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Romanze mit der Revolution | A Romance with Revolution

Eröffnung

Do, 17.5.2018 | 20 Uhr

Dauer

18.5.-5.8.2018

Karl Heinz Jeron (DE)
Nina Galic (RS)
Mona Aghababaee & Hawreh Danesh (IR)

Gastkünstler:
Norbert Hinterberger (AT)
Fabian Reimann (DE)

Mona Aghababaee & Hawreh Danesh

Revolution – Literatur. Das Lesen des „West-Östlichen Diwan“ im Spiegel der Gegenwart.

Wir möchten den Prozess des Projekts „Footnote“ eher von seinem Ende her erklären, indem wir diesen Bericht zum Projekt schreiben.

Goethes elegante Idee zu seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften“ war für uns eine wichtige Inspirationsquelle. Mit seiner Genialität hat Goethe das Wesen unserer Entscheidungen für „Footnote“ auf dramatische Art mitbestimmt; nämlich die Erzählung von der Bildung und Trennung natürlicher Verbindungen und die Erzählung von den Gegensätzen und Gemeinsamkeiten, dem anziehenden und abstoßenden Verhalten innerhalb und außerhalb der Welt. Die Ironie, die im Titel als auch im Inhalt dieses Buches zu finden ist, ist sehr nah an den Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen, denen wir während des Arbeitsprozesses begegneten und die wir gemacht haben.

Natürlich ist die Mehrdeutigkeit, die Goethes Inspirationsquellen zueigen gewesen sein mag, nicht 1:1 in den Prozess der Erforschung, Erstellung und Installation unserer Kunst übertragbar. Wer hat die Kontrolle über unser Projekt, wir, die Künstler, oder unser mächtiges Umfeld? Wir hatten während der Entwicklung des Projekts mit verschiedenen Materialien zu tun, weswegen sich die Annäherung an unser Werk und das Endresultat der Arbeit veränderte. Außerdem hat sich unsere anfängliche Vorstellung des Projektes mit der Zeit gewandelt.

Darüber hinaus existieren vom Anfang bis zum Ende Widersprüche im Prozess der Arbeit, ob nun in der „natürlichen Auswahl“ oder der „Determiniertheit der Natur“, wenngleich es offensichtlich ist, dass das Wesen des besprochenen Themas die Iranische Islamische Revolution ist.

In Weimars Goethe-Nationalmuseum fanden sich unter einer Vielzahl von Informationen auch persische Handschriften Goethes – eine Verwandtschaftsoption zu unserer Kultur. Auch die von Goethe verwendeten (geübten) Worte waren für uns bedeutend; es sind Städtenamen aus dem Iran und Irak. Städte, deren Bürgerinnen und Bürger heute die Einwohnerzahl Deutschlands und damit die Notwendigkeit erhöhen, neue Wege der Kommunikation zu schaffen.

Obwohl wir von der Existenz des Weimarer Hafiz-Goethe-Denkmals als Zeichen der iranisch-deutschen Städte- und Kulturbeziehungen bereits bevor wir nach Weimar kamen wussten, bot uns dieses Denkmal noch genügend Material, das absorbiert werden konnte. Tausende Kilometer entfernt von zu Hause wurde in dieses Monument ein Gedicht von Hafiz in persischer Sprache eingearbeitet!

Hinzu kommt, dass während unserer Recherchen in Weimar der nackte, unbemannte Sockel von Großherzog Karl Alexander am Goetheplatz unsere Aufmerksamkeit erregte. Dieser Sockel erinnerte uns an Fotos und Dokumente von während der meisten Revolutionen in allen möglichen Weltregionen stattfindenden Zerstörungen und vom Niederreißen bestimmter Statuen, die mit früheren Regierungen oder Ideologien im Zusammenhang stehen.

Die Beobachtung und Auswahl dieser realgeschichtlichen Elemente bot uns einen sehr passenden Kontext bei der Erschaffung des von uns gezeigten (Kunst)Raumes, gerade auch um die Türen für eine Kommunikation mit nicht-iranischem Publikum zu öffnen – den kulturellen Kontext für den Vortrag unserer gemeinsamen Erfahrungen hinsichtlich der historisch-politischen Ereignisse.

Das Grundkonzept unseres Projekts hatte mit den Rändern der urbanen Kultur in der Islamischen Revolution von 1979 im Iran zu tun; Literatur und persische Dichtungen sind einer dieser Ränder.

Nach unserer Ankunft in Weimar fanden wir heraus, dass Literatur ein angemessenes Mittel für die Kommunikation mit unserem Weimarer Publikum sein könne. Den Zusammenhang für solch einen Dialog hatten bereits Herder, Goethe, Schiller, Nietzsche und viele andere deutschen Autoren hergestellt, von denen einige in Weimar gelebt haben.

Crane Brinton untersucht in seinem Buch „Die Anatomie der Revolution“ bestimmte Muster, die sich in revolutionären Gesellschaften wiederholen und bringt zum Ausdruck, dass die Bedingungen in der iranischen Gesellschaft vor und nach der Revolution von 1979 in ebenjener iranischen Gesellschaft nicht einzigartig sind.

Und wir konnten uns durch Goethes Erfahrungen hindurchnavigieren, der die Französische Revolution untersuchte, sich in einem „Das Buch Timurs“ genannten Teil des „West-Östlichen Diwan“ mit ihr befasste. Goethe erzählt von Timurs Niederlage bei der Eroberung Chinas, eigentlich aber kritisiert er Napoleons gescheiterten Versuch, Moskau zu erobern.

Goethe deutet an, dass Literatur und speziell Poesie – bildhaft gesprochen – eine Manifestation der Menschlichkeit und historisch-sozialer Ereignisse sein kann.

In „Footnote“ erzählen wir von unseren persönlichen Erfahrungen mit der Iranischen Revolution, wenngleich sich alle unsere Erfahrungen auf die nachrevolutionären Jahre im Iran beziehen.

Um die Ereignisse, die zu einer Revolution führen, zu begreifen, gab es für uns nichts Anderes, als historische Dokumente zu studieren, Fotografien anzuschauen und den Erzählungen unserer Eltern von den Ereignissen jener revolutionären Tage zuzuhören.

Wir fanden heraus, dass der „West-Östliche Diwan” und Literatur im Allgemeinen einen angemessenen Ansatz bieten würden, um eine neue Beziehung zwischen Ost und West herzustellen.

„Farm der Tiere“ und „1984“ von George Orwell, „Allzu laute Einsamkeit” von Bohumil Hrabal, „Fahrenheit 451” von Ray Bradbury und „Mortelle” von Christopher Frank, all diese Werke sprechen über das Schreiben, Bücher, Literatur, aber auch über Macht und Politik.

Besonders eine Darstellung aus dem Buch „Mortelle“ erregte unser beider Aufmerksamkeit, der Erzähler hat das Bedürfnis, auf klebrigem Bitumen (auf einer asphaltierten Straße) zu laufen, um zu flüchten – und wird dabei durch den heißen Straßenbelag gestoppt.

Die Räume der ACC Galerie Weimar, die eine Zeit lang Goethes Wohnung beherbergten, haben uns ermutigt, diese Szene nachzubilden, der schmale Gang schien uns dafür geeignet, der gleichzeitig Gefühle von Einengung und Verborgenheit verursacht, jene Gefühle, zu denen es interne und sozial Querverweise hinsichtlich unserer künstlerischen Hauptidee gibt.

Die ersten Schritte zu unserer Arbeit hatten ihren Startpunkt in der Literatur, um die Verbindungen zwischen den Elementen unseres Projekts aufzuzeigen; namentlich waren dies zehn Nächte, deren Protagonisten iranische Dichter und Schriftsteller waren, die, 1977 vom Goethe-Institut Teheran veranstaltet, im Garten der Deutschen Botschaft Teheran auftraten: Ein Ereignis, das den Funken zu einem der ersten und wichtigsten politisch-kulturellen Ereignisse überspringen ließ, die zur Iranischen Revolution im darauf folgenden Jahr führten.

Dieses historische Ereignis erregte aus verschiedenen Perspektiven unsere Aufmerksamkeit; die erste Frage war, einen historischen Ansatz zu finden, der die Iranische Revolution mit der entsprechenden Literatur dieser Periode verband, die nächste Angelegenheit war ein Besuch bei Herrn Morteza Nematollahi, einem sehr bekannten Bildhauer Isfahans, mit dem wir über Fragen der Iranischen Revolution sprachen. Wir konnten uns ein Bild von seinen Erfahrungen und Beobachtungen im Hinblick auf die Islamische Revolution machen, und uns fielen durch seine Bemerkungen zwei überraschende Punkte auf:

Der erste Punkt war das Modell einer Hafiz-Statue, deren Anfertigung von einem deutschen Kulturberater im Iran vorgeschlagen wurde, die Nematollahi aber aus einigen Gründen nicht fertigen konnte. Der zweite Punkt war Nematollahis Rolle bei der Gestaltung und Verbreitung des Tonbandmitschnitts der Vorträge und Gedichte aus jenen zehn Teheraner Nächten, und zwar in Paris.

Wir sahen uns einmal mehr mit der äußerst wichtigen Rolle von Literatur für eine Revolution konfrontiert. Bilder und Geschichten von Monas Vater bestätigten diesen Umstand. Die auffallenden und beachtlichen Fakten, die man aus den Fotografien und Dokumenten der letzten Jahre des Pahlavi-Regimes lesen konnte, waren der Ausbruch starker revolutionärer Gefühle bei Millionen Iranern mit verschiedenen und manchmal völlig gegensätzlichen politischen Ansichten, die sich alle in einer Sache einig waren:

Eine Revolution, die dazu führt, Mohammad Reza Schah zu stürzen, ist notwendig. Die Literatur war ihre gemeinsame Sprache. Während unserer Recherche mithilfe von Fotografien und Dokumenten der Revolution stießen wir auf ein Foto von Maryam Zandi, das die Wirklichkeit in unserer Gesellschaft auf eine bemerkenswerte Weise widerspiegelt; ein Foto von Studenten, die sich vor der Fakultät für Literatur der Universität Teheran versammelten.

Dutzende von Menschen kamen neben dem Sockel der Firdausi-Statue zusammen, der übersät war mit Erklärungen, Sprüchen und revolutionären Bildern, niemand von ihnen schaut auf einen gemeinsamen Punkt oder Ort, die Blicke gehen auseinander! Einige Studenten stehen oben auf dem Sockel, einer von ihnen trägt ein Plakat mit dem Spruch: „Eine Diskussion in dieser Situation ist der trennende Faktor, vermeiden Sie jedes Gespräch!!!” Dieses Motiv war unsere erste und wichtigste Wahl und erste Priorität, um unsere Erkenntnisse von der Revolution zu zeigen.

Das Leben in einer Gesellschaft, in der die Revolution und revolutionäre Literatur auf verstreuten Monologen basiert, ist das, was sich im Iran bis heute fortsetzt.

Unser Projekt zeigt eine bittere, schmerzliche Version der Revolution. Die Gedichte, Bilder und der nackte Sockel erinnern uns daran, wie sehr wir nicht in der Lage waren, ein Gespräch und eine Beziehung mit uns selbst und anderen aufzubauen.

Schlussendlich hoffen wir, eine neue Kommunikation mit uns selbst und anderen Kulturen mittels Kunst und Literatur aufzubauen, und dabei auf „Wahlverwandtschaften“ mit der Welt zurückzugreifen.

ACC Redaktion (13.06.2018)