Die Subversion des Stillstands

17. Februar bis 18. Mai 2008

Lene Berg (NO), Claudia Hardi (CH), Patrick Ward (GB)

Die Subversion des Stillstands

Kunst weiß Praktiken des Verzögerns und Stillstellens beobachtbar zu machen. Sie kann das Überdauern des Alten im Neuen reflektieren, vom Fortschritt Erledigtes und Zurückgelassenes wiederkehren lassen, vermeintlich Überkommenes, Zeitsprünge und Wirkungsfelder des Anachronistischen hinterfragen. Wo Kunstwerke die Wahrnehmung zur Ruhe kommen lassen, entstehen nicht Langeweile und Überdruss, sondern werden Einfühlung und Erkennen möglich – eine Subversion aus der Geschwindigkeitsverweigerung, die auch die Kehrseiten des Stillstands sichtbar macht. In der Videoarbeit Prime Time Paradise (2004) verwendeten Persijn Broersen und Margit Lukács TV-Stills, durch die man sich wie in einem Flug bewegte. Ihre Anordnung erschien im räumlichen Zusammenhang, während Inhalte gerade nicht logisch miteinander verknüpft waren. Und die ästhetische Kraft der Bilder richtete sich gegen ihre Entwertung, die verursacht wird durch die Passivität derer, die eben nur zuschauen, und durch das Eigeninteresse derer, die eben nur senden. That Place (2007), produziert von Raymond Taudin Chabot, vermittelte gedehnte Augenblicke aus dem Innehalten eines vermutlich recht erfolgreichen Geschäftsmannes oder bedeutenden Politikers. In seinem Gesicht erschienen Anzeichen von Reue – An zeichen des Unbehagens an der Rolle, die er «spielte», des Zweifels an einem von falschen Idealen verformten Leben. Dieses Innehalten übertrug sich auf den Betrachter: Zeit für dessen Reflexion etwa über den individuellen Preis des Gewinndenkens – und dessen Repräsentation durch eine Managerästhetik, wie sie in der noch weitgehend patriarchalisch strukturierten und wohl auch daher reformbedürftigen Gesellschaft verbreitet ist. In seinem Video Cat and Bird in Peace (1996) suggerierte David Claerbout, hier sei das Naturverhältnis von Jäger und Gejagtem, nämlich zwischen Katze und Vogel, außer Kraft gesetzt. Den Erwartungen des Betrachters lief diese utopisch anmutende Stillstellung zuwider – ein künstlicher Zustand, durch digitale Manipulation oder Domestikation erzeugt, als künstlerisches Sinnbild. Zugleich aber bewegten sich beide Tiere minimal und deuteten an, dass sich alsbald doch etwas ereignen könnte. Und diese Andeutung, diese Unsicherheit war es, die den Raum zwischen Foto und bewegtem Bild auslotete und den Betrachter in permanentem Zweifel über ein mögliches Geschehen ließ. Jason Salavons Klanginstallation The Song of the Century (1999), von ihm ursprünglich als ein «Jahrtausendgeschenk» für Freunde und Bekannte im CD-Format produziert, war ein Amalgam aus 27 Versionen des wohl bekanntesten Beatles-Songs und am häufigsten aufgenommenen Stücks aus der Musikgeschichte: Yesterday. Dessen unverhohlene Nostalgie verlor sich bald in den Überlagerungen der Einzelaufnahmen, die gleichzeitige Wiederkehr des beinahe Gleichen konterkarierte das jeweils Besondere fast bis zum belanglos Ununterscheidbaren, einem aus dem Off der Vergangenheit widerhallenden «Stillleben», um mit thematischer Wiedererkennbarkeit versöhnlicher zu enden. Die Videoanimation Aurora Australis (2001) von Minnette Vári basierte auf der Wiederverwendung verschlüsselter Bilder aus den Kanälen des
Bezahlfernsehens: Vage Bildfolgen, Störungen bis zur Unkenntlichkeit, abstraktes Klang- und Farbenspiel, das Erinnerungen an antarktische Polarlichter – die Aurora Australis – hervorrief, wurden wiederholt überblendet von performativen Szenen der Künstlerin. Die verfremdende Aneignung der Unterhaltungsbanalitäten aus dem heutigen Fernsehen stand im Dienste «intellektueller und spiritueller Erleuchtung» (Vári), konterkarierte dessen allgegenwärtiges Informationsüberangebot in subtiler «Entschleunigung» durch Informationsentzug und unterstrich trotz allem das poetische Potenzial des populärsten Erzählmediums. Auch die Stipendiaten des Atelierprogramms, Berg, Hardi und Ward, nahmen an der Ausstellung im Universal Cube teil.