Vernissage und Buchpräsentation: Bergenroth

Bergenroth – Geheime Schriften und die Entzifferung der Wirklichkeit
Abb: Archivo General de Simancas

Geheime Schriften und die Entzifferung der Wirklichkeit
Secret Writing and Deciphering Reality

Die Begrüßungsreden finden vor dem ACC statt, die Ausstellung kann in kleinen Gruppen und den üblichen Abstandsregelungen sowie mit einem Mund-Nasen-Schutz besucht werden.

Das im Mai 2020 im Insel/Suhrkamp-Verlag erscheinende Buch von Ursula Naumann El Caballero Gustavo Bergenroth – Wie ein preußischer Forscher in Spanien Geschichte schrieb schildert detailreich und atmosphärisch das Leben des ostpreußischen Juristen, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach der 48er Revolution als Anhänger der demokratischen Opposition in England landete und auf das Fach Geschichte umsattelte. Als Historiker spezialisierte er sich auf die Tudor-Zeit und eröffnete in jahrelanger Arbeit (zumeist unter schwierigen Bedingungen im spanischen Staatsarchiv, dem Archivo General von Simancas) der Geschichtswissenschaft neue Wege, unter anderem, indem er chiffrierte diplomatische Korrespondenzen entschlüsselte. Umrahmt wird die Buchpräsentation von Zeichnungen des Berliner Künstlers Henrik Schrat, der wichtige Lebensstationen des Sozialrevolutionärs und Historikers illustriert.

Bergenroths Leistung als Codebrecher bietet darüber hinaus den Anlass, das universale, unerschöpfliche und allgegenwärtige Thema Kryptologie in einer begleitenden Ausstellung zu reflektieren. Codes und Kryptologie finden sich vom biologischen Gen-Code über den wundersamen Schwänzeltanz der Bienen bis zur alltäglichen Chiffriermaschine, die jederfrau als Smartphone am Körper trägt. Ergänzend dazu zeigen Werke zeitgenössischer Künstler*innen vornehmlich eigenständige Zeichen- und Schriftsysteme, die zwar geheimnisvoll aussehen, sich aber durchaus systematisch decodieren lassen.

Anne Brannys versammelt in ihrer 2017 erschienenen Enzyklopädie des Zarten Alltägliches und Kurioses, Phänomene der Geistes- und Naturwissenschaften und künstlerische Werke, um dem Begriff des Zarten nachzuspüren. In ihren enzyklopädischen Zeichnungen entwickelt sie Entwurfsskizzen für fragile Architekturen von Erinnerung und Imagination, ordnende Übersetzungen von Nachdenklichkeit, in ein Bild.

Tassilo Blittersdorff versucht seit 1974, unter dem Titel Segno-Scrittura – Segno mit einem Kombinationssystem als Modell das Entstehen von Schriftzeichen analytisch darzustellen. Die Möglichkeiten reichen dabei von mehrdimensionaler Lesbarkeit bis zum unentzifferbaren Code. Verschlüsselung und Entschlüsselung sind Teile eines Ganzen.

Sven Loichen forscht seit seiner Studienzeit zum Thema Musik als Träger verborgener Informationen? Kryptisches bei Joseph Haydn? und findet in der Folge Zitate bei Beethoven, Grieg oder Bernstein bis zu Filmmusiken unserer Zeit. Loichen veranschaulicht sein ganz persönliches Musikverständnis und entschlüsselt musikalische Botschaften aus Film- und Popmusik.

Hermann J. Painitz spielte in seinen geometrischen Kompositionen aus konzentrischen Kreisen mit seriellen Prinzipien und Rhythmus – Resultate seines Strebens nach der völligen Ordnung, in der er die Bedingung des Lebens sah. Er suchte verschiedene Zeichensysteme zu entwickeln, was in „gegenständliche Alphabete“ und codierte Schriftbilder mündete.

Jens-Peter Stötzner verarbeitet in Smelled (2009), einer Installation aus Wandtapeten und Texten, seine DDR-Vergangenheit. Die Stasisammlung von 15.000 ostdeutschen Intimgerüchen in Konservengläsern zur Enttarnung systemkritischer Bürger war inspirativer Ausgangspunkt von Smelled.

Norbert W. Hinterberger, Kurator der Ausstellung, zeigt in den Secret Landscapes Waffenarsenale, die vor den neugierigen Blicken potenzieller Gegner verborgen werden. Dadurch wird Landschaft neu strukturiert und eingeschränkt lesbar und nur vermittels Spionagesatelliten werden Topographie und Architektur decodiert, wobei die Interpretation des Sichtbaren die Grenze zur Paranoia gerne überschreitet.

ACC Redaktion (21.08.2020)

Donnerstag, 27. August 2020, 19–20 Uhr, ACC Galerie
Eintritt: frei!