ALLE ACHTUNG!

ALLE ACHTUNG! Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit

Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit

Nicht Ideen oder gar Talent, sondern erweckte, geschenkte und empfangene Aufmerksamkeit und Anerkennung sind das knappste Gut und begehrteste Einkommen, das ökonomische Kapital und die soziale, harte Währung in dem von rein ökonomischen Erwägungen, von Effektivität, Rentabilität und Profitabilität durchsetzten Denken unserer Gesellschaft.


Die Aufmerksamkeitsökonomie konkurriert mit jener des Geldes, beide bedingen sich gegenseitig, überschneiden und stoßen sich gleichzeitig ab. In Massenmedien, Werbung (Aufmerksamkeitsindustrie) und Popkultur wird Aufmerksamkeit als Kapitalfaktor gemessen. In kürzestmöglicher Zeit auf größtmöglichem Raum eine maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen, scheint in der von Informations- und Kommunikationstechnologien durchdrungenen postindustriellen Informationsgesellschaft wichtiger denn je.


Eine Konzentration der Wahrnehmung auf und Besitzergreifung des Geistes (die Geistesgegenwart) durch selektierte Stimuli aus unserer Umwelt wird bei dem inflationär-überbordenden visuellen Wahrnehmungsangebot unserer Tage zu einer stetig wachsenden Herausforderung. In der Informationsökonomie sind offensichtlich nicht die Informationen, in denen wir ertrinken, die kostbarste Quelle, sondern die Aufmerksamkeit, die der Information einen Sinn gibt. Money may make the world go ‘round, aber es ist die Aufmerksamkeit, die wir zunehmend verkaufen, horten, um die wir ringen, wetteifern, konkurrieren, viel Aufhebens machen.
Solange wir in ihren Genuss kommen, scheint uns die Auseinandersetzung mit ihr nichtig. Bekommen wir hingegen nicht genügend Aufmerksamkeit, lassen sich in der Medizin unterschiedliche Krankheitsbilder finden, angefangen bei verschiedenen Formen von Deprivation, Hospitalismus oder seiner schlimmsten Form, dem Kaspar-Hauser-Syndrom. Menschliches Handeln scheint sich vor dem Hintergrund eines Wettbewerbs um Aufmerksamkeit abzuspielen, bleibt dieser aus, verkümmern wir, wird das Leben zur Tortur. Dies geht von der philosophischen Überlegung aus, dass der Mensch eine Rolle im fremden Bewusstsein spielen möchte.


Aufmerksamkeit steigert die Selbstwertschätzung des Menschen. Sozialen Interaktionen, z.B. im Kontext sozialer Netzwerkdienstleister, hingegen zu viel Aufmerksamkeit zu widmen, kann wiederum zu einer krankhaften Überbelastung durch soziale Interaktionen führen – wenn Personen von der Abarbeitung ihrer sozialen Beziehungen überwältigt sind. Facebook-Likes und Selbstinszenierungen in Blogs, Podcasts, Instagram- und Twitter-Pages, nicht mehr nur Besucherzahlen, Auflagenhöhen und Einschaltquoten sind abrechenbare Indikatoren der Aufmerksamkeit.
Wir lesen nicht mehr – wir überfliegen. Zappen. Klicken uns durch. Machen schnell einen Smartphone-Schnappschuss. Die Neuheit von Nachrichten, die früher einen Tag „anhielten”, dauern nun nur noch ein paar Stunden an, weil wir schon wieder den neuesten Nachrichten Aufmerksamkeit schenken müssen. Georg Franck konstatiert in „Ökonomie der Aufmerksamkeit“: „Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“


Soziale Medien und soziale Kontrolle gehen Hand in Hand. Lediglich 25 Jahre nachdem die DDR implodierte und der Stasi das Handwerk gelegt wurde, lassen wir uns nicht nur – natürlich nur zu unserer eigenen Sicherheit und weil wir ja nichts zu verbergen und uns nichts haben zuschulden kommen lassen – protestlos durchleuchten und überwachen, sondern sind jederzeit erreichbar und geben als Voyeure unserer selbst bereitwillig Intimes, Belangloses und nicht so Belangloses über uns im Internet frei, um uns der Welt mitzuteilen, Aufmerksamkeit zu erheischen, entdeckt zu werden.

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