Rückzug / Retreat (2021)

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

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Rückzug | Retreat (2021/2022)

27. Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar | 27th Studio Program of ACC Gallery and the City of Weimar

In den aktuellen politischen, sozialen und ökonomischen Krisen und in Zeiten der Veränderung zum weniger Guten oder vielleicht gar zum Schlechten fühlen wir, kaum überraschend, den Drang zum Rückzug: weg von der äußeren Welt und Öffentlichkeit, weg von unlebbaren oder unlebbar scheinenden Verhältnissen – und hinein ins Private, in Innenwelten, vielleicht in eine Art innerer Emigration.
Es mag ein Rückzug sein aufgrund unerfüllter Hoffnungen, aufgrund postrevolutionärer Enttäuschungen oder wegen der ganz persönlichen Ratlosigkeit, die andere Auswege nicht mehr als sinnvoll erachtet, und zu Passivität oder Idealisierung der Beschaulichkeit führt. Es mag die Angst vor drohenden Krankheiten sein oder eine Reaktion auf aktuell auferlegte Abstandspflichten. Es mag die Selbstisolation aus Überdruss an dem Zuviel der Mediengesellschaft sein oder die Flucht vor der Überarbeitung unterm Leistungsdruck oder etwa auch eine Folge der Selbstbeschränkung angesichts der Umweltfolgen von Massentourismus und Intensivkonsum.
Oder reagieren wir einfach so, wie man es Intellektuellen oder Künstler*innen einst zugeschrieben (und zugebilligt) hat, jenen „großen Geistern“ also, die, wie Aristoteles einst schrieb, „sich selbst genug“ sind, und dem vielleicht banal und lärmend anmutenden Außen wenig Wert beimessen oder eben dieses Außen geradezu verachten? Und nicht zuletzt ist zu erinnern an jenen Gedanken, wie Glenn Gould ihn formulierte: „... der einzige Vorteil, den jeder Künstler hat …, ist diese Distanz von der Welt“ – eine Distanz nämlich, die durch Isolation und Alleinsein die Aufmerksamkeit auf das Kleine und Einzelne fördert, die äußere Ablenkungen mindert und so die äußere wie innere Welt in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Der bewusste Rückzug in die eigenen vier Wände („My home is my castle“), sei es aus Politikverdrossenheit, verlorenem Glauben oder einem Gefühl des „Abgehängtseins“, sei es aus einer „Die Schäfchen ins Trockene bringen“-Mentalität, „Ich mach mein Ding“-Lebenseinstellung oder dem ausdrücklichen Willen zur Selbstbestimmung – all dies ist jedenfalls ein hierzulande nicht selten identifiziertes gesellschaftliches Phänomen, gerade in jüngster Zeit.
Der geregelte Rückzug als Militärtaktik hingehen, also die geordnete Absetzbewegung, das gefechtsmäßige Lösen vom Gegner unter ständiger Feindeinwirkung, wird oft als schwierigstes militärisches Manöver überhaupt bezeichnet. Möglicherweise ist nicht Angriff, wie einst der preußische Generalmajor Carl von Clausewitz behauptete, sondern der Rückzug die beste Verteidigung, wie ihn der russische Generalfeldmarschall Michail Kutusow 1812 mit seinem Scheinrückzug als Kriegslist gegen Napoleon praktizierte.
Sechs Jahre vor 1812 war Weimar, durch Jahrhunderte Rückzugs- und Wirkungsort zahlreicher Dichter und Denker, aber auch Epizentrum bürgerlichen Kleingeistes (aus dem sich manch Kulturschaffender zurückzog), von napoleonischen Truppen geplündert worden. Goethe traf Napoleon gerade ein Mal. Des Dichterfürsten Refugium (und Arkadien zugleich) war sein Gartenhaus im Weimarer Ilmpark, das Römische Haus gegenüber der Rückzugsort seines Fürsten, Mäzens und Weggefährten Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Für Viele ist das als Museums-, Beamten- und Pensionärsresidenz bekannte, einst „Pensionopolis“ genannte Weimar heute ein familienfreundlicher, umgrünter Studienort, Ruhesitz, Schlupfwinkel und sicherer Hafen – und entgegen anderer ostdeutscher Städte von Zuzug und Wachstum geprägt.
Mit Blick auf dieses so vielgestaltige wie widersprüchliche Feld der Rückzugsformen und -motive ruft das 27. Internationale Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar Künstler*innen auf, sich mit ihren Projektvorschlägen zu bewerben. Auf dass Weimar für sie unter Umständen zu jenem Rückzugsort und Retreat werde, an dem man zeitweilig loslässt vom Gewohnten, um sich frei von äußeren Einflüssen aus dem Alltag in die Einsamkeit zurückzuziehen.

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