Im Schwebezustand. Eine fotografische Zeitreise durch das Jahr 1990
kuratiert von der Robert-Havemann-Gesellschaft
Ausstellung Do., 15.10.2026–Mi., 23.12.2026 also morgen
Lesedauer etwa 4:11 Minuten
Auf Friedliche Revolution und Mauerfall im Herbst 1989 folgte in der DDR ein Jahr, in dem bisher Undenkbares möglich schien. 1990 war ein Jahr des Aufbruchs – und gleichzeitig voller Widersprüche.
Der mit der Erstürmung der MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg am 15. Januar 1990 besiegelte Sieg über die Staatssicherheit und die erfolgreiche Einforderung von Demokratie beflügelte die Menschen. Die ersten Monate des Jahres waren geprägt von einem breiten gesellschaftlichen Diskurs über die Zukunft des Landes. Für die einen war Freiheit nicht mehr denkbar ohne Einheit, die anderen demonstrierten für einen demokratischen Neuanfang der DDR.
Die Volkskammerwahl vom 18. März stellte die Weichen für die schnelle Vereinigung. Mit der Einführung der D-Mark im Juli wuchs die Hoffnung auf Wohlstand, doch steigende Arbeitslosigkeit und soziale Veränderungen brachten bald auch Skepsis und Zukunftsängste.
15 Fotograf*innen, deren Arbeiten im Archiv der DDR-Opposition der Robert-Havemann-Gesellschaft bewahrt werden, zeigen die letzten Monate der DDR aus ihrer persönlichen Perspektive. Ihre Bilder zeigen ein Land „im Schwebezustand“!
Im Buch finden sich Fotografien von Volker Döring, Gerhard Gäbler, Anselm Graubner, Ann-Christine Jansson, Andreas Kämper, Jörg Metzner, Torsten Rütz, Andrea Schicker, Axel Usko, Cordia Schlegelmilch, Rainer F. Steußloff, Rolf Walter, Bernd Weu, Rolf Zöllner und Gerald Zörner.
___________
Volker Döring wurde 1952 in Berlin geboren. Ab 1975 arbeitete er als Lehrer an Schulen in Berlin-Prenzlauer Berg. Da er das System der DDR nicht mehr mittragen wollte, quittierte Volker Döring 1984 allerdings den Schuldienst. Dafür wollte er über philosophische Probleme in der Mathematik promovieren. Dies verwehrte ihm aber das Ministerium für Staatssicherheit, wie er später aus seiner Stasi-Akte erfahren konnte. Stattdessen widmete er sich vollberuflich seiner Leidenschaft, der Fotografie. Er arbeitete für Kultureinrichtungen, Theater und für verschiedene Zeitschriften, versuchte aber gleichzeitig auch seine Auffassung der DDR-Wirklichkeit in den Auftragsarbeiten abzubilden. In der Folge entstanden so beeindruckende Fotoserien über den DDR-Alltag in allen seinen Facetten.
Gerhard Gäbler studierte von 1986 bis 1992 Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seitdem arbeitet er als freischaffender Fotograf. 1990 war er Mitbegründer der Leipziger Fotoagentur punctum FOTOGRAFIE, für die er bis 2004 tätig war.
Anselm Graubner (*1968 in Wismar) studierte von 1989 bis 1992 Fotojournalismus an der Fachhochschule Dortmund. Ende 1989 kehrte er nach Weimar zurück und dokumentierte als Fotograf für die Thüringische Landeszeitung den gesellschaftlichen Umbruch und die Zeit nach dem Mauerfall. 1991/92 arbeitete er als Fotokorrespondent für die Kamtschatkaja Prawda in Russland.
Ann-Christine Jansson arbeitet seit 1980 als freiberufliche Fotojournalistin für internationale und deutsche Zeitungen und Magazine. In den 1980er Jahren dokumentierte sie die DDR-Opposition und konnte sich in deren Kreisen frei bewegen. Nach 1989 begleitete sie fotografisch unter anderem den gesellschaftlichen Transformationsprozess in Ostdeutschland.
Andreas Kämper arbeitete von 1978 bis 1986 als Bildreporter für ADN-Zentralbild und anschließend bis 1990 für die Wochenzeitschrift Für Dich. Seit 1991 ist er als freiberuflicher Fotograf für Zeitungen und Magazine tätig, darunter die Berliner Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und das Zeitmagazin. Daneben realisiert er eigene fotografische Projekte und Ausstellungen.
Jörg Metzner (*1965 in Gera) arbeitet seit den 1980er Jahren als Fotograf. Von 1990 bis 1996 war er als Fotograf am Theater an der Parkaue in Berlin tätig. Seit 1997 arbeitet er freiberuflich und realisiert fotografische Arbeiten in unterschiedlichen Bereichen.
Torsten Rütz (*1965 in Greifswald) fotografiert seit Mitte der 1980er Jahre die Greifswalder Altstadt und ihre Bewohner. Ausgehend von Architekturaufnahmen widmete er sich zunehmend der Dokumentation des städtischen Lebens und der gesellschaftlichen Veränderungen.
Andrea Schicker (*1958 in Dessau) arbeitet seit 2006 unter dem Namen „Schicker Fotodesign“ als Fotografin. Im Mittelpunkt ihrer fotografischen Arbeit steht insbesondere das Gartenreich Dessau-Wörlitz und der Wörlitzer Park.
Axel Usko (*1969 in Erfurt) beschäftigte sich bereits während seiner Schulzeit intensiv mit Fotografie und nahm an Fotoausstellungen teil. Ende 1989 gründete er gemeinsam mit Andrea Schicker die „efa – erfurter foto agentur“. Usko starb 1995.
Cordia Schlegelmilch (*1952 in Magdeburg) ist Soziologin, Autorin und Fotografin. Bekannt wurde sie insbesondere durch ihre fotografische und soziologische Langzeitstudie über Wurzen, die zwischen 1990 und 1996 entstand. Ihr fotografischer Schwerpunkt liegt zudem auf Architektur, Denkmalpflege, Baugeschichte und Kunst.
Rainer F. Steußloff arbeitet seit den 1980er Jahren als Fotograf und Fotojournalist. Als Reportagefotograf war er für nationale und internationale Magazine tätig und dokumentierte unter anderem gesellschaftliche Entwicklungen und Krisenregionen. Daneben realisiert er langfristige eigene fotografische Projekte.
Rolf Walter entwickelte in den 1980er Jahren seine fotografische Arbeit und dokumentierte unter anderem kirchliche Friedens- und Umweltaktivitäten in der DDR. 1987 fotografierte er den Olof-Palme-Friedensmarsch und war an der Dokumentation des Kirchentags von Unten beteiligt. Von 1990 bis 1992 arbeitete er als Fotoredakteur der anderen, anschließend als Fotoarchivar der Robert-Havemann-Gesellschaft und später als freier Fotograf.
Bernd Weu dokumentierte von 1981 bis zur Friedlichen Revolution das Kirchenleben in der Samaritergemeinde Berlin-Friedrichshain. Seine fotografische Arbeit setzte er von 1990 bis 1994 fort und hielt dabei den Weg zur Deutschen Einheit und die gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit fest.
Rolf Zöllner entdeckte in den 1980er Jahren über einen Berliner Fotozirkel die Fotografie für sich. Von 1988 bis zur Friedlichen Revolution arbeitete er als freier Filmfotograf für das Fernsehen der DDR, anschließend als Fotojournalist für verschiedene Medien und Pressedienste, darunter die andere, Der Spiegel, DIE ZEIT und epd. Seine Fotografien der DDR und des Berliner Lebens erschienen in zahlreichen Publikationen.
Gerald Zörner beschäftigt sich seit 1980 intensiv mit Fotografie und dokumentierte zunächst kirchliche Jugendarbeit sowie Jugend- und Subkulturen in Halle. Nach seinem Umzug nach Ost-Berlin fotografierte er den Alltag und die gesellschaftlichen Veränderungen in der DDR. Besonders umfangreich dokumentierte er 1989/90 die Friedliche Revolution, den Mauerfall und den Weg zur Deutschen Einheit.
___________
Die Robert-Havemann-Gesellschaft wurde im November 1990 von der Bürgerbewegung Neues Forum als politischer Bildungsverein gegründet. Sie dokumentiert die Geschichte und Erfahrungen von Opposition und Widerstand in der kommunistischen Diktatur und vermittelt die Werte der Friedlichen Revolution: Demokratie und Menschenrechte. Mit ihrem Archiv der DDR-Opposition und ihren vielseitigen Erfahrungen im Bereich der Ausstellungs- und Veranstaltungskonzeption sowie ihrer Publikationstätigkeit und Online-Präsenz ist die Robert-Havemann-Gesellschaft ein zentraler Anlaufpunkt in der Aufarbeitungs- und Forschungslandschaft.
Das Archiv der DDR-Opposition besitzt die umfangreichste Sammlung von Materialien aus dem Bereich Opposition und Widerstand gegen die kommunistische Diktatur in der Zeit ab 1945, deren Aufarbeitung und der Transformation ab 1989. Die Schriftgut- und Fotobestände, die Audio- und Videosammlung sowie Transparente und Objekte belegen eindrucksvoll, dass es Widerspruch und Widerstand in der DDR zu allen Zeiten gegeben hat. Die Zeugnisse aus der Gesellschaft vermitteln eine wichtige Gegenperspektive zu staatlichen Überlieferungen. Die Bestände des Archivs der DDR-Opposition wurden 2017 in die Liste des national wertvollen Kulturgutes der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen.
-
Erste Eindrücke
-
Wir bedanken uns.
-
Kooperationspartner und Mitveranstalter





