STAMMTISCH. SUCHTRUPP. GARTENARBEIT.

13. INTERNATIONALES ATELIERPROGRAMM 2007 «AUSSEN VOR – ON THE OUTSIDE» ACC GALERIE UND STADT WEIMAR

Yochai Avrahami (IL)

Kristin Lucas (US)

Xabier Salaberria (ES, nur Atelierprogramm)

Programmleiterin: Charlotte Seidel (Weimar)

STAMMTISCH. SUCHTRUPP. GARTENARBEIT.

29. März bis 18. Mai 2008

Der Kapitalismus scheint unentbehrlich, verdrängt andere Formen gesellschaftlicher Organisation. Kaum ein Fleck der Erde ist vor ihm sicher. Außerhalb dessen nur Leere, jedes Draußen ein vermeintlich gefährlicher Ort. No way out? Künstlerische Ansätze auf Fragen nach dem Dahinter, der Ästhetik des Draußen, dem Außerhalb des Systems wurden gesucht. Kristin Lucas war in Weimar bemüht, mittels öffentlicher Gespräche und Online-Foren einen Suchtrupp zusammenzustellen, der das Außen defi nieren und erforschen sollte. Institutioneller Rückhalt kam – in transportabler Miniaturbox – vom John Erickson Museum of Art (JEMA). In der Rauminstallation Late Arrivals Door (2008), die eine Pressekonferenz simulierte, stellte sie das Museum und Beweisstücke ihrer verzweifelten und erfolglosen Teamsuche aus: Zwölf beschriftete Banner, eine zwölfteilige Gewehrsammlung aus Sperrmüll, eine Buchkollektion zum Thema u. a. An der ACC-Fassade zeugten vier Banner Search for Outside (2008) von ihrer Initiative. Außerdem waren ihre Videos Watch Out for Invisible Ghosts (1996), Host (1997), Celebration for Breaking Routine (2003), Smaller and Easier to Handle (2003), Lo-Fi Green-Sigh (2004), Magic Eyes Cream Headache Sandwich (2005), Whatever Your Mind Can Conceive (2007) und die Lichtbox Travel Advisory (2007) sowie die Dokumentation einer Intervention in der kalifornischen Justiz mit philosophischen Debatten im Gerichtssaal (Refresh, 2007) zu sehen: Ähnlich einer Website unterzog sich Lucas selbst einem «Update». Dies tat sie per Namensänderung, wählte aber erneut den Namen Kristin Lucas und ließ sich das gerichtlich beurkunden. Yochai Avrahami entwickelte im Video Rocks Ahead (2006) humorvoll-abstrakte Visionen der fortwährend kollabierenden Situation zwischen Kontrolle und Chaos in den israelisch besetzten West-Bank-Gebieten, die übersät sind mit pastoralen wie bedrohlichen, kriegerischen wie stillen Zeugnissen der Verwahrlosung und Überwachung. In Weimars Goethepark entstand aus Skizzen und aufgebühnten, episodischen Kurzperformances der Film zur Installation Mistrust the Parks (2007 – 08). Mit beweglichen Kunstfiguren aus industriegefertigten Gebrauchsgegenständen kombinierte er Bildhauerei, Freilufttheater und die Kultur der (Irr-)Gartenspiele in Parkanlagen. Sein spielerischer Umgang mit der Errichtung und Zerstörung romantischer, quasi-historischer Gebäude (wie z. B. künstlicher Ruinen) befragte u. a. unseren Umgang mit Geschichte, ihrer Konstruktion und Inszenierung. Ausgewählte jüdische Memorabilia – ein Relief Jerusalems, einen Kerzenleuchter u. a. – erweckte Avrahami nach einem künstlerischen Prozess, dessen Ergebnisse er mit den Abdrücken von Fossilien verglich, aus Aluminiumguss nachgeformt zu neuem Leben, indem er diese Replika Fragmente zur reptilienartigen Kreatur Volume VI (2008) zusammensetzte. Die wiederum ruhte neben dem Israel gewidmeten Band 6 der Hebräischen Enzyklopädie, der mit Ur-Bildern des israelischen Tourismus bestückt ist: Tempelruinen aus den Tagen römischer Besetzung. Der Raum Glasarbeit (2008) lud ein, Avrahamis Recherchen und Archivarien über die Zusammenhänge von Kunst und Militär, von Produkten der Macht und Schöpferkraft, zu teilen. Er untersuchte die Geschichte der aus Weimar stammenden Familie von Erich Glas, einem Aufklärer der deutschen Luftwaffe, Studenten an der Weimarer Kunstschule, Kunstlehrer in einem Kibbutz, Luftbildfotografen der jüdischen Miliz in Israel-Palästina und Vater des berühmten Uzi Gal – des in Weimar (Am Horn) aufgewachsenen Erfi nders der Maschinenpistole Uzi. Dr. Ulrike Lorenz (Regensburg), Chus Martinez (Frankfurt am Main), Dr. Kai-Uwe Schierz (Erfurt), Ursula Seeger (Weimar) und Noboru Tsubaki (Kyoto) wählten die Stipendiaten aus.