Heimat / Homeland (2020)

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

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Heimat | Homeland (2020/2021)

26. Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar | 26th Studio Program of ACC Gallery and the City of Weimar

Die Stadt Weimar und die ACC Galerie sind auch 2020/2021 wieder Gastgeber für drei Künstlerinnen und Künstler, die im Rahmen des 26. Internationalen Atelierprogramms mit dem Thema Heimat | Homeland für jeweils vier Monate im Städtischen Atelierhaus leben und arbeiten werden. 1994 von der ACC Galerie und der Stadt Weimar ins Leben gerufen, ist das Internationale Atelierprogramm das älteste seiner Art im Freistaat Thüringen. Bislang waren 76 Künstlerinnen und Künstler aus 41 Ländern in Weimar zu Gast.

Die diesjährige Ausschreibung richtete sich dabei auf den so vieldeutigen und mittlerweile wieder intensiv diskutierten Begriff Heimat, der im Zeitraum 2020/2021 von den nun ausgewählten neuen Stipendiatinnen und Stipendiaten künstlerisch zu erkunden ist.

‚Heimat‘ steht in der deutschen Sprache für einen historisch überaus positiv konnotierten, dabei oft vereinnahmten Begriff; die dahinterliegenden Aspekte, Konnotationen und Assoziationen gelten in ihrem Zusammenspiel aber als genereller Teil der conditio humana: man denke an die Dynamik der Verhältnisse von Verwurzelung zu Entwurzelung, von lokaler Herkunft zu räumlicher wie ideeller Entfernung vom Herkunftsort, von Bindungskräften an Familie, Sprache, Region, (National-)Kultur zu Fliehkräften, die diesen entgegenwirken.

Wesentlich im 19. Jahrhundert wurden zur Überwindung der Zersplitterung der deutschen Kleinstaaten und also zur Ausbildung nationalen Selbstverständnisses gemeinsame Herkunft, Kultur, Landschaft und Tradition betont, was teils in bloßen Nationalismus umschlug und seitdem von Nationalisten wiederholt instrumentalisiert wurde, in der Zeit des Nationalsozialismus dann im Extrem. Zugleich hat das zu romantischen Klischees und Stereotypen geführt: Schwarzwald, Fachwerkstädtchen und märchenhafte Schlösser leben in Tourismus und Werbung fort, es kam zu Heimatliteratur, Heimatfilm, Heimatmuseen, bezeichnenderweise wurde selbst in der DDR das Fach Heimatkunde gelehrt, und seit einigen Jahren tragen einige Ministerien der deutschen Bundesländer wie des Bundes ‚Heimat‘ im Namen.

Neuere Renationalisierungsbestrebungen, naturgemäß nicht nur Thema in deutschsprachigen Ländern, haben der Diskussion von ‚Heimat‘ neue Nahrung gegeben. Wohl insbesondere von verstärkte Migration und (andere) Globalisierungsfolgen und damit verbundene Verlust- und ‚Überfremdungsangst‘ angetrieben, reklamieren vorallem konservative Kreise nicht nur ein grundlegendes Recht auf Heimatverbundenheit, sie erklären lokale Bevölkerungen geradezu zu Opfern, wodurch weitergehende Abwehr des oder der Fremden verständlich sei oder sogar legitim.

Kritiker dieses Denkens sehen den Heimatbegriff gerade wegen undemokratischer oder diskriminierender Abwehrreaktionen als hoch ambivalent oder selbst als wesentlich negativ. Indes sie den Wunsch nach Geborgenheit akzeptieren, unterstreichen sie, dass Heimat als heile Welt eine Illusion ist. Sie bezweifeln, dass ein Weltausschnitt jemals heil sein kann, wenn um diesen herum das Unheil herrscht. Sie möchten Heimat nicht (mehr) als Land, Nation oder Denktradition verstanden wissen. Sondern sie setzen auf eine Überführung des Begriffs in den Bereich des Kleinen und autobiografisch Konkreten, des individuellen Empfindens: einen Kindheitsort mit den an ihn gebundenen Erinnerungen, ein Verbundenheitsgefühl, das nur fern aller mehr oder weniger heroisierten und ja ehedem abstrakten Nationalität ein Recht habe. Andere Kritiker plädieren eben wegen jener nationalistischen Vereinnahmung und Vereinnahmbarkeit dafür, ‚Heimat‘ nicht mehr zu verwenden und sich etwa beschränken auf den Alternativbegriff ‚Zuhause‘ (engl. home), wogegen sich wiederum Widerstand regt mit dem Argument, dass so der Heimatbegriff dem Nationalismus überlassen werde und besser vermittelt werden müsse, dass gegenüber Herkunft andere identitätsbildende Faktoren unterschätzt würden.

Wie aber werden dieser Diskurs, die angesprochenen Formen der Ausgrenzung, das eventuelle Recht auf die besondere Bindung an einen Ort, künstlerisch bildhaft? In welchen ästhetischen Formen befassen sich Künstler heute mit dieser Basisdimension menschlichen Daseins und mit ihrer Instrumentalisierung? Das 26. Internationale Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar Antworten ruft hiermit Künstler auf, gleichgültig, wo ihre Heimat ist, mit ihren Projektvorschlägen auf diese Fragen wie auf die angedeuteten thematischen Hintergründe zu reagieren.

58 Bewerbungen aus 26 Ländern hatte eine internationale Fachjury am 9. und 10. November 2019 im ACC bewertet. Die Jury bestand aus: Alena Alexandrova, Kuratorin und Kunsttheoretikerin (Amsterdam), Yochai Avrahami, Künstler (Tel Aviv), Yvonne Buchheim, Künstlerin (Kairo/Berlin), Samantha Font-Sala, Fotografin (Weimar) und Susann Maria Hempel, Filmemacherin (Greiz).