Unstern. Sinistre. Disastro.

Visionen zeitgenössischer Künstler
24. August 2008 bis 2.November 2008

Eine Ausstellung in Kooperation mit dem «pèlerinages» Kunstfest Weimar:
Makoto Aida (JP) | Liz Bachhuber (DE) | Roddy Bell (NO) |Patricia Bueno (PE) |Franco Cilia (IT) | Christoph Draeger (CH) & Heidrun Holzfeind (A) | Tom Fecht (DE) | Peter Hutton (US) | Elke Marhöfer (DE) | Jonas Mekas (US) | Tracey Moffatt (AU) | Fayez Nureldine (DZ) | Jörg Ollefs (DE) | Adrian Paci (AL) | Walter Sachs (DE) | Henrik Schrat (DE) | Xu Tan (CN) | Muhammad Zeeshan (PK)

Mit freundlicher Unterstützung der Sparkassenstiftung Weimar - Weimarer Land, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und des Förderkreises der ACC Galerie Weimar. Gefördert durch das Thüringer Kultusministerium und die Stadt Weimar.

Unstern. Sinistre. Disastro.

Unstern.Sinistre.Disastro.

Visionen zeitgenössischer Künstler

Befinden sich Sterne in ungünstiger Konstellation, steht Schlimmes zu befürchten, so die Lebensregel. «Unstern!» verkündet solches Unheil. Katastrophen-Darstellungen haben stets Konjunktur in den Künsten gehabt, nicht erst seit Wagners «Götterdämmerung». Während Politiker mögliche «Unsterne» gern verschleiern, widmen sich Künstler diesem Thema mit größter Lust. Sie verwandeln die ACC Galerie Weimar in ein labyrinthisches, nahezu auswegloses Sternobyl, einen parcours désastreux durch unwegsames, von ungünstigen Sternen übersätes Kunstgelände. Franz Liszts dreisprachiger Originaltitel eines späten Klavierstücks «Unstern. Sinistre. Disastro.» gibt auch den Titel der Ausstellung, wobei die Farben bevorstehenden Unheils durchs «Finstere» des Französischen und das «Desaströse» des Italienischen noch verstärkt werden. Dass der «Stern» eines Menschen oder einer Gruppe «sinken» kann, lehrt die Erfahrung und bedingt den (Aber-)Glauben an einen «Unstern» wohl seit Menschengedenken. Was die Sterndeuter, Auguren und Warner für die Königshöfe des Mittelalters und der Renaissance waren, leisten heute unsere «Apocalypse Now»-Filme im Kino. Und nichts Aufregenderes im Alltag, als endlich Zeuge eines Unfalls zu werden! Angstlust heißt der Begriff in der Psychologie, der verständlich macht, warum das so ist - Angstlust ist zugleich Angstabwehr. Dem Anderen geschieht das Unglück, ich bleibe heil, bin noch einmal davongekommen.

Wie immer: die Lust am Katastrophischen, dem Unter-keinem-guten-Stern-Stehen und die Faszination für Verderben, Abgründe und Unglücksfälle gehören zu unserer anthropologischen Mitgift, sind aus unserem psychischen Haushalt nicht wegzudenken. Am «beliebtesten» sind zweifellos die großen sozialen Katastrophen, die Man Made Disasters (9/11, Kriege, Hungersnöte) und die Bilder vom Untergang ganzer Völkerschaften, aber auch spektakuläre Naturkatastrophen - vom Untergang von Pompeji über das Erdbeben von Lissabon bis zu den Tsunamis unserer Tage. Wir genießen die Schauder, die sie auslösen. Ob sie «der Menschheit bestes Teil» sind, wie Goethes Faust behauptete, entscheidet sich allerdings erst, wenn solche Schauder unsere Selbstheilungskräfte mobilisieren, zu Vernunft und Umkehr anregen. Katastrophen galten in der Antike als Strafe für die Hybris der Menschen, als Rache der Natur oder zürnender Götter. Ist eine solche Einschätzung aber nicht selbst schon Hybris? Hat «die Welt» denn überhaupt Interesse an uns? Und wie steht es um unser Interesse an uns, wie um den «Unstern» von Menschenhand? In «The Video of a Man Calling Himself Bin Laden Staying in Japan» verkleidet sich Makoto Aida (Japan) als im Land der aufgehenden Sonne lebende Inkarnation des Al-Qaida-Chefs, der, Sake schlürfend bis zur Volltrunkenheit, ironische Monologe hält. Daneben Aidas 4. Version seiner «Attempted Suicide Machine» (Suizidversuchsmaschine, 2002), ausgerüstet mit einem Anleitungsvideo zur Benutzung dieser Apparatur, deren 2. Variante bereits 1998 im ACC ausprobiert werden konnte.

Die Intensität der Empfindungen beim Zusammenbruch des World Trade Centers aus der Perspektive einer Herumstreunenden beschreibt das Take-away-Büchlein von Elke Marhöfer (Deutschland), das mit den Worten «We are excluded from war» beginnt. Zwei Glühbirnen, die sich, «untermalt» vom Sound der einschlagenden Flugzeuge in die Twin Towers, an- und ausschalten, flankieren es wie eine Fußnote. Die Nachwehen der Katastrophe tauchen auch in der Raumkomposition «The Whispering Room» von Roddy Bell (Norwegen) auf. Flüsternd besingt dort ein überdimensionierter Mund die Vergänglichkeit der Jugend in traurigen irischen Volksliedern. Dabei haucht er dem Raum Atem ein, und auf die Wände projizierte Soldatenportraits aus dem Ersten Weltkrieg beginnen im Kerzenschein zu flackern.

Die Medien verändern unsere Wahrnehmung des Desaströsen. Tracey Moffatt (Australien) analysiert in überwältigenden zehn Minuten voller Explosionen, Naturkatastrophen und Terroranschlägen die Bildersprache der Weltvernichtung in Blockbusterfilmen («Doomed»), während uns Christoph Draeger (Schweiz | USA) und Heidrun Holzfeind (Österreich | USA) in einer «Kammer des Schreckens» durch die Unterwelten populärer Kinomythen (von Metropolis über Alien, Hellraiser, Beetlejuice, Logan's Run, THX, Fear Chamber bis Constantine, The Island und American Psycho) schicken, wo urzeitliche Ängste brodeln - ein psychedelischer Albtraum, in dem es nur noch abwärts geht, Endziel: Hölle - die Gegenwelt des Unsterns, in die sich Menschen stürzen, aus der Flammen lodern und Monster hervorkommen.

Ausgangspunkt der Arbeiten des Schweizer Künstlers Christoph Draeger sind oft in Zeitungen, Magazinen oder im Fernsehen veröffentlichte Reproduktionen - so im Falle der Boeing 747, die am 17. Juli 1996 11 Minuten nach ihrem Start vom Kennedy International Airport Richtung Paris in der Luft explodierte und vor New Yorks Long-Island-Küste in den Atlantik stürzte. Alle 230 Insassen kamen dabei ums Leben. Tausende von Wrackteilen wurden kurz darauf an der Unglücksstelle geborgen. Um die Unglücksursache zu ermitteln, rekonstruierten Kriminologen und Wissenschaftler äußerst aufwendig den vollständig zerstörten Jumbojet in einer Flugzeughalle in Calverton, Long Island. Ein CNN-Fernsehteam dokumentierte diesen Prozess, u.a. mit einer Kamerafahrt entlang des gesamten Flugzeugrumpfes. Von diesem Videofootage schnitt Christoph Draeger 43 Detailaufnahmen als Stills aus und komponierte sie erneut zu einer Panoramamontage des Flugzeugtorsos. Diese Photoshop-Komposition wurde anschließend mittels Tintenstrahldruck auf eine Puzzle-Mustervorlage aus 8.000 Teilen übertragen. Der «Reconstruction of TWA 800» (2001), der Rekonstruktion der Zerstörung also, kann sich der Besucher nun lustvoll hingeben, um so eine Art der Erlösung vom Desaster zu suchen oder die scheinbar gegensätzlichen Positionen von Puzzle und Katastrophe symbolisch in einem zerlegten bzw. zerlegbaren Blick auf die Welt verschmelzen zu lassen. Draeger befragt unsere Abhängigkeit gegenüber den Massenmedien und wie wir uns der Faszination der Katastrophe und der sonderbaren Ästhetik ihrer Bilder unterwerfen.

Tracey Moffatts Videocollage «Doomed» (2007) vereint Darstellungen von Schicksal und Zerstörung - Krieg, Gewalt, Terror - in sich, wie sie aus dem Kino, einer unserer Unterhaltungsoptionen, bekannt sind. Im Cut-and-Paste-Verfahren zusammengeschnitten, erzählt sie in höchst unterhaltsamer und schwarzhumoriger Art von der düsteren Seite unserer gegenwärtigen psychologischen Landschaft. Moffatts Film betrachtet gänzlich fiktionale wie auch rekonstruierte Katastrophenereignisse. Jede Szene ist mit bestimmten Referenzen geladen, welche die ihnen eigene, unikate Symbolik, ihr kinematisches Terrain besetzen - das Ergreifende, das Erhabene, das Epische, das Tragische, das Zweitklassige und das ausgesprochen Kitschige. Moffatt schwelgt im Genre des Desasters, deutet an, wie der Betrachter durch das Versprechen des drohenden Unglücks - eines wichtigen narrativen Werkzeugs - in die filmische Erzählung hineingezogen wird. Gefertigt aus Einleitung, Hauptteil, Finale, wird Moffatts Film selbst zum neuen erzählerischen Ganzen, zu einer Präsentationsform filmischer Unterhaltung bzw. zur «Kunst als Unterhaltung». Der Titel «Doomed» (Dem Untergang geweiht) hat die Eigenschaft des noch nicht Zerstörten - eine Betitelung, die auf Individuen, Familien, Liebende, Politiker und Nationen angewandt werden kann, eine Betrachtung von außen, die dennoch die Möglichkeit (sprich Hoffnung) beinhaltet, dass es in bestimmten Situationen Rettung geben mag. Tracey Moffatt arbeitet in den Bereichen Film, Photographie und Video und ist eine der führenden zeitgenössischen Künstlerinnen Australiens.

Der 85jährige, aus Litauen stammende und in New York City lebende Filmregisseur, Schriftsteller und Kurator Jonas Mekas, der Pionier des experimentellen Filmtagebuchs und Taufpate des amerikanischen Avantgardekinos, gilt als maßgebliche Institution für die Entstehung des US-amerikanischen Autorenfilms. In einer sechsminütigen Kameraeinstellung, die sich taumelnd auf und ab bewegt, filmt er wie gelähmt vom Dach seines Hauses in SoHo die brennenden Twin Towers, weinende Passanten, die ungläubigen Kommentare eines Mitbeobachters, klagende Rufe, Schreie, Sirenen und sich selbst. Versucht, das Unfassbare fassbar zu machen, muss Mekas vor der Wirklichkeit kapitulieren, was ihm nur durch die Flucht in die Fiktion, ins Märchenhafte gelingt. Indem er seinen Mitschnitt mit einem Zitat aus Heinrich Heines «Lorelei» - «Ein Märchen aus alten Zeiten» (2001) - betitelt, überträgt er das Geschehene ins Volkstümliche, entkoppelt die Handlung von jenem Schlüsseldatum 9/11, lässt das allzu Reale mit einer Anmutung von Zeitlosigkeit und Metaphorik verschmelzen und die Aufnahme übergangslos in einem braunstichigen fotografischen Bildnis eines nachdenklichen kleinen Mädchens und mit einem Kinderabzählreim enden. Der - wie er selbst zu sagen pflegt - «in Litauen als Dichter, in Europa als Filmemacher und in Amerika als Einzelgänger» bekannte Mekas setzt sich in «Ein Märchen aus alten Zeiten» auch mit der Beziehung zwischen Archivdokument und individueller Erinnerung auseinander.