Über den Dilettantismus | On Dilettantism

2. Juni bis 12. August 2012

Bernard Akoi-Jackson | Hagen Betzwieser | Ian Bourn | Jeanette Chavez | Mark Dion | Anna Gierster | Kel Glaister | Karl Hans Janke | Eleni Kamma | Adam Knight und Simone Bogner | Paul Etienne Lincoln | Rory Macbeth und Laure Prouvost | Per Olaf Schmidt | Peter Haakon Thompson | Thomas Tudoux | Nomeda und Gediminas Urbonas

Über den Dilettantismus | On Dilettantism

On Dilettantism

Eröffnung am 1.6.2012
Ausstellung vom 2.6.2012 bis 12.8.2012

Bernard Akoi-Jackson | Hagen Betzwieser | Ian Bourn | Jeanette Chavez | Mark Dion | Anna Gierster | Kel Glaister | Karl Hans Janke | Eleni Kamma | Adam Knight und Simone Bogner | Paul Etienne Lincoln | Rory Macbeth und Laure Prouvost | Per Olaf Schmidt | Peter Haakon Thompson | Thomas Tudoux | Nomeda und Gediminas Urbonas

Mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes, der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, der Stiftung Federkiel für zeitgenössische Kunst und Kultur, der Stadt Weimar und des Förderkreises der ACC Galerie Weimar.

Pressestimmen:

Die Bedeutung des Begriffs Dilettantismus hat sich über die Jahrhunderte gewandelt. Nachdem der Dilettant zunächst nichts anderes war als eine sich liebhaberisch der Kunst oder Wissenschaft widmende Person, ist die Bedeutung «Kunstliebhaber» oder «Freund des Schönen» allgemeinsprachlich inzwischen veraltet. Der Begriff bezeichnet nun den «sich in einem Fach betätigenden Nichtfachmann» oder schlimmer noch den Unheil anrichtenden «Stümper». «Der Dilettant verhält sich zur Kunst wie der Pfuscher zum Handwerk», erklären Goethe und Schiller 1799 in ihrer Schrift «Über den Dilettantismus» und setzen ihn in Opposition zum Genie. Und doch scheint es, als seien das Laienhafte, das Unstudierte und das Autodidaktische wesentliche Triebkräfte unserer (und früherer) Gesellschaften, ohne die unsere Welt heute anders aussähe. Der Dilettantismus wird – künstlerisch gewendet – zum Freiheitsbegriff, zur lohnenswerten künstlerischen Praxis. Zwischen seinen Bedeutungen und Widersprüchlichkeiten lässt sich’s nutzbringend oszillieren, spielerisch entdecken, kritisch an der Zukunft werkeln.

Wir haben 16 internationale Künstler eingeladen – auch aus einer gewissen Seelenverwandtschaft heraus – die genau das tun; die sich eher intuitiv als vorsätzlich auf holprigem Pfade zwischen Trial and Error und Learning by Doing durch die Büsche schlagen und als Übersetzer, Autobauer, Botaniker, Konservatoren, Sportler, Konstrukteure oder Ingenieure das Spezialistentum spielerisch in den Ring bitten.

«Alles, was ich an der Kunst mag, könnte man in der Wissenschaft nicht gebrauchen: Ironie, Metaphorik, Humor. (…) Für die Wissenschaft würden sie eine Entweihung bedeuten. Sie sucht nach Dingen jenseits der sozialen Geschichte, nach absoluten Gesetzmäßigkeiten.» Für Mark Dion ist der Dilettantismus interessanter als das Expertentum. Die Ideen zu seinen detailreichen Installationen, Skulpturen und Fotoarbeiten, in denen er die Phänomenologie der Wissenschaften als (gekonnter) Amateur von innen heraus zu erfassen sucht, entstehen aus seiner Passion für Botanik und Naturkunde, wobei er zeitgleich in verschiedene Rollen ihrer Repräsentanten schlüpft: Als Fachkundiger, Konservator oder Museologe greift er so auf institutionskritische und ortsspezifische künstlerische Praktiken zurück, die sich seit den 1960ern entwickelt haben, während die Form seiner Sammelleidenschaft mit den Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhunderts verwandt ist. Speziell ihre «Fehler», Vagheiten und ihr Fragmentarisches eröffnen individuelle Zugangsmöglichkeiten zu den behandelten Wissenschaftsthemen. Für «The Great Munich Bug Hunt» (1993) arbeitete Dion mit Insektenforschern zusammen, um Gliederfüßer aus einem Baum herauszupräparieren, zu konservieren und in einem Sammlungsschrank zu archivieren. Wie auch in anderen Projekten bringt die Tötung des Forschungsgegenstandes das Ambivalente und Zerstörerische in der naturwissenschaftlichen Praxis ins Spiel: Jeder Käfer und jeder Wurm wurde – um der Erkenntnis willen – aus seinem natürlichen Zusammenhang gerissen und seziert. 

Eleni Kammas künstlerische Praxis dreht sich um Leerstellen und Widersprüche innerhalb kultureller Geschichtsschreibungen. Indem sie selbst auf Klassifizierungen, Taxonomien und bestimmte Darstellungsmuster zurückgreift, beleuchtet sie die Rolle von Klischees und Stereotypen bei der Ausbildung von Sinn und historischem Bewusstsein. Neuere Arbeiten fokussieren auf die Koexistenz von Wort und Bild und erzeugen neue Bedeutungen, indem sie diese scheinbar kollabieren lassen. Mit «En Parergo I (a bywork for Weimar)» präsentiert Kamma einen visuellen Kosmos, der mit der Geschichte des Papierfaltens verbunden ist und lädt die Besucher ein, sich selbst in dieser Kunst zu versuchen. Deren Ursprünge sind vielfach mit Spekulationen verbunden, wobei Fragen der Autorschaft über nationale Grenzen hinaus berührt werden. Der 1989 in Bayern gegründete Verein «Origami Deutschland» verfolgt eine Bildungstradition, die bis in die Zeit des Schuldpädagogen Friedrich Fröbel (17821852) reicht. Dieser führte Origami als Teil eines ganzheitlichen Lernens ein und wurde u.a. zur -Inspirationsquelle für die Bauhausbewegung. Zwischen ephemerer Installation, Informations- und Ausbildungsstätte greift Kammas Projekt das Thema «Dilettantismus versus Professionalität» auf. Die Tätigkeit des Faltens sei gleichermaßen ein räumlicher wie skulpturaler Akt, so wird sich die Installation aus dem Umgang der Besucher mit dem angebotenen Material heraus entwickeln und kontinuierlich ihre Form verändern.

Der «Panhard Special» – Prototyp eines insektentähnlichen Automobilswar der erste von Paul Etienne Lincoln konstruierte komplexe Mechanismus, an dem er im Sommer 1976 während der Ölkrise zu bauen begann. Ziel war es, ein Fahrzeug mit dem denkbar saubersten Verbrennungsmotor zu entwickeln und das Thema Atmung sowie die Beziehung von Mensch und Maschine zu erforschen. Der luftgekühlte «Panhard&LevassorTigreMotor» (1959) wird mit Lachgas, Flüssigpropangas und Leinsamenöl betrieben. Durch einen speziell angefertigten Anzug ist der Fahrer mit der Maschine verbunden, wird durch sie gewärmt und erfährt körperlich jede Veränderung in der Fahrweise des Autos. Alle Elemente wurden manuell entworfen und hergestellt, ohne spezielles Ingenieurswissen oder den Rückgriff auf marktübliche Teile. Lincolns zahlreiche raumgreifende Installationen und Projekte basieren vorwiegend auf umfangreichen Recherchen zu Wissenschaft und Technologie, wobei er chemische, mechanische und elektrische Prozesse kombiniert, um Ideen aus der Literatur, Geschichte und Musik anzusprechen. In der Ausstellung werden großformatige Drucke mit den Konstruktionsdetails und Hintergrundinformationen zum «Panhard Special» präsentiert. Der Film «The Velocity of Thought» blendet weitere Apparate des Künstlers ein und zeigt den Wagen auf einer symbolischen Testfahrt über die spiralförmige Versuchsstrecke der Lingotto-Fabrik bei Turinein Meisterwerk futuristischer Architektur, das Ende der 1920er von Giacomo Mattè Trucco zum Testen automobiler Neuentwicklungen entworfen wurde.

Per Olaf Schmidts künstlerischer Dilettantismus greift spontane Impulse eines Moments meist unmittelbar für die Umsetzung seiner -Arbeit auf. Kontrollierte Improvisation und Zufall, unkaschierte Sollbruchstellen der Bricolage-Ästhetik, synästhetische Schlussfolgerungen und Widersprüche formen vorzugsweise sein Material. Gebrauchsgegenstände reißt er aus ihrem funktionalen Kontext, zerlegt sie in ihre Einzelteile und setzt sie in spielerischer Heimarbeit neu zusammen. Das Ergebnis sind vielgestaltige, intermediale Maschinen, die den «Monolith unserer gesellschaftlich genormten Sinneswelt» mit ganz eigenen Setzungen konfrontieren. Alltagsleben und Technologie werden in poetisch-humorvolle Installationen verwandelt: in einem Low-Tech-Remix geht Licht in Ton, Ton in Bewegung und Bewegung in Licht über. In Weimar stellt Schmidt sein Projekt «TierprothesenDackel mit Libellenflügeln» vor. An die Errungenschaften genetischer Züchtungsmethoden anknüpfend, möchte auch er die Vorteile und Stärken einer Spezies nutzen, um die körperlichen Beschränkungen einer anderen zu überwinden. Da die Erkenntnisse in der Mikrobiologie und Genmanipulation seine «geistigen Kapazitäten überfordern», greift Schmidt auf Mittel zurück, die er beherrscht: Beobachtung, Bildaufnahmen, reflektive Semiotik, d.i.y. und Basteln. Auf diese Weise kann er dennoch am großen «Projekt Zivilisation» teilhaben und seinen -Beitrag zum kulturellen Fortschritt leisten.

Mit der Überbewertung von Arbeit, Fortschritt, Vollautomatisierung und Nützlichkeit werden wir heute von Hyperaktivität beherrscht. Thomas Tudouxs doppeldeutige Arbeiten verkörpern diesen Wahnsinn, ohne ihn direkt abzulehnen oder anzuerkennen. Eher spielt er mit dem Motiv der Überlastung und Übersteuerung und verkehrt das Dilettantische gewissermaßen in sein Gegenteil. Schwankend zwischen Faszination und Kritik angesichts der alltäglichen Ekstasen führt Tudoux unser Wertesystem in Form von Zeichnungen, Videos oder Multimedia-Installationen ad absurdum. Literarische Leitfigur ist der «Workaholic» Robinson -Crusoe, der es selbst auf einer paradiesischen Insel nicht schafft, seine anerzogene Arbeitsmoral und Disziplin über Bord zu werfen. Für Tudoux gerät Dilettantismus zum Widerstandsakt, da er das Effizienz-, Profitabilitäts- und Nützlichkeitsdenken grundlegend in Frage stellt, von dem unser Alltag durchdrungen ist. In diesem Sinne entwirft «DE EFFICATITAIS VICTORIA» («Der Triumph der Effizienz») eine Welt, in der das Dilettantische absolut verboten wäre. Weit entfernt von der humanistischen Kultur, die das Motiv der Zeichnungnur scheinbar eine alte Druckgrafikinspiriert, leitet sich die Allegorie vielmehr aus der Werbung für einen bekannten Energy Drink ab, der Leistungsstärke als oberstes Gebot anpreist. In der triumphalen Prozession begleiten sechs Archetypen des zeitgenössischen Menschen die geflügelten Bullen «Tag» und «Nacht». Sie ziehen den Wagen der Zeit, getragen von den Flügeln der Effizienz und karikiert nach gegenwärtigen ästhetischen Maßstäben.

Bernard Akoi-Jackson (GH) thematisiert die hybriden postkolonialen Identitäten Afrikas durch provisorische Denkmäler und Rituale des Alltäglichen. Verspieltheit und kritische Absurdität kennzeichnen seine genreübergreifenden Arbeiten, mit denen er der Komplexität seiner kulturellen Gegenwart gegenüber tritt. Dabei ist er sehr am Austausch mit dem Publikum interessiert und lädt es ein, die Rolle eines Kritikers, Kurators oder Kunstwissenschaftlers einzunehmen. So wird das Werk zu einem Produkt von Künstler und Betrachter, Amateur und Experte. Auch der tautologische «Unsinn» «REDTAPEONBOTTLENECK» ist zwischen Partizipation, Performance und Installation angelegt. Inszeniert wird eine pseudo-formale, quasi-offizielle Situation, in der Dokumente sortiert und arrangiert werden sollen. «Red tape» ist im Englischen ein bildlicher Ausdruck für (überflüssige) Bürokratie, der wohl auf das 16. Jh. zurückgeht, als große Stapel Amtsdokumente mit rotem Band gebündelt wurden. »Bottleneck» (Flaschenhals) bezeichnet einen Engpass, also z.B. eine Stelle, an der ein Verfahren häufig ins Stocken gerät. Ursprünglich begann das Projekt 2006 als Kommentar auf das koloniale Erbe der Bürokratie in der öffentlichen Verwaltung Ghanas. Die stark ritualisierten Abläufe (nach Anweisungen Akoi-Jacksons) riefen bisher unterschiedlichste Reaktionen der Teilnehmer hervor: Irritation oder Langeweile bis hin zu Sorgfalt und Vergnügen. Auch im ACC ist jeder eingeladen, Position und Status eines «Experten» in Bürofragen einzunehmen und innovativ in rotem Overall mit der Aufgabenstellung umzugehen.

Das von Hagen Betzwieser (DE) ins Leben gerufene «Institut für Allgemeine Theorie» (IAT) soll als Labor für omnidisziplinäre Gedanken-Experimente zur Bildung einer «allgemeinen Theorie» beitragen, die möglichst nichts in der Grauzone zwischen Wissenschaft, Fiktion, Kunst und Handwerk außer Acht lässt. In freier Feldforschung werden mittels Beobachtung, unbewusster Präzision, gefährlichem Halbwissen und willkürlicher Behauptungen Daten erzeugt, wobei nichts unmöglich sei, was nicht unvorstellbar ist, so Prof. Hubert J. Farnsworth, bekannt aus der US-Zeichentrickserie «Futurama» und ein Mentor Betzwiesers. Mit «Ein Eimer voller Teilchen» fragt er nun, was geschähe, könnte man Atome beliebig schöpfen und daraus (neue) Strukturen konstruieren. Das Prinzip des LEGO-Bausatzes ist dabei für den Laien leicht verständlich, im Gegensatz zum Code molekularer Verbindungen, der bei den meisten wohl eher dunkel durch die Erinnerungen an die Schulzeit geistert. Doch wer kennt sie nicht, die bunten Kugel-Steckverbindungen aus dem Chemieunterricht, mit denen die Welt der kleinsten Teilchen gern vermittelt wird, mögen deren Formeln und Gesetze auch schnell verblassen. Beim Picknick im Garten mit einer Schachtel voll «bunter Atome» entstanden unter rein ästhetischen Gesichtspunkten wild konstruierte Molekülmodelle, deren Code von der Chemikerin Nadine Pisarski auf ihre Existenz, Noch-Nicht-Existenz oder Verwandtschaft zu real existierenden Molekülen fachmännisch geprüft wurde.

Seit den späten 1970ern arbeitet Ian Bourn (GB) v.a. im Film- und Videobereich und produzierte zahlreiche experimentelle Geschichten. «Peninsula» (Halbinsel) nennt er eine Serie performativer Video- und Malerei-Installationen, zu der auch «Skirting» (Fußleiste) gehört. Ihr Ausgangspunkt ist der Ausschnitt einer ausgefransten Tapete über einer Fußleiste in seiner Wohnung, wo Bourn eine felsige Küste mit Leuchtturm entstehen sieht, auf die er – wie von einem Boot im Meer aus – blickt. Indem er die Konturen dieses «neuen und unerforschten Gebiets» immer wieder präzise nachzeichnete und malte, kartografierte er seine eigene Vorstellungswelt, wobei diese Form der «visuellen Erfindung» an Leonardo da Vincis «Traktat über die Malerei» anknüpft. Auch für Leonardo konnte ein Fleck an der Wand zu ihrem Katalysator werden, insofern die Imaginationskraft zuvor durch exakte Beobachtung geschärft würde und eine (naturwissenschaftliche) Kenntnis aller Kompomenten eines Bild-Gegenstandes (über das Dargestellte hinaus) zu Grunde läge – im Ergebnis sollten die Ideen der Malerei die Wirklichkeit noch übertrumpfen. Als nächstes möchte Bourn reale Orte dokumentieren, die dem Terrain von «Skirting» ähneln und eine Reiseerzählung in Zeitraffer-Aufnahmen der Meeres- und Landschaftsformationen entwerfen. Bourns topografische Untersuchung ist nicht zuletzt als Kritik an Googles «World View»-Programm zu verstehen und ein Versuch, das Mysteriöse und Metaphysische der Dinge zu rehabilitieren und die Welt mit einer brennglasähnlichen Detailauffassung wieder zu subjektivieren.

Auch Kel Glaister (AU) sieht sich selbst gern als Dilettantin: «Das erlaubt es mir, jeglichen Horizont anzupeilen, ohne Bedenken, ein bestimmtes Set an Werkzeugen und Fähigkeiten, für deren Erlangung man Jahre benötigt, komplett beherrschen zu müssen, ich kann einfach mittendrin loslegen. Die Trial-and-Error-Methode ist für mich eine ganz alltägliche Art des Wissenserwerbs.» Die künstlerischen Realisierungsmöglichkeiten einer Idee entwickelt sie daher meist im Entstehungsprozess ihrer Arbeiten, in denen oft ein Blick für das Paradoxe zum Tragen kommt, der um die Logik des Witzes und der Allegorie kreist. Davon zeugt auch der kleine Skulpturenpark mit dem vielsagenden Titel «Aesthetic error». Die widersprüchlichen und haptisch reizvollen Objekte streben eine Art Zwischenraum an, in dem präzise auf das Nicht-vorhanden-sein dessen verwiesen wird, was dargestellt ist. Mit «A test of my omnipotence» (Eine Prüfung meiner Allmacht) präsentierte Glaister zur Ausstellungseröffnung eine «Performance-zum-Scheitern», die auf dem Allmachtsparadoxon basiert: Wäre ein allmächtiges Wesen in der Lage, etwas zu tun, was seine eigene Allmacht einschränkt, wodurch es wiederum seine Allmacht verlieren würde? Um ihre eigene Omnipotenz zu testen, erschuf die Künstlerin ein Objekt aus Ton, dessen Masse und Gewicht stetig zunahm, während es zugleich auf sie einwirkte und sie immer mehr erschöpfte – beide arbeiteten gegeneinander, um einen Kompromiss der Kräfte zu finden.

 

Seit über drei Jahren übersetzt Rory Macbeth (GB) Kafkas «Die Verwandlung» vom Deutschen ins Englische – allerdings intuitiv, ohne der deutschen Sprache mächtig zu sein und ohne Wörterbuch. Ist ein Satz einmal gesetzt, so die Regel, darf er nicht mehr angerührt werden. Macbeths Version hat daher wenig mit der ursprünglichen Erzählung gemein, in der Gregor Samsa eines Morgens als riesige Kakerlake erwacht, als solche aus seinem normalen Leben gerissen und von seiner Familie geächtet wird. Stattdessen entspinnt sich die tragikomische Geschichte von Gregor, einem Mann auf einer Reise (literarisch wie psychologisch) durch einen Krieg, in dem Betty (eine neue, aus der «fehlerhaften» Übersetzung geborene Figur) als seine gefallene Heldin erscheint. Doch so wie eine konventionelle Übersetzung niemals vollkommen dem Original entsprechen kann, kann es auch keine absolute Bedeutungsuntreue geben. Das Ergebnis ist jedenfalls mehr als kafkaesk (wie auch eine Lesung mit simultaner Rückübersetzung ins Deutsche während der Museumsnacht bewies). «The Wanderer by Franz Kafka» liegt bisher zu zwei Dritteln vor, wobei Macbeth alle Ausgaben je nach Übersetzungsstand selbst anfertigt. Auf dieser Grundlage entstand zudem – gemeinsam mit der französischen Videokünstlerin Laure Prouvost – das Script zu «The Wanderer», dessen Protagonisten eine Reihe von zunehmend bizarren und mysteriösen Erfahrungen durchmachen. Die Videoarbeit «The Wanderer (Betty Drunk)» ist der zweite Akt dieser noch unabgeschlossenen, sechsteiligen Serie, die letztlich einen ganzen Film ergeben soll.

Die Projekte von Peter Haakon Thompson (US) beginnen nicht selten mit einer Frage aus seinem Leben: Warum kann er nichts auf Somalisch sagen, obwohl Minneapolis doch eine ansehnliche somalische Gemeinde hat? Wie würde ein Haus zum Eisfischen auf einem gefrorenen See funktionieren, wenn sein primärer Zweck ein künstlerischer wäre? Er baut dabei auf den Optimismus und die Neugier eines Anfängers, wobei ihn v.a. solches Wissen fasziniert, das nicht als ausgesprochenes Fachgebiet einer Person gilt. «Ein großer Teil meiner Arbeit basiert darauf, Tools und Geräte herzustellen, die es mir ermöglichen, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die ich normalerweise nicht treffen würde», so Thompson. «Ping Pong Diplomacy» ist von den gleichnamigen Ereignissen im Zuge der Tischtennis-Weltmeisterschaft im Jahre 1971 inspiriert. Die Profiathleten aus den USA und China agierten damals als Amateurdiplomaten und halfen durch ihre Freundschaften, die Spannungen zwischen beiden Ländern abzubauen. Nachdem der Generalsekretär des chinesischen Tischtennis die amerikanischen Spieler nach Peking eingeladen hatte, folgten weitere Treffen von hochrangigen Politikern. In Weimar geht es Thompson nun darum, neue Beziehungen mit und zwischen Kunst- und Tischtennisenthusiasten herzustellen und zwischen Hobby und Profession zu vermitteln. Über die Zeit der Ausstellung steht in der Galerie eine Tischtennisplatte für Spiele, Workshops oder die Nutzung durch lokale Clubs zur Verfügung.

 

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