Goethe 1777 in seiner ersten Weimarer Wohnung, der heutigen ACC Galerie Weimar

Just another Goethe house

In Goethes schriftlichem Nachlass im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar befindet sich eine Mietrechnung, die dokumentiert, dass der «Dichterfürst» vom 24. Juni 1776 bis zum 30. März 1777 in jenem Haus, in jenem Stockwerk wohnte, in dem nun die ACC Galerie Kunst beherbergt. Wer durch diese Räume streift, wandelt durch Goethes dritte Weimarer Wohnung. Besagte Mietrechnung stammt von dem knapp siebzigjährigen Hofkassierer Heinrich Carl König, der dem 27-jährigen Goethe die Wohnung für 15 Reichsthaler im Quartal überließ (das macht 45 Reichsthaler für die gesamte Mietzeit). Vermutlich hatte Goethes Freund, Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, an dessen Hof Carl König angestellt war, bei der Wohnungssuche geholfen? Vielleicht ist das auch der Grund, warum der alte Mann dem jungen Goethe die Beletage überlassen hatte und selbst in den zweiten Stock zog. Es ist klar, dass die heutige Beschaffenheit des Gebäudes und seiner Umgebung nur noch in Ansätzen mit Goethes damaligen Wohnbedingungen vergleichbar ist. Dennoch ist die Mietwohnung selbst in der grundsätzlichen Raumstruktur kaum verändert worden. Geändert hat sich lediglich der Eingang: Früher besuchte man Goethe über die Südseite des Gebäudes. Wo jetzt das Residenzcafé ist, ging man durch einen kleinen ummauerten Vorhof mit Torbogen. Jetzt besucht man die ACC Galerie über die Ostseite des Gebäudes. Ein Spielplatz, kein Vorhof, eine kleine Tür, kein Tor mehr. Doch wer heute in der Galerie aus dem Fenster blickt, sieht das herrliche Stadtschloss, das zu Goethes Zeit aufgrund des Schlossbrandes 1774 nur noch eine Ruine war. Auch wenn das Mietverhältnis mit dem 24. Juni begann, zog Goethe erst am 27. Juni ein. Vermutlich mussten noch einige Reparaturen und Einbauten, vor allem die eines Weinkellers getätigt werden, oder er musste noch auf die Lieferung von Möbeln warten, die ihm der Herzog versprochen hatte. Der Einbau eines Verschlags im Kellergewölbe mit darin befindlichen Regalen zur Aufnahme von Weinfässern und -flaschen war besonders durch die Freundschaft zu Christoph Martin Wieland wichtig geworden, dessen Keller zu klein war für die Lagerung großer Mengen an Wein geworden war. Goethe und Wieland waren seit Goethes Ankunft in Weimar Buddies: Sie aßen zusammen zu Mittag, waren beide Gartenbesitzer und große Weinliebhaber. Wieland kannte den Redakteur und Herausgeber (und Rezensenten des Teutschen Merkur, der Literaturzeitschrift, die Wieland herausgab) Johann Heinrich Merck, dessen Schwager in Umstadt eine Kelterei besaß. Bei ihm bestellten beide Nirensteiner, Wein, der aus dem linksrheinischen Weinanbaugebiet bei Nierstein in Rheinhessen im heutigen Rheinland-Pfalz kommt. Goethes ließ es anlässlich seiner Einzugsfeier ordentlich krachen: 100 Flaschen Champagner(!) bestellte er bei dem Weimarer Weinhändler Franz Adam Braun. Er und seine Gäste tranken aber nicht nur auf seine neu bezogene noble Bude in Weimar, sondern auch auf seine Ernennung zum Geheimen Legationsrat (was ihm ein Jahresgehalt von 1200 Talern sicherte). Die ursprüngliche Gedenktafel aus dem 19. Jahrhundert wurde vor der 1000-Jahr-Feier Weimars (1975, die gar keine war) von der arg heruntergekommenen Fassade abgenommen. Am 28. Januar 1991 weihte die ACC Galerie zu Goethes Geburtstag eine neue Gedenktafel mit der alten Inschrift ein: «Hier wohnte Goethe 1776-1777». Neben dem Goethehaus am Frauenplan befindet sich im heutigen ACC die einzige noch erhaltene Wohnung Goethes in Weimar.