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Downside Up Upside Down

11. Dezember 2020 - 21. Februar 2021

Yvonne Buchheim (*1972 in Weimar) war 2003 mit ihrem Projekt Die singende Stadt Stipendiatin des 9. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar herkunft niemandsland und lebte (neben Weimar, wo sie aufwuchs) in München, Belfast (Nordirland), Dublin (Irland) und Bristol (Großbritannien). Als Künstlerin und Pädagogin ist sie daran interessiert, die Rolle von Kunst im Alltag zu hinterfragen. Als interdisziplinär agierende Künstlerin arbeitet sie nicht selten in öffentlichen Kontexten, in denen sie das Publikum auf unerwartete Weise einbezieht, von der absichtlichen Teilhabe bis zur zufälligen Begegnung. In den daraus entstehenden Kunstwerken versucht sie, die komplexen Beziehungen zwischen ihr selbst, der Öffentlichkeit und der Bedeutung des jeweiligen Ortes zu ergründen.

Als sie 2012 nach Kairo (Ägypten) zog, erlebte sie einen gesellschaftlichen Wandel und wurde sich ihres Lebens als Außenseiterin bewusst. Von dieser Position aus drehte sie die Kamera auf sich selbst und ließ zu, dass persönliche Erfahrungen zu einem Schrittmacher für das Entstehen ihrer neuen künstlerischen Arbeit werden. In ihrer aktuellen künstlerischen Praxis entstehen Zeichnungen und Foto-grafien, die in Stop-Motion-Animationen neben persönlichen Erzählungen lebendig zu werden scheinen, in denen Yvonne Buchheim über Verlust, Identität und Zugehörigkeit reflektiert. Diese intimen Themen zielen darauf ab, eine Verbindung zu breiteren sozialen Anliegen herzustellen, die den Fokus auf unser Selbstbild in einer fragmentierten Welt legen.

Yvonne Buchheim unterrichtete zehn Jahre lang Bildende Kunst an der University of the West of England, bevor sie 2012 nach Kairo zog, wo sie ihre Bildungs- und Kunstprojekte fortsetzte. Ihre Werke konnte sie in zahlreichen Ausstellungen der Öffentlichkeit vorstellen. Anlässlich ihrer Langzeitstudie Song Archive Project wurde sie mit der Produktion einer monografischen Publikation ausgezeichnet. Yvonne Buchheim lehrte Bildende Kunst an der American University of Cairo, bevor sie 2015 zum Cairo Institute of Liberal Arts and Sciences wechselte. 2017 war sie Co-Kuratorin von Spring Sessions, einem alljährlichen hunderttägigen Lernprogramm mit Künstlerresidenz in Amman, Jordanien.

Ihre pädagogischen Projekte verbinden Theorie mit Praxis, um herauszufinden, wie wir verschiedene Formen von Wissen verstehen und schätzen lernen können. Während dieses Prozesses experimentieren die Teilnehmer*innen mit Kunst, Kreativität und Spiel, um Motivationen und Methoden zu bestimmen, mittels derer sie sich vorstellen, was in einem breiteren sozialen Kontext möglich ist. Die Ausstellung in den zwanzig Räumen der ACC Galerie Weimar (400 qm) ist Yvonne Buchheims bisher umfassendste Einzelpräsentation.

Yvonne Buchheim: Mein ursprüngliches Konzept für die ACC-Ausstellung war geprägt von einem wachsenden Gefühl, nach zwanzig Jahren Abwesenheit von Deutschland das Zuhause zu verlieren. Als ich mich in Kairo, meiner Wahlheimat seit 2012, immer vertrauter fühlte, begann ich darüber nachzudenken, wie ich Heimat in all ihren Verstrickungen jenseits der Vorstellung eines physischen Raums definieren könnte. Ich orientierte mich am Konzept der Homing Devices von Sarah Ahmad und begann mit täglichen Zeichnungen und Fotografien, um herauszufinden, was Heimat bedeutet: „Wie belegen wir den Raum zu Hause als Heimat, wenn wir unser Zuhause verlassen?“

Bei dieser Untersuchung wurde mein Körper zu einem entscheidenden Bestandteil dafür, dass ich mich in der Welt ohne mein Zuhause zuhause fühle. Indem ich auf den individuellen, sozialen und politischen Körper achtete, der „seine Gedanken, Gefühle, Bedeutungen und Erinnerungen in den Raum einschreibt und sich dabei transformiert“ (Reena Tiwari), begann ich durch konkretes Nachfragen etwas über die Beziehung anderer Menschen zu ihrem Körper herauszufinden. Ich versuchte mich durch folgende Methoden dem Thema zu nähern:

Interviews, die zu einer Reihe von Körperportraits führen (Was weiß Ihr Körper, Fotografien, 2019) Workshops und Lesungen mit Studenten in Kairo und Amman (Mein Körper ist mein Körper, CILAS (Cairo Institute of Liberal Arts and Sciences), 2017-18 und Die Sprache des Körpers I und II – MMAG (Mohammad and Mahera Abu Ghazaleh Foundation for Art & Culture), 2018), Kollaborationen mit der ägyptischen Dichterin Sara Elkamel und dem Philosophen Ismail Fayed (Mein Körper ist mein Körper, 2017 - 18 und Zerebraler Bericht, 2018 - 19) Erkundung weiblicher Körper im öffentlichen Raum mit einer Frauenkünstlergruppe (The Cairo Bats, Fotografien, 2014 - 19)

Meine jüngste Diagnose von Brustkrebs zwang mich brutal, meine derzeitige Existenz, die Vorstellung des Körpers als Zuhause und mein ausgewähltes Zuhause als Ort zum Verweilen und Heilen zu überdenken. In einem Schockzustand verließ ich Kairo und begann eine 1,5-jährige Behandlung in Berlin mit häufigen Besuchen in meiner Heimatstadt Weimar, wo ich mit einem verwandelten Körpergefühl durch die Felder meiner Kindheit ging. Da ich weiß, dass sich mein physischer Körper während einer Operation radikal verändert und unter den schweren Nebenwirkungen einer Chemotherapie leidet, muss ich meine Homing Devices neu erfinden, um einen Sinn für ein derart unsicheres, unzuverlässiges Körper-zu-Hause zu finden. In Disease as an Aesthetic Project sagt Alina Popa: „Heilung ist ein Gedicht, das mit der Sprache der Symptome geschrieben wurde.“ und öffnet somit einen Einblick in die Krankheit als Metapher. Durch den Versuch, auf der Suche nach einem Zuhause am Heilungsprozess zu arbeiten, erhoffe ich mir Erkenntnisse darüber, wie eine persönliche Erfahrung mit universellen Erzählungen in Verbindung gebracht werden kann. Wie erzählen wir unsere persönlichen Geschichten mit dem Wissen, dass Zuhause durch kollektives Gedächtnis aufgebaut wird? Und wie kann der Begriff des Zuhauses dekonstruiert, hinterfragt und neu erfunden werden? Wo ist mein Zuhause und wo ist Ihrs?