Der Wirth Rapport

16.01. - 14.03.2010

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Der Wirth Rapport

a186.01.30

Ende Oktober 1987 schlichen zwei dunkle Gestalten, sich mit Kapuzen vor der bereits spürbaren, eindringenden winterlichen Kälte und ihrer Enttarnung durch andere Passanten schützend, durchs von Braunkohlegeruch und Herbstlaub gezeichnete Weimar zwischen Ackerwand und "Langem Jakob". Jenem Ungetüm, dem "Langen Jakob", einem Studentenwohnheim, in dem man sich zum Zusammenleben auf engstem Raum genötigt sah, war eine der Gestalten gerade entkommen. Und war weiter auf der Suche nach einem Freiraum, einer Nische, in die man sich unerkannt verkrümeln konnte, um ein stückweit den staatlich anerkannten akademischen, politischen und ideologischen Brennpunkten zu entschleichen. Die andere Gestalt wurde mit ihren Stadtkenntnissen und ihrem "guten Riecher" zur Kollaborateurin einer Hausbesetzung, die bis heute nachwirkt. Die Tür eines alten, grauen, verfallenen und dem Anschein nach auch verlassenen Gebäudes im "Suburbium" der Stadt, wie ihr Vater zu sagen pflegte, fand sich nur angelehnt. Im schmalen Eingangsflur Geruch von Brikett und Moder, kein brauchbarer Raum. Im ersten Stock - der Beletage - ebenfalls eine offene, doppelflügelige Tür, das Ambiente, wenn davon bei all dem morbiden Verfall überhaupt die Rede sein konnte, schon etwas repräsentativer, eine mit improvisiertem Fachwerk abgestützte, barocke Stuckdecke, profilierte Zierkonsolen aus Holz an der Fensterfront, eine Kassettenverkleidung an der Decke des Korridors, aber kein Strom oder Licht, zwei lange nicht mehr benutzte Berliner Öfen, teils eingeschlagene Fensterscheiben und ein Gartenschlauch an der Hoffassade, mit dem sich offenbar jemand sein Leitungswasser aus der Kelleretage nach oben leitete. Beide beschlossen, diese Etage zum möglicherweise sogar längeren Verbleib auszuwählen, wenn sich irgendwo Kohlebriketts auftrieben ließen - am nebenan gelegenen alten Kaffeehaus "Resi" hatten sie einen Haufen gesehen -, und wenn die Öfen noch nicht ihren Geist aufgegeben hatten. Dieser Beschluss, zu bleiben, war die Geburtsstunde des Kunstvereines ACC. Möglicherweise ahnten die beiden ja auch etwas von der historischen Tiefe ihres Unternehmens, man spürte im Hause eine gewisse Aura, oder hatten sie es vielleicht doch von wissenden Einheimischen zugetragen bekommen? Sie begannen gerade, das Gebäude mit Goethes erster Weimarer Wohnung instandzubesetzen, von der aus er 1776 und 1777, in jungen Jahren also, seinem Job am Weimarer Hofe nachging, in der er seinen "Egmont" schrieb, die sein domestischer Kulminationspunkt wurde, als er sich auf Schnupperkurs mit Weimar, Herzog Carl August, dem Prinzenerzieher Wieland, den "Ackerbürgern" befand.

Die gebürtige Weimarerin Runhild Wirth war eine dieser beiden Gestalten und kehrt nun, nach mehr als 22 Jahren, in der Mitte ihres künstlerischen Werdeganges, mit den Eindrücken aus ihrem später weniger sesshaften, eher schon umtriebigen, manchmal lauten, immer aber intensiven Leben, an einen der Orte zurück, an denen ihre Künstlerbiografie begann, mit ihrem Wirth-Rapport. Runhild Wirth ist Konzeptmalerin. Und sie hat schon immer gezeichnet. "Ich kenne das gar nicht anders ", erinnert sie sich. Seit sie neun ist, geht sie so den Dingen auf den Grund. Sie erkundet deren Gestalt und versucht, sie festzuhalten. Zeichnen - das ist der unmittelbare und geradezu körperliche Ausdruck eines Abstraktionsprozesses, einer Analyse des Atmosphärischen. Auch das Malen bleibt immer Untersuchung einer inneren Struktur, die sich in der Farbe ausdrückt. Denn es ist nicht das fertige Bild oder das große Werk, mit dem Runhild Wirth sich beschäftigt - es ist die meditative Bildbetrachtung, die Langzeitbeobachtung, die stets aufs neue befragte, wiederkehrende, doch immerfort sich ändernde Szenerie, die statistische Erhebung und Ermittlung des Bildnerischen, der Landschaft, der Architektur.

In der ersten großen Einzelausstellung der Künstlerin mit mehr als 300 Werken werden Gemälde, Zeichnungen und Installationen vorgestellt, die zwischen 1994 und 2009 in Dresden, London, New York, Berlin und Weimar entstanden und den künstlerischen Werdegang Runhild Wirths zwischen Fluss, Zeit und Augenblick nachvollziehbar machen. Vor zehn Jahren - anlässlich der Zwiebelmarktausstellung Die Invasion der siebenhäutigen Königin 1999 - hat Runhild Wirth zuletzt im ACC ausgestellt. "Seaman & Mermaid" hieß damals ihre Reihe mit acht Farbfotos, die Kombinationen aus einer ordinären Küchenzwiebel und weiblichen bzw. männlichen Geschlechtsteilen zeigten. Anlässlich ihrer aktuellen Ausstellung entstehen zahlreiche neue Werke, die auch neue Perspektiven auf das Schaffen der Künstlerin ermöglichen, die die Ausstellungsräume des ACC ebenso als experimentelle Plattform und "Spielwiese" vieler älterer, bislang ungezeigter Arbeiten nutzt: 20 Räume - 20 Orte.

Runhild Wirth, geb. 1968 in Weimar, seit 1998 freischaffende Künstlerin in Berlin, studierte 1988/89 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Grundlagenstudium und Modedesign), von 1990 - 94 Malerei und freie Grafik bei Prof. Gerhard Kettner und Prof. Ralf Kerbach an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, 1994/95 Critical Fine Art Practice am Central Saint Martins College London und 1995 - 97 im Master-of-Arts-Studiengang am Royal College of Art and Design, London. 1996 - 98 war sie im Rahmen mehrerer Studienaufenthalte am Hunter College in New York zu Gast. Runhild Wirth erhielt 1994 ein Stipendium des DAAD am Central Saint Martins College, London, 1995 das Sächsische Landesstipendium und 1997 den Burston Award des Royal College of Art and Design, London.

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