Anna Kwiatkowskis Zeichnung mit Haaren, Fragment (2006), Carola Willbrands Buchobjekt Freundinnen – Bewegung um den Lebensfaden und ein zweites von Pina Delvaux, miroir blessé (2002), ergänzten Ulrika Erdes’ Public Embroidery (2007) aus in Zügen, im Kino und andernorts gestickten Herzen, Tieren, «Hugs» und «Hi’s». Traumatische Erinnerung: Ihr Büchlein Kleine Sammlung der allernotwendigsten Gebete warf Danuta Brzosko-Me˛dryk vor ihrer Deportation nach Majdanek aus dem Zugfenster – ein Finder händigte es, wie darin gebeten, ihrer Mutter aus. Der Reisekoffer von Stephan von Dobrzynski wurde dem KZ-Häftling nach der Buchenwaldbefreiung zurückgegeben. Eine Auswahl gefundener Objekte von den Müllhalden des ehemaligen KZ Buchenwald wurde erstmals öffentlich gezeigt. Ulrich Wagners Leporello Auschwitz II (Birkenau) (1995) war zu sehen, zu hören die von Stefan Hunstein gelesenen Aufzeichnungen Meine Psyche, Werden, Leben und Erleben von Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz. Rayah Redlich machte die Beauty of Incompleteness (2002) zum Leitgedanken. Miriam Visaczkis Installation In Waldmünchen is’ nur einer ins KZ ’kommen, der Lechner Johann. (2007) gedachte eines vergessenen Widerstandskämpfers. Auf einem Zahnputzsteinkassiber (1957 – 60) hatte ein politischer DDR-Häftling seine biografi schen Daten eingeritzt. Geruchskonserven der Staslagerten im Nebenverlies. Altäre des Banalen: Da waren Beschriftete Sandproben aus aller Welt (ab 1960), der Kleiderbügel vom Hotel Ritz in Paris, Schneekugeln, «Plastiskope» oder «Guckis», Stocknägel wie der von Lucius Burckhardts Wanderstock, Hier ist es schön (1980er). Auch Feliks-Dzierzynski-Ehrentücher (1968), Erinnerungsteller XXV Jahre Ministerium für Staatssicherheit (1975) und 60. Jahrestag der Tscheka (1977) oder ein Miniatur-MG als Tischzier (1985) zählten dazu. Constantin Boym reproduzierte mit Buildings of Desaster (seit 1998) wohnzimmergeeignete Architekturminiaturen (Nickel) von Katastrophen. Eine Jutetasche (2003) aus Eritrea warb mit der 9/11-Katastrophe. Bei Katinka Kaskeline wurde aus «Hello Kitty» German History light – Hi Hitty (2005). Burgi Kühnemann schuf mit Abformungen in Pappmaché Andenken aus «großdeutschen Zeiten». Corey Escoto stellte seine United Nations Memorabilia (2007) vor. Aus gefundenem Bandsalat rekonstruierte und ortete Nina Katchadourian in Street Songs from Dublin (2003) von Unbekannten einst Gehörtes. Martina Florians Installation The Changing Smells (2007) war – mit Flanellband und Duftfl äschchen – ein «Geruchsprobentauscher» für Galeriebesucher. Souvenirs de l’Est: Ein Silbermodell (um 1900) vom Gedenktor des Boxeraufstands, drei Porträts (Li Hongzhang, Kaiserinwitwe Cixi, «Sühneprinz» Chun, um 1900) sowie Japanische Zierumschläge mit Holzschnitten (um 1940) und Zierteller (1968) zu Ehren von Mao Zedong zählten ebenso zu den Andenken aus dem Osten wie das Pracht-Album Views & Costumes of Japan (1886) und Max von Grunelius’ Fotoalbum einer Weltreise (1898). Ik-Joong Kangs von drei Panelen, Buddha with Lucky Objects (2002), umgebener buddhistischer Kunstschrein English Garden (1997) ließ «English Lerning Lessons» und Priestergesänge erklingen. Vor leeren Wänden bot Ivan Moudov einen Audio-Guide (2007) zu abwesenden Kunstwerken aus jeder Abteilung der Schau an.