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  • Galerie und Kulturzentrum in Weimar
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Ausstellungen

Die Sammlung Weimar

co-kuratiert von Claus Bach (Weimar)

Ausstellung So., 22.02.2026–So., 26.04.2026 in 13 Tagen

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Cornel Wachter, «Das große Heia machen», 2018., Bild: Cornel Wachter

Lesedauer etwa 2:22 Minuten

Wie sähe eine Sammlung Weimar aus, wenn es sie gäbe? Eine Sammlung, deren Werke Weimar selbst thematisieren, aufzeichnen, spiegeln, mit seinen Unebenheiten, Schlaglöchern, doppelten Böden und Schräglagen, mit seinen Orten, Personen, Mythen und Stereotypen?

Es gibt sie nicht, sie ist imaginär, eine «Unsichtbare Sammlung», um mit Stefan Zweig zu sprechen, obschon dessen Novelle mit den Worten endet: «Und ich mußte wieder an das alte wahre Wort denken — ich glaube, Goethe hat es gesagt —: ‹Sammler sind glückliche Menschen.›» Unglaublich, dass sich Weimar dieses Glück nicht leistet. Wenngleich es eine üppige Anzahl von Werken aus den zurückliegenden Jahrzehnten gibt, die ein aufschlussreiches, sinnliches, bisweilen entwaffnendes Bild des weltgewandten wie kleingeistigen Ortes zu zeichnen wüssten. Im Folgenden einige Beispiele:

Nach einem Besuch der Salzmine Merkers und des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald meißelte die schwedische Künstlerin Åsa Elzén aus Salzblöcken mehrere androgyne Büsten (1997): gesichtslose Torsi, die sie im öffentlichen Raum platzierte, so auf dem Balkon des so genannten «Hitlerturms» am ehemaligen Gauforum. Im Auftrag Nedko Solakovs verführten in Sexual Harassment (Sexuelle Belästigung, 1997) fünf bekannte bulgarische Kunstkritiker*innen Weimars historische Größen — ausnahmslos mit mimischen Mitteln und vor laufender Kamera. Mit teils unmissverständlichen Lippenbewegungen, Wimpernaufschlag und Zigarettenspitze näherten sie sich deren «geistiger» Präsenz. Maria Vassileva schwelgte, als sie an Goethe dachte, eher in Erinnerungen an das extrem delikate Stück Kirschcremetorte, das sie nach dem Goethehausbesuch 1983 verzehrt hatte. Iara Boubnova verführte Schiller — weil er die romantischere Person des Dichterpaars ist und jünger starb. Boris Danailov «vernaschte» Lucas Cranachs gemalte Frauenakte und Philip Zidarov stellte sich Charlotte von Stein (bzw. Thomas Manns Lotte in Weimar) vor, während Ilina Koralova Franz Liszt anmachte (oder besser dessen Filmdarsteller Julian Sands). Die Skulptur eines Kopfes wurde — in Erinnerung an einen Besuch der Gemächer des Dichterfürsten während der Kindheit Uwe Kowskis — als «Oberhaupt» der Klassikerstadt zum Ordnungsspeicher, das der Künstler Goethes Kinderzimmer (1994) nannte.

Das große Heia machen (2018) ist der Titel einer Bronzeskulptur des Kölners Cornel Wachter. Denn Goethe als Privatmensch war ein begeisterter Schläfer, für heutige Verhältnisse ungeheuer lang, nämlich zehn Stunden pro Tag. Diese andere Seite Goethes interessiert Wachter. Es geht nicht um die Zerstörung einer Büste, nicht um die Schmälerung der Verdienste des Gefeierten, sondern um den Menschen Goethe. Dieser sprach immer vom «Süßen Schlaf» als «reinstes Glück». Und liebte deshalb die mittägliche Siesta. An seine Geliebte Charlotte von Stein schreibt er: «Ich kenne nur zwei Götter: Den Schlaf und Sie.»

Weimars Jahrhundert-Überschwemmung im Frühling 1994 veränderte den Landschaftspark an der Ilm so stark, dass er plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand. Das Flüsschen hatte sich in einen strömenden See aufgelöst und dabei auch ein Stück Weimarer Geschichte aufgewühlt. Als das Wasser zurückging, fanden sich neben Schwemmholz und Müll auch Kleidungsstücke, alte Zeitungen, Briefe und Kinderspielzeug in den Büschen und Bäumen entlang des Flusses — Relikte der natürlichen Geschichtsschreibung, Zeugen von Turbulenzen unter Weimars Oberfläche, festgehalten in After the Flood (2008) von Liz Bachhuber.

Auf Einladung von Stadt Weimar und Weimar 1999 — ­ Kulturstadt Europas GmbH wollte Daniel Buren, dessen Abfolgen von 8,7 Zenti­meter breiten weißen und farbigen Streifen zu seinem Marken­zeichen wurden, den Rollplatz der Klassikerstadt umgestalten. Aus über 100 Betonsäulen verschiedenster Höhen sollte ein bunter Stelenwald entstehen. Stattdessen brach ein Sturm los. Die Bürgerschaft gab sich gespalten. Teile äußerten Entsetzen, andere demonstrierten engagiert für das Projekt für den Rollplatz (1997–99). Am Ende blieb der so schön wie eh und je: ein Parkplatz.

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