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Kunstbild-Wortkunst

Eröffnung

Freitag, 13.03.2020 | 20 Uhr

Dauer

14.03.2020 - 07.06.2020, teilweise verlängert bis 16.8.2020

Gefördert durch

die Thüringer Staatskanzlei, den Fonds Soziokultur e.V.,
die Sparkasse Mittelthüringen,
die Stadt Weimar,
den Förderkreis der ACC Galerie Weimar.

Linda Pense | 3. Stipendiatin

Vom Oktober 2019 bis Januar 2020 wird die in Leipzig lebende Künstlerin Linda Pense (*1981) als dritte Stipendiatin des 25. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar (Thema: 100 Jahre Bauhaus – Von Sprache und Bild und Schriftbildkunst) im Städtischen Atelierhaus Weimar wohnen und arbeiten. Während jener vier Monate setzt sie sich mit der Visualisierung von in literarischen Texten beschriebenen utopischen Inseln als grafische und sprachliche Gefüge und mit deren Verdichtungen in imaginäre Landschaften als räumlich-plastische, körperlich-grafische und wörtlich-lebendige Gewebe und eigensinnige Texturen auseinander. In ihrem Projekt Dichte Inseln übersetzt sie Inseln der literarischen Utopien als kleine natürlich-gesellschaftliche Miniatursysteme in grafisch-sprachliche Beziehungsordnungen. Anknüpfend an ihre 2018 entstandenen zeichnerischen und druckgrafischen Arbeiten im Projekt the tempest (nach William Shakespeare) lässt sie in ihren Zeichnungen und Druckgrafiken nicht nur Ortsbezeichnungen oder Beschreibungen der utopischen Inseln strukturell einfließen. Wichtiger noch als Ortsdarstellungen und Lokalisierungen sind ihr die in den utopischen Kontexten auszumachenden Handlungsperspektiven, die sich in Worten und "tropischen" Formgebungen freilegen lassen. Dabei begreift sie zum Beispiel die Namen der Handelnden, wie im tempest / Sturm den Eingeborenen Caliban, die Hexe Sycorax oder den Luftgeist Ariel, als namentlich verwandelte Adjektive, durch die sich dann grafische Handlungen, Prozesse und zeichnerische Bewegungen motivieren. Strukturell ist dies teilweise jenen Versuchsanordnungen und Verfahren ähnlich, wie sie Ernst Kállai für Bildgedichte oder Laszlo Moholy-Nagy für typografische Fotoplastiken („Typofotos“) am historischen Bauhaus angewandt haben. So wie sie das Experimentieren mit der verschriftlichten Sprache in ihre Typografie und ihr Grafikdesign einfließen lassen haben, öffnet Linda Pense ihre zeichnerische und druckgrafische Arbeit für Verwortungen und räumliche Schriftbewegungen. Inseln sind für utopische Literaten nicht zuletzt deshalb ein bevorzugtes Motiv, weil sie es als abgeschiedene Gelände ermöglichen, einen jeweils weitgehend eigenständigen Mikrokosmos der Welterneuerung, der zumeist auch eine Spracherneuerung ist (die oft mit betont eigenartigen Namen der Akteure beginnt), probeweise zu entwerfen.

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Troposphären: Navigation

Eine Seefahrt zu den Arbeiten von Linda Pense.
Von Niklas Hoffmann-Walbeck

1.
Zeichnungen, wie unmögliche Seekarten: pulsierende Signale, Kreise, die sich selbst zu zeichnen scheinen, Schraffuren, die wie unbemerkt in Flächen übergehen, Hintergründe, die sich in den Vordergrund schieben, Grenzen, die geschlossen und wieder durchbrochen werden, Punkte, die aus dem Dunkel blitzen, sich zu Linien dehnen und wieder verschwinden.

Die polynesischen Seefahrer orientieren sich an Sternen und Sternbildern, um auf ihren Reisen Kurs zu halten. In den weiten des pazifischen Ozeans helfen die Sterne aber nur bedingt. Für weite Reisen sind die Sternenrouten zu ungenau, um unbekanntes Land zu entdecken, sind sie nutzlos.

2.
Auf hoher See bringen Stürme und starke Winde die Wasseroberfläche in Bewegung, die sich als chaotische, “aufgewühlte” See zeigt. Mit der Zeit überlagern sich die ungeordneten Wellen und werden zu jener gleichmäßigen Dünung, die die Meeresoberfläche auch bei Windstille noch strukturiert. Mit der Kraft des verursachenden Windes wachsen auch Höhe und Reichweite der Dünungswellen.

Die von den Winterstürmen im pazifischen Ozean verursachte Dünung kann Kreise ziehen mit Radien von tausenden Kilometern. Wenn die Wellen auf eine Insel treffen, brechen sich an ihrer Küste oder den vorgelagerten Riffen als Brandungswellen. Hinter der Insel entsteht dadurch ein Dünungsschatten, in dem das Meer relativ unbewegt ist. An den Seiten der Insel, wo die Wellen nicht gebrochen, aber durch den Widerstand des Meeresbodens verlangsamt und abgelenkt werden, ändert die Dünung sanft ihre Richtung. Die ursprünglich weitgehend geradlinig und parallel verlaufenden Wellen krümmen sich so zu einem stumpfen Winkel und bewegen sich am Dünungsschatten entlang aufeinander zu, bis sie sich zu überkreuzen beginnen.

In der Brandung verausgaben die brechenden Wellen den größten Teil ihrer Energie, ein kleinerer Teil jedoch bildet Refraktionswellen, die entgegengesetzt zur ursprünglichen Dünung wieder ins offene Meer wandern. All diese Überlagerungen, Verschiebungen und Refraktionen verändern das Dünungsmuster des Meeres bis weit hinter dem Horizont. In gewisser Weise zeichnen sie ein riesiges, sich stetig wandelndes und doch charakteristisches Portrait der Insel in den Ozean.


3.
Die große Kunst der polynesischen Seefahrt besteht darin, diese Portraits zu entziffern und damit das offene Meer in eine Landschaft voller Wegweiser zu verwandeln. Es ist allerdings eine Kunst, die doppelt unsichtbar ist:

denn nicht immer sind die Dünungsmuster mit dem Auge erkennbar. Die konkrete Meeresoberfläche wird von lokalen Winden, unsortierten Wellen und wechselnden Lichtverhältnissen verwirrt. Navigiert wird daher bisweilen mit geschlossenen Augen oder eingeschlossen in den Kajüten der großen Auslegerkanus. Die Wellenmuster werden in Dunkelheit anhand der Rhythmen gelesen, die sie über das Schiff an den Körper des Navigators weiterreichen.

Trotz seiner geradezu fantastischen Abstraktion, lässt sich das Wissen der polynesischen Navigatoren kaum aufschreiben, oder festhalten. Kartographie ist zwecklos, da sie die Wege der Stürme und Wellen und ihre Wechselwirkungen mit den Inseln, Untiefen und Strömungen nicht abzubilden vermag. Während die europäischen Navigatoren ununterbrochen Atlanten drucken und Logbucheinträge verfassen, wie um die Unverrückbarkeit des Territoriums zu beschwören, verzichtet man im Pazifik weitgehend auf derlei Notationen und konstruiert nur selten fragile Geflechte aus Ästen und Muscheln, die Dünungsrichtungen und Inseln symbolisieren. Diese “Stabkarte”n sind weniger Informationsträger als Gedächtnisstützen, Sedimentablagerungen des Wissens sind.

4.
Als die ersten europäischen Seefahrer im 16. Jahrhundert Südamerika umrunden und Richtung Westen über das ihnen unbekannte Meer der Polynesier segeln, ist es, als ob sie sich durch einen fremden Planeten bewegen. So weit ist der pazifische Ozean, dass den Erinnerungen an das feste Land bald misstraut wird. Erst nach etlichen Tagen und Längengraden tauchen winzige, flache Streifen Land auf und, verschwinden rasch wieder hinter dem Horizont. Im Abendlicht scheint manchmal in weiter Ferne eine Felsinsel aufblitzen, aber schon am nächsten Morgen ist sie wie weggewischt.

Wie Sandkörner durch ein Kaleidoskop, dieses an ein Fernrohr erinnernde Spielzeug, bei dem durch mehrfache Spiegelung von bunten Glassteinchen wechselnde geometrische Bilder und Muster erscheinen, bewegen sich die europäischen Schiffe durch jene unheimliche Welt, die so anders ist als das eingehegte Mittelmeer, auf dem das Segeln einst gelernt wurde. Es dauert Jahrzehnte, bis man sich auch nur ein ungefähres Bild von der Topographie dieses Ozeaniens machen kann. Unter den vielen Rätseln, die diese ozeanische Welt aufgibt, gibt es dieses eine, dessen Lösung so unmöglich erscheint, dass sie zunächst kaum wirklich versucht wird: wie kann es sein, dass auf all den winzigen Inseln und Atollen, die bisweilen durch tausende Meilen offenen Meeres voneinander getrennt sind, bereits Menschen wohnen? Wie sind sie dorthin gekommen?

Den klapprigen Stabkarten, die zumindest einen Schlüssel zur Lösung des Rätsels liefern können, begegnen die europäischen Seefahrer mit Unverständnis. Zu tief sitzt der Glauben, dass komplexes Wissen nur dort zu finden ist, wo es auch aufwändig repräsentiert wird. Dass das Wissen der polynesischen Seefahrer sich genau genommen nur im Körper der Seefahrer selbst festhalten lässt, hat die tragische Folge, dass es heute nur noch bruchstückhaft vorhanden ist, und die interessante Folge, dass es keine ästhetische Form etabliert hat.

In Linda Penses Arbeiten lässt sich erahnen, was es bedeuten mag, sich die Welt nicht über das Land, sondern durch das Meer vertraut zu machen.


Niklas Hoffmann-Walbeck ist Kurator, Autor und Übersetzer und arbeitet im Bereich “Literatur, Gesellschaft, Wissenschaft” am Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW). In den Jahren 2018-2019 hat er im Rahmen des Kunstfest Weimar und gemeinsam mit Janek Müller das Projekt “Hitze Kälte Apparate” kuratiert. Im Frühjahr 2020 erschien in “Die Andere Bibliothek” seine Übersetzung von Robert Byrons’ Buch “Der Berg Athos”.

Der Beitrag ist der Publikation „Sprach|er|neu|er|ung + Wort|bild|kunst. Journal ACC Galerie Weimar 08|2019 – 05|2020“ entnommen, die in Kürze erscheint.

Anneke FSJ (13.03.2019)