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Heimat / Homeland (2020)

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

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Malak Yacout (Deutschland) | 1. Stipendiatin

Malak Yacout (Ägypten): Künstlerin und erste Stipendiatin des 27. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar.

27. Internationales Atelierprogramm von ACC und Stadt Weimar 2021/22 Thema: Rückzug | Retreat

Malak Yacout (*1993), erste Stipendiatin des am 1. Februar startenden 27. Atelierprogramms, untersucht in der Performance-Reihe A Crack as a Sign … of Guilty Silence, wie aktuelle und durch Repression, Rückzug und Schweigen verdeckte Krisen am menschlichen Körper sichtbar werden. Global wie auch in ihrer Heimat Ägypten herrscht seit Jahren eine Atmosphäre der Enttäuschung und Hilflosigkeit, die Menschen dazu bringt, sich passiv den großen Institutionen zu fügen und somit langsam ihr Recht auf freie Meinungsäußerung abzugeben. Malak Yacout sieht sich als Teil dieser Entwicklung. Selbstkritisch reflektiert sie ihre Inaktivität und Schuldgefühle, die sie dazu brachten, ihre chronischen Hautausschläge mit ihrer Passivität zu assoziieren. Sie sucht im Dialog mit dem eigenen Körper nach der semiotischen Bedeutung geschundener Haut. Die Performance ist an verschiedenen Orten (z.B. in dermatologischen Kliniken) geplant, die als fiktive Zeugen von Ungerechtigkeit wirken sollen – trotz der Möglichkeit, einzugreifen und sich zu äußern, wurde geschwiegen, was zum Ausbruch des Hautekzems führte.

Eine bereits im Dezember dargebotene Online-Performance bei einem Therapeuten in Ägypten ebnete den ästhetischen Weg für ihre weiteren Arbeiten und Performances, die sie in Weimar präsentieren wird. Grund für diese Kostprobe war ein Vorfall, bei welchem zwei Influencerinnen aufgrund harmloser Tanzvideos beschuldigt wurden, die ägyptischen Familienwerte verletzt zu haben. Malak Yacout nutzte dies als Steilvorlage für eine Performance, in welcher sie eine fiktive Person inszeniert, die sich schuldig für ihren Vater fühlt, welcher einen Nachbar, einen namenlosen Tänzer, denunziert hat – sie selbst jedoch schwieg über diese Korruption.
Die Künstlerin kontaktiere außerdem bereits das Universitätsklinikum in Jena, da dieses auch psychosomatische Ekzem-Diagnosen anbietet, was optimal für ihr künstlerisches Vorhaben ist und sie auch gerne vor Ort realisieren wollen würde. Ein weiteres Vorhaben Malak Yacouts ist eine Art Skin Diary, in welchem sie die Veränderungen und Irritationen ihrer Haut und ihren psychischen Zustand festhalten will, um die Relationen zwischen den Ekzemen und möglichen mentalen Stressoren sowie äußeren Ereignissen zu identifizieren. Für die Dokumentation wählt sie das Medium der Filmfotografie, um die archivarische Ästhetik dieses Vorhabens einzufangen. Gedruckt soll das ganze auf altem Zeitungspapier und auf Buchseiten werden, um den Anschein herausgerissener Tagebuchseiten und einer gewissen damit einhergehenden Gewalt und Verzweiflung zu vermitteln. Mittlerweile hat sie sogar eine Hautbiopsie machen lassen, um mikroskopische Bilder ihrer Ekzeme zu erhalten und diese für ihr Hauttagebuch verwenden zu können. Als Inspiration für ihre Performances, die beispielsweise in Form von Konversationen im Wartezimmer diverser Dermatologen stattfinden sollen, nennt Malak Yacout etwa Jalal Toufics Theorie The Withdrawal of Tradition Past a Surpassing Disaster, welche den Rückzug von Traditionen (wie religiösen Doktrinen) umschreibt und physische Veränderungen des Menschen ebenfalls als mögliches Symptom von Schuldgefühlen wertet, aber auch eine ägyptische Komödie (The Witness Who Didn‘t See Anything) aus den 70er-Jahren, in welcher eine Zeugin zu viel Angst hatte, um eine entscheidende Aussage zu machen. Allgemein diente die Rolle der Zeug*innen vor Gericht und wie die Richter*innen Rückschlüsse aus deren Schweigen ziehen als große Inspiration für Malak Yacouts Arbeitsprozess, gerade der Umstand, wie Zeug*innen verurteilt werden, die ihr Schweigen nicht durchbrochen haben, obwohl sie damit drastische Auswirkungen auf die Gesellschaft hätten verhindern können. Einige dieser Referenzen würde sie gerne für ihre Performances nutzen. Dabei geht sie so vor, dass sie sich zuerst mit ihren realen Hautproblemen bei den verschiedenen Dermatolog*innen meldet und beim jeweiligen Kontrolltermin in Absprache mit dem Arzt/der Ärztin einen weiteren Termin für die folgende Performance vereinbart.
Bis sie während ihrer Arbeitsperiode hoffentlich doch noch nach Weimar kommen kann und ihr eine Einreise nach Deutschland womöglich gestattet wird, arbeitet Yacout von Abu Dhabi aus. Für die Narrative und Erzählstränge ihrer Performances adaptiert sie zwar reale Erfahrungen ihrer selbst oder anderer, fiktionalisiert sie aber derart, dass sie nicht mehr als solche identifizierbar sind. Auch denkt Malak Yacout darüber nach, ihre Darbietungen mit Elementen aus der Weimarer Geschichte oder mit Motiven des europäischen Theaters, wie etwa Brechts Ansatz, das Publikum aktiv miteinzubeziehen, zu verknüpfen und somit die Suche nach kritischen Ursachen für ihre irritierte Haut auszuweiten.

Anneke FSJ (03.04.2020)