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Keep it Rocking, Boys

Wir hatten in der Woche vor der Eröffnung von Kunstbild : Wortkunst am 13. März 2020 (Freitag der Dreizehnte übrigens) nicht allzu viel Kontakt mit der Außenwelt. Wir haben keine Nachrichten gelesen. Wir verbrachten vierzehn Stunden am Tag damit, in der Galerie Kunstwerke zu installieren und dazwischen sporadisch Pausen einzulegen, um nach unten ins Café zu gehen, zu essen, einen Kaffee zu trinken oder draußen zu rauchen und dann gegen Mitternacht schlafen zu gehen und am nächsten Tag wieder von vorne zu beginnen. Es war eine andere Zeitlichkeit, die sich auf jedes kleine Detail der Kunstwerke konzentrierte – werden die Tapeten pünktlich eintreffen, welche Art von Adapter zum Anschließen von aus Mexiko mitgebrachten Leuchten gibt es usw. Wir begannen also erst am Tag der geplanten Eröffnung die Art von Situation zu verstehen, die sich um uns herum und tatsächlich auf der ganzen Welt abspielte. Es war ein düsterer Tag und ungefähr bei Tagesmitte, als wir in letzter Minute etwaige Ungereimtheiten in der Ausstellung ausbügelten (alle malten ängstlich, besserten nach, fegten, passten die Lichter an), wurde uns gesagt, dass es möglicherweise überhaupt keine Eröffnung geben würde. Fast alles andere im Land war abgesagt worden. Wir waren schockiert, da wir die Ausbreitung des Virus nicht verfolgt hatten. Der graue Himmel schien plötzlich deutlich apokalyptisch. So oder so entschlossen wir uns, die Installation der Werke an jenem Abend zu Ende zu bringen und machten uns bis zur Stunde der geplanten Eröffnung wieder an die Arbeit. Am Ende war die Ausstellung trotz der Abwesenheit von Weimars Oberbürgermeister und einer nur äußerst geringen Anzahl von Anwesenden zu besichtigen und zumindest für die, die da waren, nicht geschlossen. Doch unmittelbar danach schloss alles.

Bereits in den letzten Tagen vor der „Ausstellungseröffnung“ hatten wir begonnen, über unsere Zeit in Weimar nostalgisch zu werden. Der Frühling sprießte und auf unserem Weg zur Galerie sagte mir Victor an einem dieser Morgen, er würde Weimar vermissen, und ich meinte, ich hätte das Gefühl, dass wir eines Tages wieder hier sein würden. Er stimmte zu. In gewisser Weise hatten wir Recht – wir sind immer noch hier. Was ursprünglich zehn Tage Weimar sein sollten, wurde zu einem unbefristeten Aufenthalt verlängert. Am Sonntag nach der Eröffnung hatten wir unsere Koffer gepackt und dachten, wir sollten an jenem Abend nach Berlin und später in der Woche nach Marseille fahren, bevor wir Ende des Monats nach Mexiko zurückkehren würden. Als wir an diesem Nachmittag mit Frank Motz und Ulrike Mönnig im Café saßen, erfuhren wir, dass Frankreich und Deutschland ihre Grenzen geschlossen und unsere Pläne vereitelt hatten.

Von da an verbrachten wir, wie im Traum, diese fast zwei Monate in Weimar, und zwar – dank der großen Generosität von Anselm Graubner – im ACC selbst. Die ersten langen Tage der Kunstinstallation waren also nur ein Prolog zu den vielen Tagen, die wir in diesem Haus verbringen sollten. In der ersten Woche lebten wir als eine Art Familie mit unserer lieben Freundin Luise (vom ACC-Café) und ihrer Tochter Mathilde, die aus Quarantänegründen nicht in ihre Wohnung zurückkehren konnten. Unsere Flüge zurück nach Mexiko wurden mehr oder weniger früh abgesagt und wir sind in eine Art andauernden Schwebezustand geraten. Aber abgesehen von der vagen Angst, nicht zu wissen, wann wir zurückkehren dürfen, könnte man sich keinen besseren Ort für eine Quarantäne wünschen. Wir kochen viel, gehen im Park spazieren, ich habe einen 500-seitigen Roman gelesen und Victor beendet ein Projekt, das er im vergangenen Herbst in der Weimarer Atelierprogrammresidenz begonnen hatte, als er sich in die Gestaltung eines 2006 veröffentlichten Weimarer Touristenbuchs einmischte (das zufälligerweise – oder prophetisch – ein Foto von der Wohnung enthält, in der wir jetzt leben). Das Café schloss, Luise und Mathilde gingen nach Hause, und plötzlich befanden wir uns zu einem gewissen Grad allein in diesem Haus, das von der Anwesenheit so vieler anderer Charaktere zeugt, von Goethe selbst bis zum Terroristen Mohammed Atta vom 11. September (wenn man bestimmten Geschichten von Frank Motz Glauben schenken soll).

Eines der ersten Dinge, die wir bei unserer Ankunft in der Dachgeschosswohnung des ACC bemerkten, war ein merkwürdiges Gemälde mit der Aufschrift ACC. Keep it Rocking, Boys 1991. Es hängt an der Wand des Schlafzimmers und zeigt dieses, obwohl es 1991 offensichtlich kein Schlafzimmer war. Das Gemälde stellt Frank Motz und zwei Gefährten dar, die in diesem Raum gemütlich posieren, damals eine Art gemeinschaftliches Wohnzimmer. In Pavel Schnabels Weimar-Dokumentarfilm Brüder und Schwestern konnten wir einige Archivaufnahmen einer ähnlichen Szene im selben Raum sehen. Und in den darauf folgenden Wochen hatten wir sogar einen Besuch eines anderen ehemaligen Bewohners dieses Apartments, der uns einige weitere Anekdoten über die verschiedenen Insassen dieses geschichtsumwobenen Hauses erzählte, zu denen wir uns jetzt zählen. Inspiriert von den haus- oder selbstgemachten Nachbildungen berühmter Kunstwerke, die derzeit in den sozialen Medien kursieren, entschieden wir uns gemeinsam mit dem gegenwärtigen ACC-Atelierprogramm-Residenzkünstlerkollegen (und wie wir möglicherweise auf unbestimmte Zeit in Weimar „internierten“) Mikhail Lylov und mit Hilfe der Fotografin Arina Essipowitsch, dieses historische ACC-Dokument genau an der Stelle nachzustellen, die es wiedergibt. Hier können Sie die Früchte unserer Arbeit sehen, ein Zeugnis für ein weiteres seltsames Kapitel im Leben dieses Hauses.

Ein besonderer Dank geht an Anselm, Frank und Ulrike, die sich in diesen Monaten um uns gekümmert haben, an Mischa und Arina, die bei der Orchestrierung des Fotos mitgeholfen haben, und an Tea und Niila, die als unsere Tierpfleger gedient haben.

Willie Gurner & Victor del Oral, April 2020