The Broken and The Repaired, Foto: Mikhail Lylov.

Heimat. Homeland.

Die Stipendiat*innen des 26. IAP von ACC und Stadt Weimar: Mikhail Lylov (RU) + Elke Marhöfer (DE) | Rosa Nussbaum (DE/GB) + Kevin Brophy (US) | Paul Wiersbinski(DE) + Behrang Karimi (IR/DE)

Von sobald es wieder möglich ist bis 16.05.2021

Die Stadt Weimar und das ACC waren auch 2020/21 wieder Gastgeber für drei Künstler*innen, die im Rahmen des 26. Internationalen Atelierprogramms mit dem Thema Heimat. Homeland. für jeweils vier Monate im Städtischen Atelierhaus lebten und arbeiteten. Die Ausschreibung richtete sich 2019 auf den so vieldeutigen und mittlerweile wieder intensiv diskutierten Begriff Heimat, der von jenen Stipendiat*innen — Mikhail Lylov, Rosa Nussbaum und Paul Wiersbinski — künstlerisch zu erkunden war. Rosa Nussbaum war aufgrund der Coronapandemie gezwungen, von Philadelphia aus zu arbeiten. Die Ausstellung wird geöffnet, sobald die Regelungen es zulassen. Heimat — ein hierzulande historisch überaus positiv konnotierter Begriff — wird oft vereinnahmt; die dahinterliegenden Aspekte, Konnotationen und Assoziationen gelten in ihrem Zusammenspiel aber als genereller Teil der conditio humana: man denke an die Dynamik der Verhältnisse von Verwurzelung zu Entwurzelung, von lokaler Herkunft zu räumlicher wie ideeller Entfernung vom Herkunftsort, von Bindungs-kräften an Familie, Sprache, Region, (National-)Kultur zu Fliehkräften, die diesen entgegenwirken. Neuere Renationalisierungsbestrebungen haben der Heimatdiskussion neue Nahrung gegeben. Angetrieben von verstärkter Migration und (anderen) Globalisierungsfolgen und damit verbundener Verlust- und «Überfremdungsangst», reklamieren konservative Kreise nicht nur ein grundlegendes Recht auf Heimatverbundenheit, sie erklären lokale Bevölkerungen geradezu zu Opfern, wodurch weitergehende Abwehr des/der Fremden verständlich oder sogar legitim sei. Kritiker dieses Denkens unterstreichen, dass Heimat als heile Welt eine Illusion ist, wenn um diese herum das Unheil herrscht. Andere präferieren, den Begriff Zuhause zu verwenden, was Weiteren widerstrebt, weil so der Heimatbegriff dem Nationalismus überlassen werde.

The Broken and The Repaired | Mikhail Lylov

Mikhail Lylov hat das Thema Heimat mit Fragen der biologischen Vielfalt, der Kulturgeschichte und des «Gärtnerns» identifiziert und sich in seinem Projekt The Broken and The Repaired der Technik des Pfropfens bedient, also des Veredelns von Obst, das nur durch die Regenerationsfähigkeit der Pflanzen ermöglicht wird, in diesem Falle mittels der Verwendung von Zweigen verschiedener Apfelbäume. Durch diese Art der Transplantation bekamen die Zweige gleichsam eine neue Heimat, wuchsen weiter und führten Eigenschaften mit denen einer anderen Pflanze zusammen. Das Projekt gipfelte in der Züchtung zweier aus mehreren Sorten (jene mit den meisten unterschiedlichen Namen, deren Heimat unbekannt ist und jene von konkreten Thüringer Orten, deren Sortennamen nicht bekannt sind) gekreuzter Apfelbäume. Neben einem Kurzfilm über den Prozess des Pfropfens beschäftigt sich ein Projektfilm mit der Landschaft Thüringens und diskutiert die Bedeutungen des Wortes «culture» in «agriculture». Drei Baumskulpturen, die konzeptuelle Aspekte der Gartenarbeit spiegeln und die Kombination verschiedener Bäume zu einem neuen Körper künstlerisch visualisieren, und einige Fotografien rahmen die Präsentation. Zudem kombiniert Mikhail Lylov ausgewählte Gestecke mit Keramikgefäßen seiner Künstlerkollegin Elke Marhöfer.

The Black Stick and The White Stick | Rosa Nussbaum

Die Deutsch-Britin Rosa Nussbaum mit Wohnsitz in den USA hat für die Veröffentlichung ihres Projekts The Black Stick and The White Stick eine Soundinstallation gewählt, die mit Hilfe von Videos, Fotos und Requisiten Aspekte ihrer ganz persönlichen Familiengeschichte und speziell die Lebenslüge ihres rumänisch-jüdischen Großvaters untersucht, der sein Leben lang vorgab, im ersten arabisch-israelischen Krieg verwundet worden zu sein, wobei seine Wunde, wie er erst kurz vor seinem Tod zugab, von einem Kampf mit Wilderern bei Bukarest stammte. Anhand dieser Familiengeschichte erforscht sie, wie unzugänglich die Wahrheit sein kann und wie Familie und Geschichte sich überschneiden. Rosa Nussbaum plant auch die Publikation eines kleinen zweisprachigen Magazins mit einer Sammlung der Witze ihres Großvaters. Zur Teilnahme an der Ausstellung lud sie ihre Künstlerkollegin Kevin Brophy ein. Da die Biden-Administration an dem Grundsatz festhält, Nicht-US-Staatsbürger*innen während der Covid-Pandemie nach Ausreise keine Wiedereinreise in die USA zu gewähren und sie derzeit in Philadelphia lebt, wird Rosa Nussbaum ihre Ausstellung nicht sehen. Ein geplantes Internetangebot, das die digitale Seite ihres Projekts mit Teilen ihres Podcasts, Forschungsergebnissen und Videos beherbergt, eröffnet neue Kunsträume.

Heimatmaschine | Paul Wiersbinski

In der interaktiven Installation Heimatmaschine wird das emotional aufgeladene Konzept der «Heimat» mit vermeintlich rein rationaler Technologie konfrontiert. Über aktuelle deutsche Parteiprogramme, Literatur und wissenschaftliche Texte wird eine künstliche Intelligenz geschult, die Muster untersucht, welche unseren Gedanken und Vorurteilen in Bezug auf «Heimat» und «Zugehörigkeit» zugrunde liegen, um unsere kulturellen Daten zu diesen Themen zu interpretieren und uns zu sagen, was diese Begriffe in einer ungewissen Zukunft bedeuten könnten. Von der Heimatmaschine erzeugte Texte werden im Raum angeord-net, um Verbindungen und Überlagerungen in der potenziell niemals endenden Textflut zu erforschen. Die Rauminstallation der 8-teiligen Serie (Fotocollage auf Banner) HOME hingegen befasst sich mit dem Begriff des Zuhauses. Durch die gegenwärtige Situation ist dieser Ort nicht mehr nur positiv besetzt, sondern beschreibt auch das Gefühl des Eingeschlossenseins auf unabsehbare Zeit. Gerade für Menschen mit psychischen Problemen ist dieser Zustand sehr belastend. HOME generiert einen kaleidoskopischen, viel-schichtigen Blick auf dieses Thema. Außerdem zeigt Wiersbinski die Installation Dichotomy, das 20-min-2-Kanal-Video Remote Rules and Rituals und lud den Maler Behrang Karimi zur Ausstellungsteilnahme ein.

Gefördert durch: Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, Thüringer Staatskanzlei — Abteilung Kultur und Kunst, Sparkasse Mittelthüringen, Stadt Weimar und Förderkreis der ACC Galerie Weimar.