The Yes Men

The Yes Men "Fake New York Time & New York Post", 2009
Claus Bach

Am 12. November 2008 verteilten The Yes Men eine gefälschte Ausgabe der New York Times, datiert auf den 4. Juli 2009. In dieser Ausgabe zeichneten sie das Bild einer besseren Welt, in welcher der Irakkrieg beendet ist, George W. Bush wegen Hochverrats angeklagt wird und sich Condoleezza Rice öffentlich für ihre Lügen über den Irakkrieg entschuldigt hat. Nach eigenen Angaben wurden dabei über 1,2 Millionen Ausgaben gedruckt und unter die Leute gebracht. Zu dem Projekt existiert eine Website, die Ausgabe ist auch zum freien Herunterladen verfügbar.

Eine Woche nachdem die Demokraten im US-Kongress ihre neue «populistische» Agenda ankündigten — «Ein besserer Deal: Bessere Arbeitsplätze, Bessere Löhne, Bessere Zukunft» — übernahmen The Yes Men in der Aktion DNC TakeBack (2016), verkleidet als Abgeordnete des Democratic National Committee (DNC), der nationalen Organisation der Demokratischen Partei der Vereinigten Staaten, das Zepter auf der Politicon-Konferenz in Pasadena, Kalifornien, und live auf Twitter und Facebook, um den Bluff des DNC beim Namen zu nennen und die «Besseren Deals», aber vermutlich weniger bekannten Besonderheiten, herauszustellen: staatliche Krankenversicherung für alle, Mindestlohn, kostenloser Schulunterricht, stärkere Gewerkschaften, das Ende des Unternehmens-Lobbyismus und so weiter — alles Themen, die quer durchs politische Spektrum populär sind und auf lokalem Level sogar schon in Wahlbezirken, die für Trump votierten, siegreich waren, die aber durch den DNC seit Jahrzehnten nicht nach vorn gebracht werden. Ein Video zeigt die Highlights des Vortrags der vermeintlichen DNC-Repräsentanten.

Am 9. Mai 2006 traten The Yes Men als Halliburton-Repräsentanten auf der Konferenz Catastrophic Loss in Erscheinung, einer in Florida abgehaltenen Tagung, die die Auswirkung der globalen Erwärmung zum Thema hatte. The Yes Men stellten hier einen SurvivaBall vor. Dieser sollte Manager vor Stürmen, Erderwärmung, Flutwellen etc. schützen. Der SurvivaBall sieht aus wie ein überdimensionierter Plastikball mit 6 Armen, zwei Kopfhöreröffnungen und einer Öffnung für das Gesicht des zu rettenden Managers. Die Zuhörer waren von der Idee des Halliburton SurvivaBalls sichtlich angetan. Es kam sogar zu einer Anfrage, inwiefern der SurvivaBall auch vor Terrorismus schützen würde. Auch eine gefälschte Homepage von Halliburton wurde online gestellt.

Bei der Aktion NRA Shares the Safety (2016) geben sich The Yes Men auf einer Pressekonferenz in der Ronald Reagan Presidential Library in Simi Valley, Kalifornien, als Vertreter der NRA, der National Rifle Association (Nationale Gewehrvereinigung), der größten Waffenlobby der USA, aus. Frei nach dem Motto buy one, give one bringen sie die Idee auf, dass, wenn jemand eine Waffe kauft, eine weitere Waffe an jemanden gespendet wird, der in einer gefährdeten Nachbarschaft wohnt. Als eine der größten Interessengruppen hat die NRA zahlreiche politische Wahlen in den USA finanziell und propagandistisch beeinflusst. Als ihr Ziel gibt sie an, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu verteidigen, besonders deren 2. Zusatzartikel. Diesen interpretiert sie als «garantiertes individuelles Recht aller US Bürger auf Erwerb, Besitz, Tragen, Transport, Weitergabe und legitimen Gebrauch von Waffen, damit sie jederzeit ihre legitimen individuellen Rechte zur Selbsterhaltung und Verteidigung ihrer Familie, Person und ihres Eigentums ausüben und ebenso in einer angemessenen Miliz der allgemeinen Verteidigung der Republik und individuellen Freiheit ihrer Bürger dienen können.»

Die Aktivisten von The Yes Men und Edward Snowden hatten mit der Aktion Anger Marketing at Roskilde (2016) auf digitale Überwachung und Datensicherung aufmerksam gemacht, hatten überall auf dem Roskildefestivalgelände in Dänemark Schilder aufgehängt, auf denen stand, dass jegliche Aktivitäten auf den Smartphones und Handys der Festivalbesucher innerhalb des Festivalgeländes überwacht werden und griffen damit massiv in deren Privatsphäre ein. Alle Daten würden gesammelt, unbegrenzt gepeichert und noch mit «Partnern» geteilt werden (der zynische Slogan lautete «Sharing is caring»). Grund für die Generalüberwachung wäre die Gewährleistung von Sicherheit für jedermann. Die Reaktionen: Entsetzen, Wut, Shitstorm. Zwei Tage später dann die Auflösung: Die Schilder sind eine Aktion von Datenschützern. Per Videochat wurde dann auch Whistleblower Edward Snowden auf einer riesigen Leinwand zugeschaltet, um die Leute aufzuklären und Fragen zu beantworten. Die Aktion sollte klar machen: Wir werden alle immer und überall überwacht – und zwar ohne Hinweisschilder.

Auf Einladung des «Save the World»-Festivals des Theaters Bonn provozierten The Yes Men mit ihrem Guerilla-Auftritt Trump officials impersonated during Bonn Climate Talks (2017) auf der Crossroads Conference. Die US-Aktivisten gaben sich als Vertreter der United States Environmental Protection Agency aus. Die Crossroads Conference fand im Vorfeld der Klimakonferenz 2017 in Bonn statt. In ihrem Vortrag vor einem internationalen Fachpublikum aus Wirtschaft, Wissenschaft und Regierungsorganisationen präsentierten The Yes Men das fiktive Unternehmen Refugreenergy, das die Geschäftsidee hat, Flüchtlinge zur emissionsfreien Energiegewinnung einzusetzen, indem man sie den ganzen Tag in Fahrradpedale treten lässt. Slogan: «Your future is in their legs».

Am 3. Dezember 2004, dem 20. Jahrestag der Katastrophe von Bhopal, trat Yes Man Andy Bichlbaum im Rahmen der Aktion The BBC /Dow Announcement auf BBC World als Dow-Chemical-Sprecher «Jude Finisterra» auf. Dow Chemical ist der Eigentümer von Union Carbide, dem für das Unglück verantwortlichen Unternehmen, bei dem Tausende ihr Leben verloren und die Überlebenden oft schwere Folgeschäden davontrugen. An diesem Jahrestag meldete die BBC, dass sich das Unternehmen Dow Chemical, seit ein paar Jahren der neue Eigentümer der Union Carbide, zu seiner Pflicht bekennen wolle und zwölf Milliarden US-Dollar an die Familien der mehr als 3.000 Toten und 120.000 Verletzten von Bhopal auszahlen werde: «Ich bin sehr glücklich, dass ich heute mitteilen kann, dass Dow erstmals die volle Verantwortung für die Katastrophe in Bhopal übernimmt. […] Wir haben beschlossen, Union Carbide zu liquidieren, diesen Albtraum für die Welt, der Dow Kopfschmerzen bereitet.» Kurz darauf dementierte die BBC ihre Meldung — und der im BBC-Liveinterview zu Wort kommende «Jude Finisterrra» stellte sich als Yes Man heraus. In der Zwischenzeit war jedoch der Wert von Dow Chemical an der Börse um circa zwei Milliarden Dollar gesunken.

Die ganze Freiheit des freien Marktes ist beim Undercoverabenteuer The Yes Men Fix the World (85 min, 2009) das Thema der Politaktivisten, und Konzerne wie Exxon oder Halliburton sind ihre willigen Opfer. So perfekt ihre Maske als Vertreter dieser Big Player auch ist, so gnadenlos nutzen sie ihre Verkleidung, um das Netzwerk aus Lobbying, Kumpanei und schlichter Korruption kenntlich zu machen, mit dessen Hilfe hier die ganz großen Geschäfte eingefädelt werden. Im trauten Kreis drehen Bichlbaum und Bonanno kräftig auf, und ihre vermeintlichen Kollegen lassen sich in ihren Entgegnungen nicht lumpen. Dabei sind die Einwürfe der Fake-Manager bei diesen Meetings von krachender Einfalt. Ihre Statements sind entlarvende Parodien auf kaum vorstellbare Zustände in Vorstandsetagen und elitären Think Tanks. Am Ende schaffen es Bichlbaum und Bonanno unter anderem, bis in einen vertraulichen Kreis aus 1.000 Bauunternehmern, die mit dem Bürgermeister von New Orleans die Zukunft für die von Hurrikan Katrina verwüsteten Stadtteile beraten. Andy Bichlbaum: «Anwälte kämpfen vor Gericht, Gewerkschaftler in der Arbeitswelt, wir können eben das hier. Für eine Veränderung des Systems ist das, was wir tun, allerdings weit weniger wichtig als richtige politische Arbeit. Doch es ist immerhin etwas.» (Filmdatenblatt Berlinale 2009).

ACC Redaktion (23.02.2018)