Weltall * Erde * Mensch

22. November 2008 bis 11. Januar 2009

Maria Thereza Alves (BR) | Henrike Daum (DE) | Renaud Auguste-Dormeuil (FR) | Beate Engl (DE) | Katrin Gassmann (DE) | Anna Gierster (DE) | Florian Gwinner (DE) | G-Lab (LT) | William Kentridge (ZA) | William Lamson (US) | Lucien Pelen (FR) | radioqualia (AU) | Markus Wüste (DE)

Ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Erfurter Kunstverein e.V. und dem ACC Weimar kuratiert von Tely Büchner (Erfurt) und Silke Opitz (Weimar)

Für ihre freundliche Unterstützung danken wir den Künstler/innen sowie den Leihgebern SMPK Berlin, Hamburger Bahnhof; Information Centre of Lithuanian National Gallery of Art; PIEROGI Leipzig; Galerie IN SITU, Paris und besonders herzlich den Förderern Kulturstiftung des Freistaates Thüringen, Thüringer Kultusministerium, sowie der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Weltall * Erde * Mensch

Einladungskarte Weltall*Erde*Mensch

Nicht Siegmund Jähns 1978er Sojus-Weltraummission, nicht die perfekte Simulation einer Reise in den Orbit, noch jene dem solventen Touristen künftig mögliche mit der Weltraumfluggesellschaft Virgin Galactic, nicht Raumfahrtästhetik und Space Design, sondern das ambivalente Verhältnis des Menschen zu und in jenem „offenen Raum“, die Bedeutung und Nichtigkeit des Erdenbürgers als Allbewohner, sein alter Wunsch, fliegen oder schwerelos schweben zu können, sein Bedürfnis, sich über sich selbst und die Erde hinaus Bedeutung zu verschaffen, sein Verlangen, sich mit hausgemachten Mitteln ein eigenes Universum zu basteln, bildeten den Zündstoff dieser Schau. Ihr Titel war einem bis 1974 von staatlicher Seite an 14-Jährige überreichten DDR-Jugendweihe-Buchpräsent populärwissenschaftlichen Inhalts entlehnt.

Markus Wüstes steinerne Rakete war ganz offensichtlich gelandet. Zurück zur Erde/Back to Earth (2008), bohrte sich ihr blaugrauer Granit als erdenschweres Geschoss in die Galeriedielung, um dort einen absurden Gegensatz zwischen Funktion und Material zu verkörpern. Sein eigenes, plakatives Universum Updated (2006), das er dennoch mit den meisten Erdbewohnern teilt, war Wüstes Konsumkosmos aus Marken, Logos und Labels, die wie Werbung und Kaufrausch eine Sogwirkung entwickelten.

Renaud Auguste-Dormeuils Inkjetprints der Star System Series (2004) bildeten mit Software generierte, rekonstruierte, den Unstern prophezeiende Sternenkonstellationen ab, wie sie kurz vor menschgemachten Katastrophen am Firmament zu sehen waren (am 5. Juni 1944, dem Tag vor Caen, am 25. April 1937, dem Tag vor Guernica, am 8. August 1945, dem Tag vor Nagasaki, jeweils um 23:59 Uhr). Längst bleierne Geschichte, waren jene Bombardements zum angegebenen Zeitpunkt noch ungeschehen.

Auf den Spuren des französischen Experimental- und Stummfilmpioniers George Méliès (Le Voyage dans la Lune, 1902), startete William Kentridge in einer Espressokanne zum Flug ins All. Das Innere des skurrilen Raumschiffs wiederum stellte das Atelier des Künstlers dar, das Vehikel zur Ergründung des Kosmos’ wurde auch jenes zur Erschaffung des künstlerischen Œuvres. Ob der große Meister der (hier für die Projektion animierten) Zeichnungen am Ende seines Lunatrips (Journey to the Moon, 2003) tatsächlich die Frau im Mond als Sinnbild himmlischer Liebe traf, blieb ungewiss.

Maria Thereza Alves’ Video Il sole (The sun) von 2006 zeigte die Anstrengungen der von der Sonne verlassenen Talbewohner des italienischen Alpendorfs Viganella, auf dessen Piazza seit Ende 2006 über einen großen, Sonnenlicht reflektierende Spiegel nun auch im Winter „die Sonne scheint“.

Das Radio Astronomy Projekt (seit 2004) von r a d i o q u a l i a (ein Label von Honor Harger und Adam Hyde) machte das stets als still beschriebene Weltall hörbar: Radiowellen, ausgesandt von beweglichen Objekten und Planeten im Kosmos und empfangen über Teleskope, strahlte die Soundinstallation per Radioliveübertragung aus.

William Lamsons Begeisterung für die Schwerelosigkeit kam zum Tragen, als er den freien Fall (2005-06) kurz vor dem Erd-Aufprall simulieren ließ. Auf der Projektion gegenüber (Levitation Exercise, 2005-06) fiel ein Mond vom Nachthimmel, den ein Man immer wieder fortstupste, wenn er tief genug gefallen war, bis sich Mann und Mond im Nichts verloren. Lawsons Flugsimulator Sublunar - Flight (2005-06) war eine Ventilatorenpyramide, die mit Starkstrom betrieben werden musste, um einen kleinen Papierflieger in die Lüfte zu befördern.

Katrin Gaßmann erzählte in Frierkatze (2008) von ihrer bodenständigen Verortung, „vertonte“ per audio „von zu Hause aus“ ihre Scheu und Ängste gegenüber Welt und Kosmos. insomnia (2008) berichtete von einem, der keinen Schlaf finden kann und aus dem Fenster in den Nachthimmel blickt.

Henrike Daum Wandprojektion fast forward (2008) bediente sich der Simulation. Kein vorgetäuschtes Cockpit war nötig, jeder die Projektionsfläche umgebende Raum konnte als solches gesehen werden – über-All.

Lucien Pelen inszenierte sich selbst als Teil einer (erd-) kosmischen Landschaft in seine s/w-Fotografien (Encre #1, 2, 3, 2007) und schien dem dunklen Himmel einen Stoff abgewinnen zu wollen (Encre-Tinte), aus dem Kunstwerke und eben auch seine Inkjetprints gemacht sind. Der Himmel wurde als Teil des Kosmos’ zur Metapher für das Material des Künstlers, der wiederum gleichermaßen als Alchimist wie als Ökologe zu agieren schien.

Beate Engls kreisrunde Videoanimation als Deckenprojektion Space is a place. Der öffentliche Raum ist eigentlich auch eine Fiktion (2004) zeigte eine Skyline-Architektur und ließ den Betrachter von unten her wie aus einem geöffneten Gully-Deckel unmittelbar in den Himmel schauen, Gedankenfetzen zum All als Ort für Kunst im öffentlichen Raum im Ohr.

Als nahezu klassisch-malerische Rückenfiguren schauten Arturas Bumšteinas und Laura Garbštienė (G-Lab) auf „ihren Himmel“ (Our Sky, 2003), auf ihr Werk, dessen Sterne - an Allerseelen aufgenommene Grablichter - rötlich aufgereiht schimmerten. Die Erde wurde sinnbildlich zum Himmel erhoben, der Kreislauf des Lebens auf poetische Weise „illuminiert“.

Als Kulisse seines Videos Das Modell (2006) konstruierte Florian Gwinner aus Alltagsgegenstände und -materialien ein Modell der Welt, um eine Perspektive von außen zu schaffen. Andererseits führte die Kamerafahrt - der Zuschauerblick - von der Modelllandschaft geradewegs in die Wohnung des Künstlers, wo sich die reale „Welt der Dinge“ befand.

Während der Zutritt zur Ausstellung nur über Anna Giersters Weltraumkontrollstation (2008) möglich war, kommentierte ihre detailliert ausgestattete Hobbyfunkerecke mit Parabolspiegel (Weltraumabhöranlage, 2008) über das verwendete Material – Pappkarton – Wahn und Witz des steigenden Überwachungs- und Sicherheitsbedürfnisses der Erdenbürger.

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