<< Rundgang >>

Kunstbild-Wortkunst

Eröffnung

Freitag, 13.03.2020 | 20 Uhr

Dauer

14.03.2020 - 07.06.2020

Gefördert durch

die Thüringer Staatskanzlei, den Fonds Soziokultur e.V.,
die Sparkasse Mittelthüringen,
die Stadt Weimar,
den Förderkreis der ACC Galerie Weimar.

Interview: Abgerechnet wird später, wenn überhaupt.

Janek Müller im Gespräch mit Frank Motz über das Internationale Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar, aufgezeichnet im Januar 2020

Janek Müller: Frank, welche Wirkung hat das Internationale Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar?

Frank Motz: Jedes Programm gipfelt in einer Ausstellung der Stipendiatinnen und Stipendiaten, die natürlich nicht selten drei höchst unterschiedliche künstlerische Positionen vereint – trotz der jeweils gemeinsamen Themenvorgabe. Aus den professionellen Bekanntschaften mit den Künstlerinnen und Künstlern entstehen Freundschaften, manchmal Win-Win-Situationen, Commitments, Joint Ventures. Aus vier Monaten Aufenthalt in Weimar können leicht Jahre werden, in denen man sich an einander bindet, voneinander profitiert. Auch Jahre oder Jahrzehnte nach Ablauf eines bestimmten Programms werden zwischen ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten und der Galerie Pläne geschmiedet und Projekte verwirklicht. Die Künstlerinnen und Künstler sind unsere Begleiter und wir ihre. Die Materialisierung einer Verbindung im Prozess und in der Kunstwerdung ist, was das ACC mit dem Programm beabsichtigt.

JM: Wie entstand das Atelierprogramm?

FM: 1993 gab es quasi das „nullte“ Programm, einen viel zu kurzen Workshop „erSCHLOSSene Räume“ auf Schloss Ettersburg bei Weimar mit 23 europäischen Künstlerinnen und Künstlern aus 16 Ländern, viel zu Vielen. Zurechtgestutzt und handhabbar gemacht für die Möglichkeiten der ACC Galerie entstand daraus das Programm, das pro Jahr drei internationalen Künstlerinnen bzw. Künstlern für je vier Monate ein Atelier, eine Wohnung und später die ACC Galerie zur Verfügung stellt. Aber es ist genau dieses Programm, welches ob der Offenheit seiner Bedingungen, der Unberechenbarkeit des Verlaufs und der unerwarteten Vielfalt der Resultate von allen Projekten der ACC Galerie die meisten Überraschungen und Wendungen in sich birgt. Es ist eine Art Jungbrunnen für unser Kunst- und Kulturzentrum, es hält uns gut durchblutet, in Schwingung, Dynamik und Spannung. Es fordert unsere Spontanität, Flexibilität und unser Improvisationsvermögen. Künstlerinnen und Künstler, von deren Existenz wir weder wussten noch etwas ahnten, sind plötzlich unsere Gäste.

JM: Gastgeberschaft, das merkt man, spielt eine große Rolle.

FM: Ohne das Programm hätten die Künstlerinnen und Künstler niemals zu uns oder wir nicht zu ihnen gefunden. So wie sie einen Blick durchs Fenster hinein nach Weimar riskieren dürfen, schult das Programm unseren Blick von Weimar aus nach draußen und macht uns mit Verhältnissen beispielsweise in China oder Kolumbien, Kuba oder dem Irak, Mexiko oder Nepal, Pakistan oder Peru, Uruguay oder Simbabwe bekannt. Es ist unserem Bewusstsein davon, wie es uns und wie es anderen geht, und unserer Demut dem oder den Anderen gegenüber förderlich. Dabei sind das Feedback zum Programm und seine weltweite Wirkung natürlich nicht leicht auszumachen, seine Akzeptanz und sein Ruf sind schwer zu messen. Dennoch würde ich behaupten, dieses Programm ist unser wichtigstes Gut.

JM: Mit dem Atelierprogramm werden ja künstlerische Produktion und das Ausstellen von Kunst miteinander verschränkt …

FM: Der Künstlerin oder dem Künstler beim Produzieren über die Schulter schauen zu dürfen, das hat mich immer interessiert. Es mag diesem Interesse zuträglich sein, dass ich weder handwerklich noch künstlerisch veranlagt bin und meine Hochachtung, Ehrfurcht und ein wenig Neid jenen gilt, denen es gegeben ist, sich bildhauerisch oder malend, performativ oder fotografierend zu äußern. Nun klopft man als Nichtkünstler nicht einfach mal so an die Ateliertür. Der Betrieb einer Galerie ist also vielleicht mein Fuß in der Tür, um Einblick in die mir verborgenen Abläufe der Kunstproduktion zu haben. Das Atelierprogramm gibt mir das Gefühl, über einen längeren Zeitraum Anteil an der Kunstwerdung haben zu dürfen. Was mich fasziniert, ist, wie Künstlerinnen und Künstler die Galerie zu ihrer Werkstatt erklären oder in der Galerie ihr Atelier ausstellen, wie sie über das Scheitern oder das Dilemma der Kunst beraten oder als Quasi-Wissenschaftler im Kunstschauraum ihre Experimente machen. Als Begleiter und Dienstleister am schöpferischen Prozess mitwirken oder teilhaben zu dürfen und dabei auch die Kraft der Kunst als Dynamo, Illusion, Ansporn, Seismograph, Mutmacher, Zungenlöser, Trostspender, Therapie und was auch immer zu spüren, das ist aber nur das eine. Das Kreuzen oder „Einen“ von Produktion und Ausstellen, um Schnittmengen wahrnehmbar zu machen, ist für mich ebenso erstrebenswert.

JM: Welche Rolle spielt für Dich diese Verschränkung von Produzieren und Ausstellen?

FM: Es war uns bereits recht früh klar, dass die ACC Galerie nicht bei der reinen Zurschaustellung abgeschlossener Kunstpraxen und deren Ergebnissen, wie wir es beispielsweise mit Ausstellungen der Werke von Paul Klee und der Fotograf*innen am Bauhaus gemacht haben, bleiben kann. Das Ideenlabor der Kunst, das artistische Refugium, den Hort künstlerischen Schaffens, also das Atelier in das von uns offen gelegte Kunstuniversum einzubeziehen, das schwebte uns vor. Und damit auch, dass wir das Unvollendete, in Progress Begriffene, Verworfene oder nie Begonnene mit einbeziehen wollen.

JM: Gibt es da Vergleichbares, das Dich und Euch inspiriert hat?

FM: Die Londoner Matt’s Gallery von Robin Klassnik, in der das Gros der ausgestellten Kunstwerke erst vor Ort entsteht, weil die Galerieräume vorher drei Monate dem später ausstellenden Künstler als Atelier zur Verfügung stehen, ist sicher ein Paradebeispiel für das Ineinandergreifen von Kunstherstellung und -vorstellung. Und David Wilsons andachtsvolles Museum of Jurassic Technology in Los Angeles, in dem der Betreiber selbst zum Produzenten wird und der Gast sich nicht selten mit den Worten verabschiedet: „Es war schön in Ihrer Kirche …“, mag eine weitere Herberge für die Melange von Prozess und Resultat, für das Potpourri von Kunst und Leben und das Medley von Schöpfer und Betrachter sein.

JM: Inwieweit spielen „Sprache und Wörter“ in der zeitgenössischen Kunst Deiner Ansicht nach eine Rolle, werden dadurch Begrenzungen künstlerischer Medien aufgelöst?

FM: Ob Kunst oder nicht, ein Löwenanteil dessen, was wir an Signalen und Botschaften zwischen einander austauschen, um uns zu verständigen, besteht aus Wörtern und Sprache. Ein Ausgangspunkt unseres ersten Atelierprogramms „Allegorien“ 1994 war der Satz „Kein Volk, mein Freund, das je zu einiger Cultur gelangte, konnte bildlicher Vorstellung entbehren; die Sprachen der Wilden selbst sind voll von Allegorien …“ von Johann Gottfried Herder. Das Programm gipfelte 1995 in einer Ausstellung namens „Das Urwortmuseum“ und brachte bereits die Verquickung von Bild und Wort zur Sprache. Wenn wir auch in äußerst bildgewaltigen Zeiten leben, so ist das gesprochene, geschriebene, gelesene und gehörte Wort doch Türöffner, Lösungsmittel und Transmitter. Ich kenne Künstlerinnen und Künstler, denen die Kraft des Bildes allein nicht mehr ausreicht, um das auszudrücken, was sie sagen wollen, und die deswegen auf das Bildnerische gänzlich verzichteten und zu den Mitteln der Literatur greifen.

JM: Es gab in den Ausstellungen der ACC Galerie schon oft Künstlerinnen und Künstler zu erleben, die so arbeiten.

FM: Der Künstler Vik Muniz, dessen Arbeiten wir 2018 in der Ausstellung „Die Kunst der Simulation“ und 2004 in „Die Akte Weimar“ in der ACC Galerie gezeigt haben, befragt z.B. in seinen frei erfundenen Zeitungsartikeln, wie wir dem Informationsgehalt und Wahrheitsgehalt der schwarz auf weiß gedruckten Buchstaben und Ziffern Glauben schenken. Sprache und Worte als künstlerische Medien rufen beides hervor: Begrenzungen, Missverständnisse, Irritationen aufzulösen einerseits, aber andererseits schaffen sie sie eben auch. Sie sind Schmiermittel und Spielgeld des menschlichen Gedankenbaukastens, mit dem es sich wunderbar jonglieren und meisterhaft zaubern lässt. Ein anderer Künstler, Rory Macbeth, den wir 2013 ausgestellt haben, hat über mehrere Jahre Franz Kafkas „Verwandlung“ vom Deutschen ins Englische übersetzt. Allerdings intuitiv, ohne der deutschen Sprache mächtig zu sein, ohne Wörterbuch und Satz für Satz. Das Ergebnis „The Wanderer by Franz Kafka“ ist jedenfalls mehr als kafkaesk und bildete wiederum die Grundlage des englischsprachigen Scripts zum mehrteiligen Film „The Wanderer“, den die französische Videokünstlerin und Turner-Preisträgerin Laure Prouvost, die des Englischen nur dürftig mächtig war, drehte und dessen Protagonistinnen und Protagonisten eine Reihe von zunehmend bizarren und mysteriösen Erfahrungen durchmachen. So gehen Kunst und Sprache aufeinander ein und ineinander über, ergänzen sich und heben sich auf.

JM: Kannst Du beschreiben, wie Du Dir die Zukunft des Atelierprogramms vorstellst?

FM: Das Atelierprogramm geht nun in sein 27. Jahr. Unserem Erfahrungshorizont hat diese lange Zeit keineswegs geschadet. Natürlich ist ein solches Projekt kein Sofort- Sättigungsprogramm, seine Inkubationszeit dauert einfach länger, „abgerechnet“ kann erst viel später werden, wenn überhaupt. Aber mit dem, was aus der Welt nach Weimar und Thüringen zurückschallt, spiegelt und ehrt eine Stadt, ein Land letzten Endes sich selbst. Es ist diese Außenwahrnehmung unserer Gäste aus aller Welt, die, wenn wir genau hinschauen und gut zuhören, uns viel über uns selbst erzählen – ein nicht gering zu schätzender Vorteil, den nicht jede Stadt hat. Im Prinzip ist der Einsatz, den wir, Stadt Weimar und ACC Galerie, für das Programm in die Waagschale werfen, sehr klein und die Wirkung sehr groß.

Anneke FSJ (03.04.2020)