Die Zeiten ändern sich 

Eröffnung

Freitag, 13.03.2020 | 20 Uhr

Dauer

14.03.2020 - 03.05.2020, verlängert bis 12.07.2020, ab 17.7. im 1. OG weiterhin zu sehen

Die Zeiten ändern sich | Anselm Graubner (DE)

Fotografie Anselm Graubner: Kohl in Erfurt

Bis 16.8.2020

Zwölf Tage nach dem Ende von Anselm Graubners Debütausstellung in der ACC Galerie, »Unbekannte Menschen« (25.6. bis 27.9.1989), begann ein ganzer Staat zu implodieren. Grund genug für den damals einundzwanzigjährigen Bildjournalismusstudenten, in die von seiner Familie acht Jahre zuvor verlassene DDR zurückzukehren. Bei der Thüringischen Landeszeitung in Weimar fand er eine Redaktion, die seine Beobachtungen täglich publizierte. Drei Jahrzehnte später öffnet er sein Fotoarchiv und lässt uns in 117 S/W-Fotografien aus Weimar und Thüringen teilhaben an jenem epochemachenden Zeitenwechsel.

Die Eröffnung der Ausstellung mussten wir aufgrund der am 13.3. erlassenenen Allgemeinverfügung der Stadt Weimar im Zusammenhang mit Covid-19 und dem damit einhergehenden Veranstaltungsverbot für Publikum absagen, jedoch konnten wir über unsere Social-Media-Kanäle Facebook und Instagram Live-Streams anbieten. Der Live-Stream über Facebook ist unter diesem Link dauerhaft abrufbar. Ein ca. 23-Minütiger Rundgang mit Anselm Graubner, Bernd Hartung und Frank Motz gibt einen ersten Eindruck von der Ausstellung.

www.facebook.com/accgalerie/videos/223762662105594/

Wenn Sie unseren virtuellen Ausstellungsrundgang besuchen, können Sie in einem Interview mit Anselm Graubner mehr zu Hintergründen und Entstehung der Bilder erfahren. Ebenso sind die Fotos hier um viele Hintergrundinformationen ergänzt.

Der 22. Dezember 1989 war in Berlin ein Festtag der aufgeklappten Regenschirme – der Tag der Öff-nung des Brandenburger Tores. Ich fungierte bei dem Gedränge am Pariser Platz als Anselms Bodyguard, hatte ein Spalier vor seinem Nikon-Objektiv freizukämpfen, damit er mit ruhiger Hand auslösen könne. Einmal im Leben unter der Quadriga hindurch zu promenieren, das musste, so schien es noch Wochen vorher, zeitlebens Sehnsucht bleiben: Ob nun während André Hellers vierzigminütigem Feuerwerksthe-ater am 7. Juli 1984 vorm Reichstag (als Menschenmassen im Ostteil der Stadt Spaliere bildeten, um kleinwüchsige Großmütter mitschauen zu lassen, was da gerade Atemberaubendes am Himmel über Berlin passierte). Ob am 8. Juni 1987, jenem Pfingstmontag, als Genesis am selben Ort die DDR-Jugend, weil die Mauer alles andere, nur nicht den Sound blockierte, Unter den Linden auf der Ostseite mitfeiern ließ und vor unseren Augen friedliche Zuhörer von Stasisten zusammengeschlagen wurden. Oder am 19. Juni 1988, als Michael Jackson – wiederum auf dem Platz der Republik – Tausende Ostjugendliche so nah an die Grenze holte, wie es eben ging: immer war ich auf der falschen Seite. Was ich damals nicht ahnte: Diese Events waren das Wetterleuchten zum Finish eines erstarrten Systems, der Anfang vom Ende der DDR. Und nun durfte ich mit Anselm durch das bislang ewig geschlossene Symbol der Teilung Europas stolzieren ... Anselm hatte oft zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort den Finger am Auslöser, denn er war schnell und drahtig, neu- und wissbegierig, ehrgeizig und gnadenlos gegen sich selbst, hatte ein gutes Auge und technische Virtuosität, eben der rasende (Bild)Reporter. Noch mehrfach durfte ich Anselm assistieren, beispielsweise als 1991 einem Deserteur der Roten Armee, Oleg Lutschak aus Lwiw in der Westukraine, in Weimar der Prozess gemacht werden sollte und wir vorm Hauptquartier der Sieben-ten Armee der Sowjetischen Weststreitkräfte in Sekundenbruchteilen ein Mutter-Sohn-Szenario initiieren konnten, das deutschlandweit viele Printmedien abdruckten und dem jungen Burschen womöglich in die Freiheit verhalf, wenn nicht das Leben rettete. Infolgedessen konnte Anselm einige Monate im fern-östlichen Petropawlowsk-Kamtschatski bei der Tageszeitung Kamtschatskaja Prawda als Bildjournalist arbeiten (weil uns die Beringstraße dann doch einen Ticken zu entlegen war und wir stattdessen Vorlieb mit der Beringinsel nahmen, dem westlichsten Eiland der russischen Kommandeurinseln und der Insel-kette der Alëuten zwischen Alaska und Asien, unweit von Petropawlowsk). Spätestens da entstand der fotografische Grundstock für ein Geo- oder National-Geographic-Special Kamtschatka — wenn es das damals gegeben hätte. Anselm war so weit, war zu früh, seiner Zeit voraus ... und später blieb sein Finger nicht mehr permanent am Auslöser, wurde aus dem Jäger ein Sammler. Wäre Anselm jedoch Fotograf ge-blieben, hätte er noch drei oder sechs oder zwölf Jahre weiter so um jedes Bild gekämpft ... naja ... dann gäb’s heute in Weimar ein Familienhotel, zwei Restaurants, eine Suppenbar, einen Bioladen und zehn Ferienwohnungen weniger ... und Notenbank und ACC nicht in dieser Form. Das ist einfach so. Frank Motz