Liz Bachhuber: Kinderbetten.

School's Out!

23. November 2019 - 09. Februar 2020

Liz Bachhuber & Gäste: Christian Claus, Carolin Gasse, Samira Gebhardt, Andreas Grahl, Michael Merkel, Linda Schumann, Florian Wehking

Wir ersticken im Müll, ob auf dem Land, in der Luft oder zu Wasser, weil wir den Sinn der Wiederverwertung von Vorhandenem bislang nicht erkannt haben und nur in kurzen Zeiträumen das zu denken vermögen, was uns gerade während unserer Lebenszeit kurzfristigen Vorteil, Profit, Rendite verschafft. Werden wir erst reagieren, wenn uns das Wasser wortwörtlich bis zum Hals steht? Wie Tiere folgen wir stets dem nächstbesten Instinkt. Unser Hirn ist noch nicht in der Lage, effektiv und vorausschauend zu denken, um unsere Zukunft und die unserer Kinder zu sichern. Wir leben in den Tag hinein: Nach uns die Sintflut.

Durch ihre Arbeit mit Abfall, Müll und Schrott (an)erkennt Liz Bachhuber den wesentlichen Wert von Material, selbst von solchem, das weitgehend als unbedeutend gilt. Damit verweist sie auf das ungeheure Potenzial von Transformationsprozessen. Welche Beziehung bauen wir in unserer zunehmend immateriellen, automatisierten und digitalisierten Gesellschaft zu physischen Objekten und vergänglichen Materialien auf?
In der Fortsetzung des klassischen objet trouvé verarbeitet Liz Bachhuber in ihren künstlerischen Skulpturen und Installationen Fundstücke, die den grenzenlosen Konsum der zeitgenössischen Welt und die globalen Implikationen des daraus resultierenden Mülls – ob nun auf dem Land/in der Stadt, zu Wasser/in Flüssen und Ozeanen oder in der Luft/im Kosmos – repräsentieren. Um ihre Forschung voran zu treiben und die Perspektive zu erweitern, arbeitet sie schon lange mit Umweltingenieur*innen, Wissenschaftler*innen und Abfallexpert*innen zusammen und setzt so die interdisziplinäre Tradition des Bauhauses fort.

In der Ausstellung werden auch deswegen 7 jüngere Positionen mit präsentiert, die Teil der interdisziplinären Forschungsgruppe sind, die zusammen mit Liz Bachhuber in der internationalen Wanderausstellung "Reassessing Material" während des Bauhaus-100-Jubiläum unterwegs sind. Ganzheitliche Fragestellungen werden in dieser Ausstellung exemplarisch angegangen, die tief in die Zivil- und Alltagswelt hineinreichen. Hier wird die Zivilgesellschaft nicht durch eine zu kurz verstandene angewandte Kunst bedient, sondern es wird auf die Probleme mit künstlerischen Antworten und Einwänden reagiert. Die Umweltingenieur*innen nutzen das Ausstellungsformat, um über ihre Arbeit zu informieren. Diese Art der interdisziplinären Zusammenarbeit nennt Liz Bachhuber "Das Bauhaus-Projekt", wo "real world issues" sowohl von der technischen als auch von der künstlerischen Seite untersucht werden, um zu einem komplexen und facettenreichen Verständnis der Problematik zu gelangen. Die Kunst besitzt ein breites Spektrum an Wirkungsmöglichkeiten und diese Erfahrung hat Liz Bachhuber auf jeden Fall in ihrer persönlichen künstlerischen Arbeit beeinflusst und inspiriert, in Kreisläufen und in sich selbst aufrecht erhaltenden Systemen zu denken.

Ihre Ausstellung "School’s Out!" steht für das Ende Liz Bachhubers jahrzehntelanger Lehrtätigkeit, für die wieder gewonnene Freiheit, für ein "Comeback" im ACC nach ihrem "Housecall / Hausbesuch" (1996). Installationen, Objekte und Zeichnungen, Fotos und Videos spiegeln zunächst die Materialität der turbulenten Nachwendezeit, des fieberhaften Aufbaus Weimars zur Kulturstadt Europas 1999 und kommentieren seine magische Verwandlung in eine märchenhafte Staffage, ein herausgeputztes Museumskleinod der Klassik, das jedes Jahr Hunderttausende internationaler Touristen mit verführerischem Thüringer Bratwurstduft anlockt.

Fragmente von Liz Bachhubers bislang nie gesehenen künstlerischen Anfängen aus ihrer Studienzeit an der University of Wisconsin-Milwaukee in den 1970ern und Werke aus den 1980ern (jener vom Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf und dem Nationalen Studioprogramm des PS1 in New York), die Liz Bachhuber kürzlich aus einer Lagerhalle in Düsseldorf barg, werden ebenso wie jene aus ihrer Weimarer Zeit für "School’s Out!" verknüpft mit neuen, kontextbezogenen Werken oder verwandeln sich selbst durch ihre Neuinterpretation aus der Perspektive der Gegenwart: poetische, ästhetische oder anderweitig sachdienliche Fragmente einst raumspezifisch konzipierter Installationen werden einer Neubetrachtung unterzogen, reinterpretiert und wie beim Palimpsest in neuen Arbeiten aufgenommen. Aktuelle Arbeiten gewinnen nun durch den Einsatz von Werkfragmenten aus der Vergangenheit zusätzliche Zeit- und Bedeutungsebenen. Erneute Betrachtung eigener, teils Jahrzehnte alter Arbeit mündet im Dialog mit einem jüngeren Ich, zeugt aber auch von Bachhubers permanentem ökologischen Interesse an Kreisläufen und einem nachhaltigen eigenen Wirken als künstlerische Praxis.

Zahlreiche temporäre Installationen im öffentlichen Raum blieben bislang publizistisch undokumentiert — Liz Bachhubers letzter monografischer Katalog erschien 2001. Schon deshalb ist für "School’s Out!" ein visuell anspruchsvoller, aussagekräftiger, berührender 100-Seiten-Katalog als bibliophile Kostbarkeit (20 Seiten Text / 80 Seiten Bild; zweisprachig deutsch/englisch; Format: 30x22 cm; Festeinband; mit Texten von Michael Lüthy, Monika Wagner, David Galloway und Verena Krieger) geplant, in der sich neueste ortsspezifische, kurz vor Ausstellungsbeginn im ACC entstandene Rauminstallationen mit jenen bislang nicht zusammengefassten Werken kombiniert finden.

Mit dieser Ausstellung von Liz Bachhuber und sieben Wegbegleiter*innen, die sich mit den Themen Umwelt, Ökologie, Recycling und dem Wert von Material beschäftigt, möchten wir unser Bewusstsein und das unserer Besucher in Sachen Umwelt- und Naturschutz und Klimawandel sensibilisieren und die Rolle der Kunst in diesen Prozessen reflektieren.