Modulierte Luft | Linda Pense, Leipzig/Weimar

Linda Pense, aktuelle Stipendiaten des 25. Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar.

Vortrag / 25. Internationales Atelierprogramm

Was brachte Linda Pense, Stipendiatin des 25. Internationalen Atelierprogramms von ACC und Stadt Weimar (100 Jahre Bauhaus – Von Sprache und Bild und Schriftbildkunst), ihr Weimaraufenthalt? Sie hat sich mit William Shakespeares 1611 entstandenem letzten Theatertext „Der Sturm“ auseinandergesetzt, der erstmals 1771 in Weimar ins Deutsche übertragen worden ist. Die Dichter der Weimarer Klassik mit Goethe und Schiller hatten sich Shakespeare als Vorbild auserkoren, um nach seinem Beispiel ein neues bürgerliches deutsches Drama zu erfinden. Bis heute ist Shakespeares „Sturm“-Stück, das auf einer imaginären tropischen Insel spielt und auch als ein erstes Kolonialdrama gilt, unzählige Male neu ins Deutsche übersetzt worden und wird fast jedes Jahr irgendwo auf einer Bühne in Deutschland gespielt. Denn vor allem dieser Shakespeare- Text fasziniert wie kaum ein anderer durch die darin entfaltete Sprachkunst und bildgewaltige Metaphorik. Diese verdichtet sich insbesondere in der Sprache des Luftgeistes Ariel, der so etwas wie die geheime Hauptfigur des Stückes ist; dessen Wesen und klingendes, singendes Sprechen von den Elementen der Natur kaum unterschieden werden kann und das die tropische Stimmung der seltsamen Insel prägt. Auf dieser Insel können die Protagonisten kaum mehr Reales und Geisterhaftes auseinanderhalten. Denn Ariel ist ein Geist der Zauber spricht.

Linda Pense hat sich in ihrer künstlerischen Arbeit schließlich auf das Zaubersprechen dieses Luftgeistes konzentriert und nach Möglichkeiten gesucht, die besondere Art und Weise seines Sprechens grafisch zu bilden und zu notieren. So entstanden und entstehen visuelle Soundscapes als räumlich-plastische, körperlich-grafische Gewebe, die sich wie alle Zaubersprüche nicht einfach vorlesen und verstehen lassen. Vielmehr verweisen die Notationen auf Phänomene, Modulationen von Stimmungen und auch der Stimme durch die ein Sprechen - wie bei Ariel - erst hinreichend seltsam und magisch wirken kann. Schließlich inszeniert Linda mit ihrem Projekt „Zauber sprechen - Notationen zur Sprache des Luftgeistes Ariel in William Shakespeares ‚Der Sturm’“ einen eigenartigen, eigenwilligen Mikrokosmos der Spracherneuerung. Ihre Aufzeichnungen Ariels luftig-strömendem Zauber-Sprechens lädt dazu ein, unsere Sprache, als etwas neu zu entdecken, dass sie immer auch ist: tönende, modulierte Luft, die mit sinnlichen Phänomenen mehr oder weniger zusammenfällt und schließlich mehr oder weniger bewirkt.

Anneke FSJ (12.12.2019)

Dienstag, 28. Januar 2020, 19 Uhr, ACC Galerie
Eintritt: frei!