Die Sammlung Weimar
co-kuratiert von Claus Bach (Weimar)
Ausstellung So., 22.02.2026–So., 05.07.2026
Lesedauer etwa 21:10 Minuten
Wie sähe eine Sammlung Weimar aus, wenn es sie gäbe? Eine Sammlung, deren Werke Weimar selbst thematisieren, aufzeichnen, spiegeln, mit seinen Unebenheiten, Schlaglöchern, doppelten Böden und Schräglagen, mit seinen Orten, Personen, Mythen und Stereotypen?
Es gibt sie nicht, sie ist imaginär, eine «Unsichtbare Sammlung», um mit Stefan Zweig zu sprechen, obschon dessen Novelle mit den Worten endet: «Und ich mußte wieder an das alte wahre Wort denken — ich glaube, Goethe hat es gesagt —: ‹Sammler sind glückliche Menschen.›» Unglaublich, dass sich Weimar dieses Glück nicht leistet. Wenngleich es eine üppige Anzahl von Werken aus den zurückliegenden Jahrzehnten gibt, die ein aufschlussreiches, sinnliches, bisweilen entwaffnendes Bild des weltgewandten wie kleingeistigen Ortes zu zeichnen wüssten.
Unsere Ausstellung vereint 133 Kunstwerke von 72 Künstler*innen/gruppen, die in eine Sammlung Weimar gehören könnten. Eine Schau als Anregung zum Aufbau einer solchen Sammlung. Ihr Ausgangspunkt ist Liebhaberei.
Über die einzelnen Werke:
Janaina Tschäpes in Ettersburg, Goethepark und Goethe-Schiller-Archiv entstandene Colorprint-Reihe Lacrimacorpus Series (2004) zeigt einen traumwandelnden weiblichen Körper, der überdimensionierte Trauben aus Tränen trägt, eine Ansammlung von Erinnerung, Trauer, Nostalgie und Sehnsucht, die abzustreifen schwerlich möglich scheint. Im flankierenden Film tanzt eine anonyme Frau in einem Kleid aus Goethes Zeit im Weißen Saal wie die mechanische Tanzpuppe einer Spieluhr, bis sie zu Boden stürzt, Ohnmacht und Klärungsnot gegenüber der Geschichte verkörpernd.
In ihrem vielgestaltigen Projekt iNature — Water (2025) untersucht Marte Kiessling die Spuren, die menschliches Handeln an unserer elementarsten Ressource hinterlässt. Am Beispiel der ovalen Öffnungen der Weimarer Sternbrücke, die bei Hochwasser als Entlastungsgewölbe dienen. Dieser Teil der Ilm in Weimar wurde zum Schauplatz absurder KI-generierter Animation. So wird erfahrbar, wie brüchig unsere Wahrnehmung von „Natur“ geworden ist und wie sehr sie bereits von Projektionen, künstlichen Bildern und Verlust geprägt wird.
Ein Initialobjekt im Ausstellungsentrée ist ein atmender Faust-Band aus Edith Kollaths Werkreihe Thinking I’d last forever. In sanfter Bewegung strömt Luft zwischen den Seiten und aktiviert vielschichtige Erzählungen, die in das gealterte Objekt eingeschrieben sind. Der hier gezeigte Faust-Band war über Generationen in Familienbesitz. Jenes atmende Buch lädt zur Empathie ein. Es öffnet Räume, in denen Fiktion zu einer Kraft wird, die Welt neu zu denken.
Sonya Schönberger stellt in Goethes Topfpflanzen (2020) anhand von Fotos, Pflanzen und weiteren Exponaten die Frage nach unserer postkolonialen Verantwortung im Umgang mit exotischen Pflanzen, wie jenen Topfpflanzen in Weimars Goethe-Nationalmuseum. Per Rauminstallation setzte sie sich mit ihrer Herkunft, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander.
Im Auftrag Nedko Solakovs verführten in Sexual Harassment (Sexuelle Belästigung, 1997) fünf bekannte bulgarische Kunstkritiker*innen Weimars historische Größen — ausnahmslos mit mimischen Mitteln und vor laufender Kamera. Mit teils unmissverständlichen Lippenbewegungen, Wimpernaufschlag und Zigarettenspitze näherten sie sich deren „geistiger“ Präsenz.
Die Skulptur eines Kopfes wurde — in Erinnerung an einen Besuch der Gemächer des Dichterfürsten während der Kindheit Uwe Kowskis — als „Oberhaupt“ der Klassikerstadt zum Ordnungsspeicher, das der Künstler Goethes Kinderzimmer (1994) nannte.
Weimaranerhunde, ursprünglich Anfang des 19. Jahrhunderts am Hof zu Weimar von Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach gehalten, haben William Wegman schon lange inspiriert. Für die Sammlung ein Muss. Das inszenierte Polaroid-Triptychon
Untitled und das Mädchen-Hündin-Duo Sisters (beide 1994) stehen exemplarisch für diesen Werkkompex.
Das große Heia machen (2018) ist der Titel einer Bronzeskulptur des Kölners Cornel Wachter. Goethe als Privatmensch war ein begeisterter Langschläfer, er ruhte bis zu zehn Stunden pro Tag. Diese andere Seite Goethes interessiert Wachter. Es geht nicht um die Schmälerung der Verdienste des Gefeierten, sondern um den Menschen Goethe. Dieser sprach immer vom „Süßen Schlaf“ als „reinstes Glück“. Und liebte deshalb die mittägliche Siesta.
Der Webicht (2012-14), eine Waldlandschaft am östlichen Ortsausgang Weimars gelegen, ist historisches Gelände. Angelegt im Barock, diente er den Großherzögen von Sachsen-Weimar-Eisenach zum Abhalten prunkvoller Treibjagden. Als 1806 Napoleon Bonaparte die Preußischen Truppen während des vierten Koalitionskrieges nahe Jena schlug, war auch der Webicht Schauplatz letzter Gefechte. Mittlerweile hat der Boden dort die unzähligen toten Leiber und Pferdekadaver aufgenommen. Vollrath Hopps ästhetisches Interesse an diesem Gegenstand gilt der Ambivalenz der Schönheit dieses Waldes mit seinen jahreszeitlich bedingten Veränderungen. Historisches und Gegenwärtiges scheint sich hier kommentarlos im Geäst in ungeahnte Zukünfte zu überlagern.
An dem Tag, an dem Charlotte Seidel beschloss, Weimar zu verlassen, organisierte die Künstlerin im Jahr 2007 die Performance „... Eure Charlotte“. Sie begab sie sich auf den Theaterplatz, um die Statuen von Goethe und Schiller auf den Mund zu küssen. Sie stieg eine Leiter hinauf und berührte die Lippen des Dichterdenkmals. Zwei Charlottes hatten im Leben dieser Männer eine wichtige Rolle gespielt, und eine dritte Charlotte, die Künstlerin, erinnert uns daran, dass das kulturelle Leben nicht als selbstverständlich angesehen werden sollte.
Marianne Buttstädts Black Johann (1997) ist das wohl befriedigendste Souvenir aus Weimar – eine Goethe-Statuette als Vibrator.
Der Theaterplatz in Weimar ist das kulturelle Herz der Stadt. Seit 1857 steht hier das von Ernst Rietschel geschaffene Goethe-Schiller-Denkmal. Es zieht jährlich Tausende Besucher*innen an, doch viele übersehen den kleinen Baumstumpf hinter den Dichtern. Nicolas Vionnet bildete den Baumstumpf (2009) mit Stahl, Metall, Gips und Emaillelack nach und platzierte ihn mitten auf dem Theaterplatz – damit wollte er die Bedeutung dieses Elements unterstreichen und den Wahrnehmungsraum der Besucher*innen verändern.
Während örtlicher Recherchen wurde Kathrin Schlegel auf die große Anzahl von Enten, die Weimarhallenteich bevölkern, aufmerksam. Für sie sollte ein Entenheim geschaffen werden. Kathrin Schlegel funktionierte einen der weimartypischsten Werbeträger zum Entenhaus um. In Zusammenarbeit mit der Diakonie Weimar wurde auf dem Landgut Holzdorf jenes stattliches Haus, Modified Nautilus (2010/2011), geschaffen. Leider wurde es nicht wie beabsichtigt auf dem Teich im Weimarhallenpark plaziert.
Angesichts der vielen Goethebüsten in allen Läden Weimars wird Goethe des Rummels um seine Person überdrüssig und begibt sich im Video Goethe goes Wladiwostok (1999) von Maria Vill mit Kerstin Hanisch und Steffen Mittelsdorf auf eine Reise gen Osten: Mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok. Im Zug finden neben zahlreichen Gesprächen über Goethe, Weimar und die Kunst Lesungen aus seiner Italienischen Reise in russischer Sprache statt. In Wladiwostok wird die Goethebüste dem Bürgermeister als Geschenk überreicht.
Herbert Wentschers elektronische Kopfbüste Einer wird gewinnen (1996) war eine Ein-Kanal-Projektion, aufgenommen mit zwei Kameras. Eine Goethe- und eine Schiller Porzellanbüste rotierten auf selber Achse gegenläufig um sich selbst. Durch überblendetes Miteinander traten Überlagerungen und Vermischungen auf. Friedrich drehte sich schneller als Goethe. Der Medienkünstler Herbert Wentscher vergöttert weder Künstler*innen noch Medien. In seinem Video SALVE/SLAVE (1997) tritt der Dichterfürst als Rapper auf und verkündet in rotzigen Sprüchen, was ihn inspiriert: seine Geliebten, die irdische Lust. Wentscher treibt die Frivolität weiter bis in die Gegenwart von MTV, Fun und Love Parade.
Die Studie Reviewing Image Disturbance von Andrea Theis ist die visuelle Analyse ihrer künstlerischen Intervention auf dem Theaterplatz Weimar. Sie war für fünf Tage auf den Stufen des Sockels des berühmten Dichterdenkmals anwesend: Während der Pfingstfeiertage vom 1. Juni bis zum 5. Juni 2006 von 10 bis 18 Uhr, unterbrochen durch eine einstündige Mittagspause. Sie positionierte sich im Bild der Tourist*innen, als wäre sie Teil der Landschaft. Diese Störung führte zu einem Prozess vielfältiger Interaktion und facettenreicher Kommunikation, der durch ihre bloße Anwesenheit vor dem Denkmal ausgelöst wurde.
Inspiriert von auf der Straße und vor Supermärkten gefundenen Einkaufslisten malt Laura Nitsche altmeisterliche Stillleben. Was auf Goethes Einkaufsliste gestanden hätte (die es nicht gab), führte zu dessen Lieblingssalat. Er bestand aus Kartoffeln, Äpfeln, Zwiebeln und kleinen Gewürzgurken, Zitrone, Pfeffer, Olivenöl und Suppe (2024).
Weimars Jahrhundert-Überschwemmung im Frühling 1994 veränderte den Ilmpark so stark, dass er Mittelpunkt des öffentlichen Interesses wurde. Das Flüsschen hatte sich in einen strömenden See aufgelöst und dabei auch ein Stück Weimarer Geschichte aufgewühlt. Nachdem das Wasser zurückwich, fanden sich neben Schwemmholz auch Kleidungsstücke, Zeitungen, Briefe und Kinderspielzeug in den Büschen und Bäumen. Relikte der jüngeren Geschichte, Zeugen von Turbulenzen unter Weimars Oberfläche, festgehalten in After the Flood (2008) von Liz Bachhuber.
Markus Schwander reinszenierte in Weimar 1996 (1996) Weimars Gedenkfetischismus mit einer biederen Kommode, auf der skyline-gleich 30 unbemannte, namenlose Miniaturgipssockel diverser Größen und Stile stehen, ihren Originalen im Weimarer Stadtraum nachgeformt – als eine Kapitulation vor der Weimarer „Erinnerungswut“
Die Fotografien des Langzeitprojektes Abwesenheitsnotizen von Anja Bohnhof & Karen Weinert zeigen ausgeräumte Gedächtnisstätten von bekannten Persönlichkeiten, die öffentliche Museen sind. Zu sehen ist das Arbeitszimmer Friedrich Schillers in seinem Wohnhaus und die Privatbibliothek der Herzogin Anna Amalia im Wittumspalais. Es wurde eine Leere inszeniert, welche die Frage nach Verlust und Beständigkeit an die heutige (Nach-)Welt stellt.
Rodrigo Arteagas interaktive Installation Continuity of Parks (2026) besteht aus einem Spieluhrmechanismus, der einlädt, eine Papierpartitur von Franz Liszts Liebestraum Nr. 3 in As-Dur zu spielen. Sie wurde mit einer Reihe von Rollen in einer 8 Meter langen kreisförmigen Schleife installiert. Während des Abspielens kann man eine handgeschriebene Version der Geschichte Continuity of Parks von Julio Cortázar auf der Rückseite lesen.
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde „Jedem das Seine“ als Inschrift am Eingangstor des KZ Buchenwald missbraucht. In einer Plakataktion von 1994 kombinierte David Mannstein den Schriftzug mit einem Blumenornament in mehreren Farben, das für verdrängende Spießigkeit und feiges Mitläufertum der bürgerlichen Gesellschaft steht. Die bisweilen den Nationalsozialismus nicht nur duldete, sondern befürwortete.
Sophia Dona ließ an der Frontfassade des Elephant Hotels in Weimar mit DER BALKON (WEIMAR 2009) einen zweiten Balkon anbauen, der mit dem bereits vorhandenen identisch war. Um den starken symbolischen Charakter des ursprünglichen Balkons zu verzerren, der Teil der Neugestaltung des Hotels nach dessen Umbau durch Adolf Hitler im Jahr 1938 war.
Salz, das „weiße Gold“, faszinierte Åsa Elzén ob seiner ästhetischen Qualitäten und der Assoziationen von Bewahrung und Korrosion, Leben und Tod. Nach einem Besuch der Salzmine Merkers und des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald meißelte sie aus Salzblöcken androgyne Büsten: gesichtslose Torsi, die sie 1996 im öffentlichen Raum platzierte: Auf dem Balkon des „Hitlerturms“ am ehemaligen Gauforum, im Wald zwischen Schloss Ettersburg und Buchenwald. Im Freien setzte ein langsamer Verwitterungsprozess ein, die Figuren „schmolzen“ und verloren zunehmend ihre Gestalt.
Sibylle Manias Fotografie Eine Woche Nachts (1999) dokumentiert ihre Projektion im ehemaligen Weimarer Gauforum und stellt sich der Frage nach Freiheit und privatem Glück im Heute. „Kinder-Küche-Kirche“ waren die Frauen zugewiesenen Bereiche zur Zeit der NS-Macht- und Architektur.
Benedikt Brauns T-Shirt-Aufdruck Nach dem Dritten Reichts (2009/2018) ist textil gewordenes Statement gegen den Nationalsozialismus und jede Form von Extremismus.
In Robin Minards Nachklang (1999) ertönte dreimal täglich die Glocke der Gedenkstätte Buchenwald in ganz Weimar. Übertragen von Hochleistungslautsprechern aus den synchronisierten Glockentürmen der Herderkirche, des Weimarer Stadtschlosses und des Weimarer Rathauses. Neun aus Glockenaufnahmen entwickelte Kompositionen bildeten einen Zyklus, der sich nach drei Tagen wiederholte. Für Die Sammlung Weimar schuf Minard eine leise Klangspur, die über eine im Zentrum des Raumes platzierte Stahlplatte hörbar wird und in der die neun Kompositionen mit dem kontinuierlichen Klang der ursprünglichen Glocke verwoben sind.
In Saved Skin – Gerettete Haut hat Tom Fecht im Jahr 1999 sieben Foto-Studien des Auschwitz – Überlebenden Henri Gourarier geschaffen. Einst hieß er Heinz Leibowicz und hatte Søren Kierkegards Tagebuch eines Verführers aus der Häftlingsbibliothek des KZ Buchenwald entliehen.
Tower of Torment der israelischen Künstlerin Sigalit Landau ist ein künstlerisches Gedenkprojekt zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwalds. Auf dem Balkon an der Außenfassade des Turms des ehemaligen Gauforums Weimar erscheint eine Person mit einem Farbroller und beginnt, den Bereich um das Fenster herum mit schwarzer Farbe radial zu streichen. Das Fenster wird zur Wunde und zur Leere. Nachdem der Kreis geschlossen ist, wird es dunkel. Ein anderer Performer setzt den Akt mit weißer Farbe fort, um das schwarze Mal zu überdecken. Landaus äußere Markierung vom Inneren des Turms nach außen weist darauf hin, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt.
Cornel Wachters BCHNWLD (1996-) ist eine Simulation seines seit drei Jahrzehnten gehegten Plans, mit ca. 18 bis 20 Meter hohen Lettern das Wort „Buchenwald“ ohne Vokale vor den Waldstreifen an der Blutstraße auf den Hang des Ettersbergs zu schreiben, um den Ort weithin kenntlich zu machen.
Ulrike Theusners großformatige Kohlezeichnung Buchenwald (2008) eröffnet die Aussicht auf das Mahnmal Buchenwald, diese rituell anmutende Architektur, die vor einem düsteren Wald liegt – alles erscheint wie eine alptraumhafte Szene, entspringt aber dem reellen Ort. Das Bild selbst wird zu einem Mahnmal gegen das Vergessen.
Das Steinmal von Günther Uecker wurde zur Eröffnung des Kunstfest Weimar 2023 unter der kuratorischen Leitung von Rolf C. Hemke auf dem Theaterplatz Weimar realisiert. Die aus zahlreichen, vom Künstler persönlich geschichteten Steinen gefügte Installation erinnert an die Opfer des KZ Buchenwald. In ihrer additiven Struktur nimmt sie Bezug auf die Setzungen und Verdichtungen jüdischer Friedhöfe, in denen Steine als Zeichen des fortdauernden Gedenkens niedergelegt werden. Es war die letzte große öffentliche Installation des Künstlers.
Die dokumentarische Fotoserie Asservate von Naomi Tereza Salmon zeigte anfänglich Relikte des Holocausts in Yad Vashem, der zentralen Gedenkstätte des Staates Israel. Die Habseligkeiten ermordeter Häftlinge. Diese Serie weitete sich zunehmend auf andere, ähnliche Orte aus und wurde so letztes Zeichen, Spur der Erinnerung, Denkmal, Echo. Eine Anklage oder Beweis für begangene Verbrechen des Nationalsozialismus.
Die fünf von einem beweglichen Gefährt aus mit langer Belichtungszeit aufgenommenen fotografischen Bilder Forest Road (Waldstraße, 2012) wurden auf der Straße nach Buchenwald vom Video- und Performancekünstler Naufús Ramírez-Figueroa produziert. Diese Serie wurde produziert, um zu zeigen, was es bedeutet, Tourist in einer Stätte wie Buchenwald zu sein. Einem Ort mit den Schmerzen und Qualen der Vergangenheit.
Auf dem linken Flügel des St. Evestace Triptych (1993), einem Gips-Ton-Relief Neil Taylors, erinnert ein Hirsch mit prächtigem Geweih an den Zeitvertreib der Schlossbesucher*innen früherer Jahrhunderte. Auf dem rechten Flügel symbolisierten Konturen eines nackten Menschen eine neue Dimension. Die Tierjagd wurde von der Menschenjagd abgelöst. Seinen eigenen Körperabdruck umgab Taylor mit Abdrucken von Maschinengewehrkugeln, die er in Buchenwald gefunden hatte. Dazwischen ist eine Sonnenblume in Blüte und mit Samenkörnern abgebildet. Seit 1993 hängt das Relief in der Schlosskirche Ettersburg bei Weimar.
Der Dreieinhalbminutenfilm I am not afraid of falling down (2015) zeigt Maayan Mozes Platnic in der Weimarer Buslinie 6. Seine Endstation ist das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Sie nutzte ihren Körper als Werkzeug: „...um meine Zugehörigkeit zu dem Ort zu erforschen, an dem ich mich befinde. Indem ich mein Körpergewicht einsetze, verhindere ich, dass ich auf dem Weg nach Buchenwald hinfalle.“
Die 11. Ausgabe des Genius Loci Weimar Festival für Videomapping und Medienarchitektur fand vom 30. August bis 1. September 2024 erstmals in Buchenwald statt: Internationale Künstlergruppen interpretierten mit ihren Audio-, Licht- und Videoinstallationen die Architektur und Elemente des 1958 als Nationaldenkmal der DDR nahe den Massengräbern des Konzentrationslagers Buchenwald am Südhang des Ettersbergs errichteten Mahnmals.
Ivan Moudovs 14:13 Minuten Priority (2005) dokumentiert eine Weimarer Performance aus sieben Autos, die im stets Vorrang habenden Kreisverkehr fuhren, der die Innenstadt, die Vororte und ein Einkaufszentrum miteinander verbindet. So wurde der Verkehr für alle, die während der Hauptverkehrszeit in den Kreisverkehr einfahren wollten, effektiv blockiert. Bis die Polizei kam.
Am 1. Mai 1993 fand auf dem Weimarer Marktplatz eine vom Verein C. Keller und Galerie Markt 21 organisierte Lach- und Kampfdemo statt. Als eine Art Reenactment. Hunderte Bürger*innen defilierten – diesmal gespielt – wie einst zum Kampf- und Feiertag der Werktätigen mit Winkelementen und Bannerlosungen an einer mit „DDR-Staatsoffiziellen“ gefüllten Tribüne an der Marktsüdseite vorbei.
Die DDR-Bilder des Fotografen Thomas Hoepker zeigen uns authentische Diktatur-Ikonen und totalitäre Hässlichkeiten in vollendeter Schönheit. 1974 wurde Hoepker für das Magazin „Stern“ als Fotograf in der DDR akkreditiert. Auf der 1000-Jahr-Feier Weimars kam Thomas Hoepker in Kontakt mit Student*innen und fotografierte Festumzüge und die zerfallende Altstadt. Er besuchte das Goethehaus und das Filmset des DEFA-Spielfilms Lotte in Weimar.
Der Dokumentarstreifen Brüder und Schwestern (1990) des Dokumentarfilmers Pavel Schnabel ist „eine ironische Wendechronik von herausragender historiografischer wie künstlerischer Qualität“, schreibt die Filmwissenschaftlerin Borjana Gaković. Der Film zeigt die alte DDR und die Irritation nach dem rasanten Wechsel und vermittelt Alltägliches aus den beiden so verschiedenen Welten in atmosphärisch dichten Bildern.
Im Zuge seiner Schau zur Geschichte und Gegenwart des Weimarhallenparks 2021 entdeckte Konstantin Bayer im Stadtarchiv Fotografien von heute nicht mehr existenten Objekten und Architekturen. Auf deren Basis fertigte er 3D-Drucke an, die er mit den historischen Bildern kombinierte. Um die Erinnerung wachzuhalten. Ergänzt vom Fund des originalen Fohlens, einer Bronzeskulptur von Wolfgang Rommel (1939–1995). Akten mit historischen Informationen begleiten die Installation.
Als Vik Muniz nach 9/11 einst persönlich vom Department of Homeland Security in New York verhört wurde, nutzte er die kafkaeske Situation und unangenehme Erfahrung dieses Vorfalls als Inspiration und Ausgangspunkt: Während eines ACC-Aufenthalts 2004 machte Vik Muniz Tausende Fotografien von Objekten, die er ihres historischen Charakters zu berauben versuchte, um sie mit einer neuen, fesselnden Qualität auszustatten. Die Akte Weimar (2004) ist eine Zusammenstellung offener Aspekte und vergessener Phrasen, die alles der Vorstellungskraft und Erfahrung der Betrachtenden überlässt, die sich Ordnung und Bedeutung selbst zusammenstellen.
Felix Rufferts Arbeit light violet 26 besteht aus einem Siebdruck und einem an Margot Honecker nach Chile verschickten Brief vom 18.11.2004. Letzteren hatte sie unbeantwortet zurück gesandt. Margot Honecker, durch ihre auffällig violett gefärbten Haare „lila Eminenz" genannt, war die von 1963 bis 1989 äußerst umstrittene Ministerin für Volksbildung in der DDR. Als visueller Anker streift uns beim Durchschreiten des Türrahmens der Farbton „light violet 26".
Der Weimarer Fotograf Anselm Graubner dokumentierte u.a. für die „Thüringische Landeszeitung“ die Zeit der politischen Veränderungen in Weimar. Von der Maidemo 1989 über Wahlkampfveranstaltungen, Vertragsarbeiter im Weimar-Werk und Offiziere der Sowjetischen Armee im Jahr 1990. Auch die ersten Besitzer und Sanierer des Wohnhaus-Projekts Friedensstraße 20 wurden zum markanten fotografischen Dokument.
Auch der Weimarer Fotograf Maik Schuck hielt seine Weimarer Wendezeit in privaten Bildern fest: So in Weimar-Legefeld im April 1989, auf dem Theaterplatz am 1. Mai 1989, auf der Markt-Nordseite 1990, vor der Galerie Markt 21 anlässlich einer Vereinsversammlung im Verein C. Keller 1990. Im Herbst 1990 porträtierte er eine russische Familie in der Lützendorfer Straße.
In sechs ausgewählten Schwarzweiß-Fotografien aus der Wendezeit Weimars zwischen 1989 bis 1990 spannt der Weimarer Fotograf Claus Bach einen Bogen markanter Momente des gesellschaftlichen Umbruchs jener Jahre, die heute zu Ikonen geworden sind: Von der größten Kundgebung in der Dichterstadt am 19. November 1989 und der ersten Demonstration gegen aufkommenden Neonazismus. Über Erscheinungsformen des Wahlkampfes zur ersten freien Wahl zur Volkskammer der DDR und einer Demonstration von Frauen im Herzen der Stadt. Bis zur Attacke von Neonazis auf das besetzte Haus Gerberstraße 3 am 2. Oktober 1990, dem Vorabend der Wiedervereinigung.
Einst fusionierten Walter Sachs und Ulrich Panndorf zum Kunstkombinat Sa & Pa für Glaspyramiden. Frisch eingeweckt und konserviert kamen die edelsten Früchte des damaligen Weimar als Sieben auf einen Streich zum Preise von einem (1996) zur Anschauung: Die Sieben für Weimar in Form von farbigen Früchten aus Kerzenwachs = Paraffin in alten Einweckgläsern und getöntem Wasser. Jedes Glas trug ein Etikett, jede Kopffrucht schwamm zu Nutz und Frommen für Weimar im eigenen Fruchtwasser. Wer sich zum Obst machte, entschieden die Kombinatsleiter. Das war vor dreißig Jahren, und die Früchte sind deutlich gealtert.
Die zu Krisenzeiten obligatorische Rückbesinnung auf solide Werte erfuhr mit Claus Bachs Minibillard Wenn Köpfe rollen (1996) eine spielerisch zugespitzte Renaissance. Im Gesellschaftsspiel wurden die Karten neu gemischt – neue Runde, neues Glück! Auf den Spielkugeln waren meist bekannte zeitgenössische Köpfe unterschiedlichsten Ranges zu sehen, die sich, lustig getrieben vom Spielzeugqueue, bei entsprechendem Spielverlauf gegenseitig aus dem Rennen kickten
sprach-platz-sprache (1999) stellt Mischa Kuballs Ausstellungsidee zu Licht auf Weimar – die ephemeren Medien (1999, Kurator: Ulrich Krempel) vor. Vom Turm des 1937 von den Nazis begonnen Gauforums sollte ein Scheinwerferkegel über den inzwischen zum Parkhaus modifizierten Aufmarschplatz des Ensembles wandern und so die Komplexität von unseliger Geschichte und ihrer baulichen Nachwirkungen sichtbar machen. Sein plötzliches Innehalten hätte eine Klangstruktur ausgelöst, die sich in nicht dekodierbarer Sprache akustisch auf dem Platz verortet. Verhindert wurde die Realisierung vom Gebäudenutzer, dem Thüringischen Landesverwaltungsamt. Begründung: Eine mögliche Vergleichbarkeit mit den Suchscheinwerfern des ehemaligen KZ Buchenwald oder Albert Speers pompösen Lichtdomen.
Auf Einladung der Weimar 1999 — Kulturstadt Europas GmbH und ihrem Generalbeauftragten Bernd Kauffmann wollte Daniel Buren, dessen Abfolgen von 8,7 Zentimeter breiten weißen und farbigen Streifen zu seinem Markenzeichen wurden, den Rollplatz der Klassikerstadt umgestalten. Aus über 100 Betonsäulen verschiedenster Höhen sollte ein bunter Stelenwald entstehen. Stattdessen brach ein Sturm los. Die Bürgerschaft gab sich gespalten. Teile äußerten Entsetzen, andere demonstrierten engagiert für das Projekt für den Rollplatz (1997–99). Am Ende blieb er ordinärer Parkplatz.
1998 war Weimar auf dem Weg zur ersten Kulturstadt Europas aus dem ehemaligen Ostblock. Euphorie mischte sich mit Hoffnung, Stolz mit Übermut. Naomi Tereza Salmon, Claus Bach, Andrea Dietrich und Frank Motz fingen dieses Lebensgefühl in ironisch angeschrägtem Stil ein und erweckten für den Nachmittag einer Fotosession durch Weimar den Anschein der Bildung einer Halbstarken-Gang mit Lederjacken, deren Rücken die Aufschrift „Weimar 1999 – Kulturstadt Europas“ (statt „Motörhead“ oder „Iron Maiden“) trugen.
Den ersten Entwicklungsroman der Aufklärung Die Geschichte des Agathon (Christoph Martin Wieland) verfasste Dimitrios Antonitsis, teils mit Wielands Originaltexten, als 160-seitigen Fotoroman Agathon or Panic in Weimar (2000) neu. Er setzte den Plot von der griechischen Mythologie ins heutige Weimar, kombinierte Modelästhetik, Wirtschaftswerbestil und High-Society-Gebaren mit der Brutalität von Nazi-Vergangenheit und KZ Buchenwald. Er zeigte die latente, subtile Erotik der Gewalt und den fortschreitenden Verfall humanistischer Ideale. Halb Weimar und Berlin – von Tim Fischer über Desiree Nick bis Zazie de Paris, von Polizeichef Ralf Kirsten über die Band Rockpirat bis zur Zwiebelmarktkönigin Inka Walter – posierten für über 2.000 Fotos.
Als Renée Ridgway nach Weimar kam, war dem Wiesenstück im Ilmpark, das vormals die Kopie von Goethes Gartenhaus trug, seine einjährige Bürde noch deutlich anzusehen. Jedes Kunstwerk zeichne sich durch eine individuelle Aura aus, die durch Reproduktion verloren ginge, so Walter Benjamins These. Ridgway fragte, ob die Kopie vielleicht gerade durch ihr Verschwinden einen neuen auratischen Raum erzeuge. Antwort erhoffte sie von 5.000 aus den Niederlanden importierten Tulpen der Sorte Kaufmanniana Showwinner, gepflanzt als natural environment HERZBLÜHT (2001) an der Stelle der Gartenhauskopie und das Wort ERSATZ formend.
Auch der der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe bekam 1999 sein süßes Denkmal: Die Geheimratsecken in vier Geschmacksrichtungen, die in einer transparenten Kunststoffhülle zur massiven Pyramide zusammengefügt werden konnten. Joachim B. Schulze & Kay Voigtmann entwickelten diese Thüringer Confiserie-Spezialität zusammen mit der Chocolatier Swiss Confiseur Läderach AG. Formvollendet präsentiert sich die Köstlichkeit in einer eigens von beiden Künstlern entwickelten Verpackung in Form eines Tetraeders mit Goldprägung. Der unverwechselbare Stil des Künstlers Kay Voigtmann verbirgt sich im Inneren der Packung. Die Bezeichnung der Pralinés findet ihre doppeldeutige Entsprechung in lichten Schläfen.
Die New Yorker Künstlerin Barbara Bloom hat die Geschichte der Stadt in eine Pralinenschachtel gepackt. Titel ihres in einer Auflage von 900 Exemplaren erschienenen Werks: Weimar – Vergangenheit, . . ., Zukunft und jetzt? (1996). Aufgemacht wie ein Buch, enthält die Verpackung zwölf Schokoquader, in Goldfolie verpackt. Die Tafeln inklusive Folie sind mit Prägungen der Silhouetten berühmter Persönlichkeiten versehen. Unter jeder Schokoladentafel befindet sich ein kleines Booklet mit Erläuterungen – von Anna Amalia über Friedrich Nietzsche bis Ernst Thälmann.
Ein verlassener „Neubau” am Ortseingang von Weimar (Buttelstedter Straße/Richtung Schöndorf) wird durch bunte Lichter wiederbelebt – unscheinbar am Tag, weithin sichtbar bei Nacht. Die Lichtinstallation Leuchtturm und die Fotoserie Interiors/Innenansichten (beide 2004) stammen von Cornelia Erdmann. Für einen Moment scheint es, als seien die ehemaligen Bewohnenden zurückgekehrt. Auf den zweiten Blick jedoch entlarvt sich der heruntergekommene Zustand der Räume. Die Spuren der Geschichte werden sichtbar.
Die Künstlerin Elfi E. Fröhlich, die 25 Jahre an der Bauhaus-Universität Weimar Freie Kunst lehrte, hat ihren Blick in der Fotoarbeit von 2020 mit TEMPS HEUREUX (Glückliche Zeiten) (Hommage à Oskar Schlemmer) betitelt. Durch Doppel-Spiegelungen auf einer Glastür im Van de Velde-Bau Weimar entstand eine Ansicht von zwei sich gegenüberliegenden Wandarbeiten des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer, die vor Ort so nicht zusammen gesehen werden können.
Im Ergebnis von Leila Tschopps Weimarer Forschungsarbeit entstanden zwei Raumsituationen namens Ideal Models (2010/2011) aus architektonischen Anordnungen auf Wänden, Holzfaserplatten und Leinwänden. Als Staffagen aufgebühnt kann der Betrachter hinter deren Kulissen blicken und in einen fiktionalen Raum tauchen. Tschopp ließ sich von ihren Weimarer Stadtraumerfahrungen zu diesen ortsspezifischen, absichtsvoll flächig gehaltenen Raumgemälden inspirieren.
Vier Aquarelle von Torsten Schlüter bebildern die Ruine des Neorenaissancebaus, der 1869 als Großherzogliches Museum gegründet und in der Weimarer Republik unter dem Namen Thüringisches Landesmuseum zu einem Forum zeitgenössischer Kunst wurde. 1939 sahen im Gebäude 50.000 Besucher*innen die Ausstellung „Entartete Kunst“. Nach Bombenangriffen wurde das Museum 1945 beschädigt, verfiel danach und wurde 1999 als Neues Museum Weimar wiedereröffnet. Die ACC Galerie war 1990 die erste Initiative, die dort wieder Konzerte veranstaltete.
Peter Stechert stellt 17 Skizzenbücher vor, rotzig an die Wand gepinnt nebst zweier loser Blätter, vermutlich herausgefallen oder beabsichtigt hervorgehoben. Eines davon könnte vermutlich als Motto fürs Gesamtarrangement herhalten: „Der Wein trinkt sich nicht gut, er wird gut getrunken.“ Peter Stechert gibt uns einen Einblick in Hunderte mit Kuli, Bleistift, Wachs, Kreide oder Tempera hingeworfene Privatnotizen, Erinnerungen, Saufparolen, Gedichte, Prosatexte, Porträts und Szenezeichnungen – allesamt Zeitzeugnisse nächtlicher Gesellschaften in der Kultkneipe „Zum Falken“ in der Trierer Straße.
Der graue Eindruck in ostdeutschen Städten wurde durch die Umweltauswirkungen der Verwendung von Braunkohle verstärkt, die in der DDR reichlich vorhanden war. Braunkohle birgt hohe Konzentrationen an Schwefel und Asche in sich und war eine ökologische Katastrophe. Die versmogte Straße Weimars, die Fotograf Ulrich Wüst im November 1989 mit starker Bildwirkung festhielt, sind ein Beweis für diese unheimliche Gefahr. Die Stadt war oft in einen schwefelhaltigen Dunst gehüllt.
In ihrer Weimarer Zeit entdeckte Amanda Dunsmore 917 aussortierte Straßenschilder, die nach Weststandard durch Plastikschilder ersetzt werden mussten und auf ihre Entsorgung warteten. Als Hüterin dieser Symbole der Stadtgeschichte arbeitete sie die Emailleschilder, die Namen wie „Straße der Jungen Pioniere“, „Karl-Marx-Platz“ oder „OdF-Siedlung“ trugen, auf, archivierte sie in 40 Objektkisten in der „Halle Roter Oktober“ und verwandelte mit ihnen einen Galerieraum ins blaue Schildermeer DER PLAN (1997).
Schreiben heißt für Victor del Oral, durch die Klischees der Geschichte zu gehen und ständig in Schlaglöcher zu fallen. Er griff die Texturen von Nietzsches Schweigen während seiner letzten Weimarer Jahre auf und verwandelte sie in eine Choreographie aus zehn Buchmasken, die sein Denken in unserer Gegenwart sowohl enthüllen als auch verdunkeln sollten. In der öffentlichen Performance Better not to speak schlüpfte er in die Rolle des berühmten Philosophen. Nietzsches Schnurrbart als Vorhang, sein Mund als Bühne.
Eines der weiteren Werke war ein silberfarbenes ovales Serviertablett mit der Aufschrift Weltschmerz – ein von dem deutschen Schriftsteller Jean Paul geprägter Begriff und in vielen Sprachen verbreiteter Germanismus.
Víctor del Oral / Willie Gurner produzierten mittels Ständer, Buch, Lametta, Zimmerventilator, Taschenlampen und Projektion auch Nietzsche’s Moustache (2019/2020). Ein Zimmerventilator simuliert Víctor del Orals Atem, mit dem er in seiner Performance als Nietzsche mit langen Bart die letzten Herzschläge des Philosophen in Bewegung versetzte. Vorrichtungen wie der Lampenständer sind Teile von Skulpturen, die den Akt des Schreibens und Lesens in ihrer eigenen Struktur re-interpretieren.
Am 25. August 2000 (Friedrich Nietzsches 100. Todestag) ließ sich Renée Ridgway des Nachts mit sechs Mitstreiter*innen im Nietzsche-Archiv am Weimarer Silberblick (2001) einschließen, um den diesseitsgläubigen Philosophengeist durch eine Seance-Performance zu Äußerungen über die Wahrscheinlichkeit einer Welt jenseits der Erscheinungen zu verlocken, was Installation, Video und Fotos bezeugten.
In der beliebten japanischen Comedyserie Shoten bekam der sitzende Comedian jeweils ein weiteres Kissen untergeschoben, wenn sein Witz besonders gut angekommen war. Makoto Aidas Kissenturm Nietzsche (1998) reichte bis zur Decke, wenn nicht bis zum Himmel. Darauf saß der imaginäre Philosoph – schon nicht mehr zu sehen –, dessen geistige Umnachtung ihn in Weimar einen irrealen Jauchzer hervorbringen ließ, mit dem er sich in die Ewigkeit hinauflachte.
Ob es sich bei dem Objekt Jenseits von Gut und Böse – aus dem Badezimmer von Friedrich Nietzsche (1997) um ein originales Relikt aus der Villa Silberblick handelt oder um ein Fake des Künstlers Norbert W. Hinterberger, ist dem Werk auf den ersten Blick nicht anzusehen ... Im Titel wird auf Nietzsches gleichnamige Schrift Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (1886) verwiesen und zugleich auf einen privaten Gebrauchszusammenhang angespielt. Statt ‚warm’ und ‚kalt’ ist auf den weißen Hebeln ‚gut’ und ‚bös’ zu lesen.
In Alexandros Psychoulis’ skurriler Computeranimation Nietzsche’s Last Song (2003) entwickelte der markante Philosophenbart sein Eigenleben.
In The Weimar Conspiracy (2007) spielte Lene Berg mit Konzepten von Geschichte und Tourismus, mit dem kollektiven Gedächtnis. Trotz touristischer Kameraperspektive war die unsichtbare Erzählfigur des Films nicht in der Lage, Weimars Vergangenheit, Orte und Denkmale zu verstehen, „entschlüsseln“ und interpretieren, denn ihr fehlte europäisches Hintergrundwissen.
Wie hatte Friedrich Nietzsches Lachen ausgesehen, wie hatte es sich angehört, in welcher Beziehung steht es zu seinen Schriften übers Lachen? Lene Berg selbst gab die Antwort in der Animation Sketches of „Nietzsche’s Laughter“ (2007).
Die Performance von Cornel Wachter und Elmar de Saint Schmitt des Kölner Künstlerduos UnterbezirksDada (1984-2001) auf dem Theaterplatz Weimar fand in Erinnerung an Dada-Vorväter Johannes Baader und Richard Huelsenbeck statt. In einer Formation von 50 auf dem Theaterplatz angeordneten Stühlen sägten sich diese 1991 viele Weimarer*innen selbst unterm Hintern weg, bis sie gänzlich umkippten.
Der Weimarer Fotograf Claus Bach hat mittels Lichtinszenierung in der Dämmerung Skulpturen und Bauwerke Weimars in den berühmten Grundfarben des Bauhauses – rot, gelb und blau – zeitgenössisch interpretiert. Herausgekommen ist die bislang über fünfzigteilige Fotoserie RGB_#100 (2008-2024). Eine spannende, in Teilen expressionistische fotografische Hommage an den viel zitierten ambivalenten Geist des Ortes.
Bei Nebel überzeichnete Sebastian Jung Mitte Februar 2026 in der Gedenkstätte Buchenwald 102 historische Vogelillustrationen. Die Linien verdecken die Augen der Vögel.
In Weimars Goethepark entstand aus Skizzen und aufgebühnten, episodischen Kurzperformances Yochai Avrahamis Film zur Installation Mistrust the Parks (2007-08). Mit beweglichen Kunstfiguren aus industriegefertigten Gebrauchsgegenständen kombinierte er Bildhauerei, Freilufttheater und die Kultur der (Irr-)Gartenspiele in Parkanlagen.
2014 arrangierte Santiago Contreras Soux im Ilmpark eine dreiwöchige organische Intervention namens DU WIRST NICHT IN DIE GESCHICHTE EINGEHEN. Der Satz wurde zunächst mit Erde gezeichnet, dann wurden Kräutersamen ausgesät, worauf sich die entstehende Vegetation in die bereits vorhandene des Parks einfügte. Während der Dauer des Kunstfestes goß der Künstler die Kräuterpflanzen, um ihr Wachstum zu fördern. Während die Kräuter wuchsen, verschwand der Satz im Gras.
Gibt es die Natur? Und wenn ja, wo? Der „Park an der Ilm“ in Weimar ist ein sich ständig weiterentwickelndes Wahrzeichen, das von der UNESCO als Kulturerbe geschützt ist. Mehrere Orte im Park wurden mit der Absicht geschaffen, Phänomene und Ästhetik der Natur nachzuahmen. Der Zwanzigminutenfilm The Sorrows of Nature (2025) von Lea Maria Wittich hinterfragt die konzeptuelle Trennung von Natur und Kultur im Hinblick auf die damit einhergehenden soziopolitischen, ökologischen und ökopsychologischen Konsequenzen.
Cornel Wachters Goethekelch (2018) aus Bronze kann zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln führen. Man sieht einen Kelch (einmal) und den jungen Frankfurter Goethe (zweimal) … als Schattenriss.
„Das Album Weimar ist aufgeschlagen“, so heißt es angesichts der interaktiven Installation mit 600 Fotokarten neubelichtung, ein album für Weimar (2026), und es „lädt ein, das Gestern, Heute und Morgen neu zu arrangieren“. Die Bilder – ausschließlich aus Weimar – stammen aus dem umfangreichen Archiv vergessener Privatfotografien, der FOTOTHEK von Anke Heelemann.
Das Louis-Held-Archiv: Weimars fotografisches Gedächtnis. Das Bild zeigt die Weimarer Maschinengewehr-Kompagnie auf dem Hof der Streichhan-Kaserne im August 1914. Der Erste Weltkrieg hatte sich gerade entzündet, halb Europa erklärte sich gegenseitig den Krieg. Der Fotograf, der diese Formation aufnahm, war Louis Held. Er dokumentierte wie kein anderer die Mächtigen, Schönen und Gelehrten, aber auch Alltagsszenen im ausgehenden 19. bis hinein ins 20. Jahrhundert in Weimar. Louis Helds Arbeit mündete in ein bedeutendes Fotoarchiv. Seine Tochter Ella Beyer-Held, ihr Assistent Paul Bucher sowie Eberhard Renno und sein Sohn Stefan Renno, der heute das Atelier führt, steuerten eigene Aufnahmen jeweils aus ihrer Zeit bei. Familie Renno ist es zu verdanken, dass das Archiv in seiner Größe und Vollständigkeit heute noch existiert. Man könnte es das fotografische Gedächtnis Weimars nennen. Dort lagern 140 Jahre Fotografie – 140 Jahre Weimar. Man kann nur erahnen, was sich in diesem Archiv, in den Regalen mit Zehntausenden von Glasplatten und Filmnegativen noch verbirgt.
Beteiligte
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Erste Eindrücke
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Wir bedanken uns.
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Förderer
Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Kulturstiftung des Freistaats Thüringen
Stadt Weimar
Förderkreis der ACC Galerie Weimar
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Weitere Bilder
Benedikt Braun, «3 große deutsche», Farbfotorafie, 2025., Bild: Claus Bach -
Sonya Schönberger, «Goethes Topfpflanzen und wir», Installation, 2020., Bild: Claus Bach -
Nedko Solakov, «Sexual Harassment», Videoinstallation, 1997., Bild: Claus Bach -
Uwe Kowski, «Goethes Kinderzimmer», Holzskulptur, 1994., Bild: Claus Bach -
William Wegman, «Sisters», Polaroid, Sammlung Andrea und Jörg Dietrich, 1994., Bild: Claus Bach -
Vollrath Hopp, «...L. kommt nicht », Öl/Lwd., 2012/14 , «...mit Winter Mitteltafel», Öl/Lwd., 2013., Bild: Claus Bach -
Charlotte Seidel, «...Eure Charlotte», Performance, 2007., Marianne Buttstädt, «Black Johann», Vibrator im Goethe-Design, 1999., Nicolas Vionett «Baumstumpf», Fotoserie, 2009., Bild: Claus Bach -
Maria Vill/ Kerstin Hanisch/ Steffen Mittelsdorf, «Goethe goes Wladiwostok», 1999., Bild: Claus Bach -
Kathrin Schlegel, «Modified Nautilus», Objekt, 2011., Bild: Claus Bach -
Andrea Theis, «Reviewing Image Disturbance», Fotoserie, 2011., Bild: Claus Bach -
Liz Bachhuber, «Hochwasser an der Ilm. Pegelstand 2», 2026., Bild: Claus Bach -
Markus Schwander, «Weimar 1996», Objektinstallation, 1996., Bild: Claus Bach -
Anja Bohnhof & Karen Weinert, «Privatbibliothek der Herzogin Anna Amalia Wittumspalais, Klassik Stiftung Weimar», 2015, Bild: Claus Bach -
Galerierundgang: Flur, Bild: Claus Bach -
Sophia Dona, «Der Balkon», Objekt, 2010 (links)., Bild: Claus Bach -
Rodrigo Arteaga, «Continuity of Parks», Objektinstallation, 2026., Bild: Claus Bach -
David Mannstein, «Jedem das Seine», Tapete, 1998-2026., Bild: Claus Bach -
Åsa Elzén, «Ohne Titel», Steinsalzfigur, ehemaliges Gauforum Weimar, 1997., Bild: Claus Bach -
Benedikt Braun, «Nach dem Dritten Reichts», Baumwollshirt, 2009/2018., Bild: Claus Bach -
Robin Minard, «Nachklang», Installation, 1999., Bild: Claus Bach -
Tom Fecht, «SAVED SKIN, Portrait Henri Gourarier», s/w Foto, 1999., «6 LACHER I-VI», monochrome Fotos, 1999., «Dokumentation Vitrine, Auszug aus dem Buch aus der Häftlingsbibliothek KZ Buchenwald», 1937-1945., Bild: Claus Bach -
Sigalit Landau, «Tower of Torment», 2025., Cornel Wachter, «BCHNWLD», Fotosimulation, 1996., Ulrike Theusner, «die aussicht», Kohlezeichnung, 2008., Bild: Claus Bach -
Günther Uecker, «Steinmal», interaktive Installation, 2023 (Drohnenaufnahme: Thomas Müller/ Szenenfotos: Candy Weltz)., Bild: Claus Bach -
Naomi Tereza Salmon, «Asservate Exhibits, Auschwitz, Buchenwald, Yad Vashem», Fotografien, 1994., Bild: Claus Bach -
Maayan Mozes Platnic, «I am not afraid of falling down», 2015., Bild: Claus Bach -
Ivan Moudov, «14' 13" Minutes Priority», 2005., Bild: Claus Bach -
Thomas Hoepker, «Weimar 1975», Colorfotografien, Archivprints, 2026., Pavel Schnabel, «Brüder und Schwestern», Film, 1991, Bild: Claus Bach -
Konstantin Bayer, «SPRINGENDES FOHLEN/ Westeingang - PARK DER SOWJETISCHEN OFFIZIERE» aus der Serie «Der Weimarhallenpark», Installation, 2021., Bild: Claus Bach -
Vik Muniz, «The Weimar file», 2004., Thomas Hoepker, «Weimar 1975», Colorfotografien, Archivprints, 2026., Bild: Claus Bach -
Felix Ruffert, «light violet 26», Siebdruck, Brief, Violet UV LED Leuchte im Türrahmen, 2004/2026., Bild: Claus Bach -
Claus Bach, Anselm Graubner, Maik Schuck, Weimar-Fotografien, 1989-1999., Bild: Claus Bach -
Kunstkombinat SA und PA, «Sieben zum Preise von Einem», Objekte, 1996., Bild: Claus Bach -
Claus Bach, «Wenn Köpfe rollen», Prominenten Billard, 1996., Bild: Claus Bach -
Mischa Kuball, «SPRACH PLATZ SPRACHE», Fotografie, Lichtinstallation, 1999., Bild: Claus Bach -
Daniel Buren, «Projekt für den Rollplatz», Installationsentwurf, 1997-1999., Bild: Claus Bach -
Kulturstadt Weimar, «Lederjacken-Performance», 1999., Bild: Claus Bach -
Dimitrios Antonitsis: «Die Geschichte des Agathon» Nach Christoph Martin Wieland, Fotoroman, 1999., Bild: Claus Bach -
Renée Ridgway, «HERZBLÜHT», natural environment, 2001., Kay Voigtmann, Joachim B. Schulze, «Geheimratsecken» Erfindung und Design von Goethepralinen 1999., Bild: Claus Bach -
Cornelia Erdmann, «Leuchtturm», Lichtinstallation/Videodokumentation, Interiors - Innenansichten, Fotoserie, 2004., Bild: Claus Bach -
Elfi Fröhlich, «TEMPS HEUREUX» (Hommage à Oskar Schlemmer), Archival Pigmentprint, 2020., Bild: Claus Bach -
Leila Tschopp, «Ideal Models», Öl/Lwd., 2010/11., Bild: Claus Bach -
Peter Stechert, Skizzenbücher, Aufzeichnungen im „Falken", 2004-2024., Torsten Schlüter, «Das Landesmuseum», Aquarelle, 1989., Bild: Claus Bach -
Ulrich Wüst, «Neblicht», Fotoserie, Weimar, Paul-Schneider-Straße., 08. Februar 1989., Bild: Claus Bach -
Renée Ridgway, «In einem Augenblick», Fotografien, 2001., Makoto Aida, «Nietzschekissen», Objekte, 1998., Norbert W. Hinterberger «Gut/Böse (Nietzsches Badewanne)», Objekt, 1998., Bild: Claus Bach -
Lene Berg, «Sketches for Nietzsche's Laughter», 2007., Bild: Claus Bach -
UnterbezirksDada, «interaktive Stuhlperformance», April 1991., Bild: Claus Bach -
Claus Bach, «RGB_#100», Colorfotografie, 2008-2022, Bild: Claus Bach -
Amanda Dunsmore, «Der Plan», Wandinstallation, 1997., Bild: Claus Bach -
Galerierundgang: Gang., Bild: Claus Bach -
Sebastian Jung, «Gedenkstätte Buchenwald bei Nebel am 14.02.2026», Zeichnung auf Kunstdrucken, 2026., Bild: Claus Bach -
Lea Maria Wittich, «The Sorrows of Nature», 2025, Bild: Claus Bach -
Santiago Contreras Soux, «Inertia», 2014., Bild: Claus Bach -
Cornel Wachter, «Goethekelch», Skulptur, 2018., Bild: Claus Bach -
Anke Heelemann | FOTOTHEK Neubelichtung, Ein Album für Weimar, Interaktive Installation mit 600 Fotokarten, 2026., Bild: Claus Bach -
Louis Held, vertreten durch Stefan Renno, Bernd Hartung, Archiv Held-Renno, Installation, 2026, Bild: Claus Bach




























































