Kunstfehler - Fehlerkunst

16. Juni bis 9. August 2009

Matthias Böhler & Christian Orendt (DE) | Daniel Buren (FR) | Chris Johanson (US) | Dani Karavan (IL) | Mischa Kuball (DE) | Peter Land (DK) | Lutz&Guggisberg (CH) | David Mannstein (DE) | Tracey Moffatt (AU) | Eva-Maria Raschpichler (DE) | Peter Santino (US) | Gregor Schneider (DE) | Roman Signer (CH) | Måns Wrange (SE)

Eine Koproduktion mit der HALLE 14 Leipzig, co-kuratiert von Silke Bitzer (Freiburg i.Br.), gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, das Thüringer Kultusministerium und die Stadt Weimar, mit freundlicher Unterstützung des Förderkreises der ACC Galerie Weimar.

Kunstfehler - Fehlerkunst

Kunstfehler_Chris Johanson

Künstler, die das Scheitern eines ihrer Projekte thematisierten (Kunstfehler), waren ebenso an der Ausstellung beteiligt wie Künstler, die sich mit dem Scheitern per se auseinandersetzten (Fehlerkunst). Gregor Schneiders Projekt Cube (2005), ein schwarzer Kubus mit den Maßen der Kaaba in Mekka, geriet in den Sog politischer Debatten. Auf der Biennale von Venedig wurde er 2005 mit der Begründung abgewiesen, die Gefahr terroristischer Anschläge auf dem Markusplatz sei zu groß. Erst 2007 in Hamburg durfte aus einer viel diskutierten Idee ein konkretes Kunstwerk werden. Der Film Gregor Schneiders Cube Hamburg (3sat, 2007) von Peter Schiering verwob Künstlerporträt, den Installationsprozess und die Projekt-Ablehnungen miteinander. Eingeladen zum Projekt «AusFlugHafenSicht» des Thalia Theaters Halle für den Flughafen Leipzig / Halle, entwickelten Jan Caspers, Anne König, Vera Tollmann und Jan Wenzel mit Was Du wissen solltest (Die Zukunft) (2008) ein 27 Meter langes Wandbild aus mehreren Erzählsträngen und eine 24-seitige Zeitung, um der Komplexität einiger Geschichten, die der Flughafen schreibt, mitsamt ihres Konfliktpotenzials gerecht zu werden. US-Truppentransporte mit bis zu 300.000 Soldaten jährlich (genaue Zahlen gab es nicht), die übers Drehkreuz Leipzig / Halle abgefertigt würden, deren Flüge – Outsourcing sei Dank – man offiziell nicht mit Militärtransporten, sondern mit zivilen Gesellschaften abwickelte, kamen zur Sprache. Es war die «FlugHafenAnSicht» des Betreibers, Wandbild und Verteilung der Zeitung in seinem Einflussbereich zu verbieten. Das Modell einer Fischmehlfabrik im Maßstab 1 : 58, Der gute Wille, Teil II (2009), von Matthias Böhler & Christian Orendt, illustrierte die Herstellung und Distribution von Trockenfisch, einer Zutat bei der Tierfuttererzeugung. Trawler fuhren hinaus auf hohe See, fingen Fische, die man in einer Hafenfabrik zu Fischmehl verarbeitete, das ununterbrochen in Muldenkipper verladen und abtransportiert wurde, eine zunächst sinnvoll scheinende Lieferkette. Zielort der LKW-Flotte war jedoch ein hohes Felsplateau, von wo aus die Fracht in die Tiefe – den Schlund einer ungeheuer anmutenden großen schwarzen Katze – gekippt wurde. Eine Win-Win-Situation? Waren die Transportknechte Mildtäter, Tierhalter, Ausgebeutete, war die Endverbraucherin nur ein bettelndes Haustier oder eine dämonische Herrscherin? Chris Johansons Post-Punk-Ästhetik nach dem Do-It-Yourself-Prinzip erzeugte in seiner installativen Malerei Not a waste of … (2005 – 07) eine urbane Rustikalität, die formal von handwerklichem Dilettantismus gezeichnet schien –  weder einheitlich konstruierte Perspektive noch natürliche Proportionen und Haltungen der simplifizierten Bildfiguren waren wichtig. Dennoch kommentierten Johansons skulpturelle Environments – ironisiert, als basisdemokratische Geste abseits von egomanen Künstlerpositionen – immer auch soziale, staatliche und autoritäre Strukturen. Das unerwartete Potenzial massen- produzierter Konsumartikel offenbarte Bertram Haudes unbetiteltes Objekt (2007). Optionale Vorgaben eines schlichten Normregals «im schwedischen Stil» nahm er beim Wort und schöpfte jede Möglichkeit für das Einlegen weiterer Regalbretter aus. Seinen planmäßigen Zweck verfehlend (oder über die Maßen erfüllend), erschien das Mobiliar nunmehr als Skulptur, die jeglichen Gebrauch verweigerte und dessen aufgelöste Funktionalität eine veränderte ästhetische Dimension zur Folge hatte. Måns Wranges Druck Second Best (From The Encyclopedia of Failure) (1991) zeigte 16 fotografisch dokumentierte Zieleinläufe (von 1906 bis 1966) aus der Leicht-athletik. Wrange legte einen roten Ring um die Zweitplatzierten als tragische Helden, neben denen die Sieger verblassen. Die Differenzen zwischen Erst- und Zweitplatzierten bei allen 16  Läufen addierend, folgerte er, die «Verlierer» seien insgesamt 13 Sekunden von der Unsterblich- keit entfernt. In zwischending und fall (2004) von Eva-Maria Raschpichler filmte eine Kamera ein Mädchen, das auf einem Hügel stand. Durch fortlaufenden Zoom schien es sich langsam zu entfer- nen, um schließlich mit wenigen Schritten ganz hinterm Hügel zu verschwinden. Ein zweiter digitaler Aufnahmevorgang, der das Video während des Spulens abfilmte, produzierte einen technischen Bildfehler, eine mediale Überlagerung verursachend, die den Anschein erweckte, als wüchsen dem Mädchen (Engels-)Flügel, was Teil des Videos wurde. Im Film Old Shatterhand (2007) legte sich Roman Signer in einem leeren Raum einen Massagegurt um die Hüften, schaltete eine Schüttelmaschine an, die seinen ganzen Körper in Bewegung versetzte, zielte und schoss mit einem altmodischen Revolver erfolglos auf eine Blechbüchse, natürlich ohne zu treffen. sprach-platz-sprache / Modell eines abgelehnten Projektes (1999 – 2009) stellte Mischa Kuballs Ausstellungsidee zu Licht auf Weimar – die ephemeren Medien (1999, Kurator: Ulrich Krempel) vor. Vom Turm des 1937 von den Nazis begonnen Gauforums sollte ein Scheinwerferkegel über den inzwischen zum Parkplatz modifizierten Aufmarschplatz des Ensembles wandern und so die Komplexität von unseliger Geschichte und ihrer baulichen Nachwirkungen sichtbar machen. Sein plötzliches Innehalten hätte eine Klangstruktur ausgelöst, die sich in nicht dekodierbarer Sprache akustisch auf dem Platz verortet. Ausgebremst wurde die Realisierung des Projekts vom Gebäudenutzer, dem Thüringischen Landesverwaltungsamt, mit der Begründung seiner möglichen Vergleichbarkeit mit den Suchscheinwerfern des nahen ehemaligen KZ Buchenwald oder Albert Speers pompösen Lichtdomen. Ein als Bodenbemalung abstrahierter Ensemble-Grundriss und dessen Ausstellungsumgebung wurden von einer Lichtchoreografie «bespielt», die an jene Klangstruktur Der Himmel über dem Gauforum Weimar 1999 (Kooperation mit Harald Grosskopf) gekoppelt war.