DENUNZIATION!

Internationale Gruppenausstellung

Die Untugend der Denunziation als Instrument sozialer Kontrolle aus niedrigen Beweggründen mit nicht verantwortbaren Folgen hat seit jeher bis in die Coronagegenwart Tradition in Europa, Deutschland, Thüringen, Weimar.
Als Kommunikationsstrategie dient sie oft der Ausgrenzung Einzelner, macht Gesellschaft und Individuum krank, trägt die Züge einer Leidenschaft, ist eine anthropologische Größe, eng mit Neugier, Gerücht, Klatsch, übler Nachrede und Verrat verbunden, strafbar und jederzeit allgegenwärtig.
Auch wir sind also gefährdet, denn eine besondere kriminelle Energie wie jene eines Straftäters ist zur Denunziation nicht erforderlich — sie ist für jedermann verlockend, der Übergang vom unauffälligen Normalbürger zum Denunzianten fließend. Zum denunziatorischen Tun verführen uns gesteigertes Geltungsbedürfnis, gewecktes Kontrollgefühl und wachgerufene Herrschsucht, kurz und gut eine potenziell in uns schlummernde Blockwartmentalität. Nicht politische Hintergründe sind häufig Ursache einer «gängigen» Denunziation, sondern versteckte private Motive wie Neid, Missgunst, Verbitterung, Rachegefühle und Eifersucht. Wenn man anders wenig Einfluss ausüben kann, reizt offenbar die Möglichkeit, sich eines Konkurrenten entledigen oder durch eine einfache Aussage Macht gegenüber einer vorgesetzten Person ausüben zu können. Die Chance, die Rolle des unbemerkten, machtlosen Zeitgenossen mit der einer einflussreichen Person zu tauschen und von der Seite der Verlierer auf die der Gewinner zu wechseln, ist so stark, dass sittliche und moralische Erwägungen verdrängt werden. Dabei bringen unterschiedliche gesellschaftliche Umfelder verschiedene Muster denunziatorischen Verhaltens hervor — von der persönlichen Bevorteilung bis zur staatlichen Herrschaftssicherung und Kombinationen aus beiden.
Womöglich ist die Denunziationsneigung innerhalb der Bevölkerung besonders in Zeiten diffuser politischer Unsicherheit stark ausgeprägt. Ihre Durchschlagskraft hängt auch von jeweils herrschenden Normen ab. Das Anzeigeverhalten in einer Gesellschaft ist ein Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse.


Elf Künstler*innen ergründen im Rahmen einer internationalen Gruppenausstellung die Reservoire denunziatorischen Potenzials und Verhaltens und untersuchen, was Reiz, Lust und Faszination an, aber auch was die gesellschaftspolitische Verantwortung im Umgang mit der «Waffe» der Denunziation ist. Denn durch die sozialen Netzwerke ist die Möglichkeit, denunziatorisch zu reden, weltumfassend gegeben.

Teilnehmende Künstler*innen und ihre Arbeiten

Die zwei im ACC gezeigten Arbeiten «Fatigue No. 1» und «Fatigue No. 2» von Tsuyoshi Anzai (Japan) befassen sich zunächst mit der Ästhetik von Kunststoff, der heute mehr denn je in der Kritik steht. Jedoch verzichtet Anzai auf Klage und Anklage, sondern thematisiert eher humoristisch die Aporie und Paradoxie, dass wir «Konsum» ändern müssen, während wir ihn als System aufrechterhalten. Im Kontext der Ausstellungsthematik fragt sich, wie explizit (Konsum-)Kritik in der im engeren Sinne politischen Kunst wird: Gerät sie in der fortschreitenden Verschärfung zu Aggression? Lässt sie der künstlerischen Form genug interpretatorische Offenheit? Schneidet sie durch direktere Konfrontation auch Kommunikation mit einem Teil des Publikums ab? Erreicht sie bei aller guten Intention nicht auch eine Grenze zur — eventuell unbewussten — Denunziation?
Eine interaktive Arbeit Anzais trägt den Titel «#mirrorselfie». Vielfarbiges Licht dringt aus einem Spalt zwischen ­einer Wand und einem Spiegel. Es wirkt ­faszinierend, jedoch wird das Licht durch Plastikverpackungen von ­Süßigkeiten oder Alltagsgegenständen gefärbt, die der Künstler auf Weimars Straßen gesammelt hat. Das Publikum ist eingeladen, ein Selfie mit einem Smartphone im Spiegel zu machen und Teil des Projektes zu werden. Das Spiegelselfie betont den Widerspruch, dass der aktuelle Lebensstil der Menschen Plastikmüll ­essentiell vermehrt, dies aber gleichzeitig unsere Gesellschaft entwürdigt. www.youtube.com/watch

Die heutigen Verhältnisse in Syrien wurden vom el-Assad-Regime innerhalb von Jahrzehnten mithilfe zahlreicher Geheimdienste in jeder Ecke des Landes auf- und ausgebaut, um die vom Regime ausgeübte Diktatur im Land zu festigen. Syrien ist seit 1970 kein demokratisches Land mehr, sondern ein Bauernhof, der zur el-Assad-Diktatur und el-Assad-Familie gehört. Khaled Arfeh (Syrien/Deutschland): «Bei uns in Syrien sagte die alte Generation immer zu uns «die Wände haben Ohren» (die Wände der Wohnungen, Häuser usw.), damit wir Bewohner*innen des Landes nicht laut unsere politischen Meinungen äußerten. Wir hatten vor anderen Syrern immer Angst und kein Vertrauen zu ihnen, sondern hatten Albträume vom Geheimdienst. Nur den engsten Freunden konnten wir vertrauen. Wenn man von einem Geheimdienst eine Einladung zum Kaffee hatte, bedeutete das meist, dass jemand einen Menschen beim Geheimdienst denunziert hatte, und das wiederum hieß bei uns in Syrien, dass ein Weg ohne Rückkehr vor einem lag.» In dem tagebuchartigen Roman Das Schneckenhaus von Mustafa Khalifa verbringt der Erzähler zwölf Jahre in syrischen Gefängnissen, davon einige im berüchtigten Wüstengefängnis Tadmor, weil er in Frankreich (als er 1980 dort studierte) bei Freunden ein paar Witze über Bashar el-Assads Vater erzählt hatte. Nach seinem Studium kehrt er nach Hause zurück und wird noch auf dem Flughafen von Damaskus verhaftet. Seine Arbeiten tragen den Gruppentitel «Syrian Genozid». youtu.be/SKsJlpnHN9U

«Leak» von Peter Belyi (Russland) versteht Denunziation als integralen Bestandteil menschlicher bzw. gesellschaftlicher Kommunikation. Belyi bezieht sich auf eine in vielen Sprachen verbreitete Metapher, die Sprache und Wasser vergleicht. Seine Installation besteht aus fünf in Beton gefassten Brunnen, die die gleichen Worte wiederholen. Ihr Murmeln ist in diesem Sinne polyphon. Fünf verschiedene Stimmen also flüstern; ein Chor, der als unpersönliches, informierendes Geräusch wahrgenommen werden kann, bei dem Wahrheit und Fiktion keine Rolle spielen. Jeder Brunnen hat seine eigene Stimme; die verschieden großen Brunnen sind dabei Echokammern.youtu.be/soDytMC3gyM

«They are among us» von Gluklya (Russland/Niederlande) ist eine eigens für das ACC konzipierte Installation unter Verwendung von Kleidungsobjekten, Licht und Klang, und wurde inspiriert von aktuellen und historischen Fällen von Denunziation, darunter auch solche im Umkreis der «Hexenverfolgungen» und des Gulag unter Stalin. Die Arbeit sucht im Ausstellungsraum eine Sphäre der Verunsicherung und Lebensangst zu reproduzieren, in der die Denunzierten nicht wissen, wer der Denunziant ist und ob er nicht sogar selber direkt anwesend ist.

Florian Göttke (Deutschland/Niederlande) befasst sich vor dem Hintergrund seiner künstlerisch-wissenschaftlichen und auch in Buchform publizierten Untersuchungen zu sogenannten Effigies (vogelscheuchenartige Puppen, die in politischen Protesten an Stelle der geschmähten Politiker*innen bestraft werden) in seiner Arbeit «Burning Images: Aesthetic of Defamation»
mit deren auch herabwürdigenden und oft denunziatorischen Einzelaspekten. Man denke etwa an die vielfältigen Erscheinungsformen des Grotesken der Effigies: an Dämonisierungen, an deformierte und dehumanisierende Nachbildungen, an die Inkorporation von Zeichen oder Symbolen des «Bösen».

Ausgangspunkt für eine neue Arbeit mit dem Titel «The House of Secrets in Geometric Structure» von Arefeh Riahi (Iran/Niederlande) ist der Hashti genannte, oft achteckige Übergang zwischen Innen und Außen, zwischen öffentlichem und privatem Raum in traditionellen iranischen Architekturen. Riahi hat zunächst einen Brief als «privaten» Text konzipiert, der nun öffentlich präsentiert wird und sich sowohl auf einen realen Denunziationsfall bezieht, als auch das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem reflektiert. Teil ihrer Installation sind zudem skulpturale Experimentierformen aus Papier, Fadenkonstruktionen und Spiegeln, die jeweils das Achteck und somit Hashti als Raum, Metapher und Sinnbild innerhalb sozialer (und eventuell denunziatorischer) Beziehungen -erkunden. www.youtube.com/watch, www.directupload.net/file/d/6438/43ara9pq_pdf.htm, www.directupload.net/file/d/6438/2no3jsf3_pdf.htm

Wir betrachten die «Reparations Packages» von Sheida Soleimani (USA) unter der Voraussetzung, dass Denunziation nicht nur als «böswillige Anzeige» verstanden werden sollte, denn ihre Grenzen zur berechtigten Offenbarmachung sind fließend. Beschuldigungsvarianten haben in der Kolonialgeschichte viele Erscheinungsformen: was zur Anzeige kam, vielleicht zu Recht, wozu ehemalige Kolonialstaaten verurteilt wurden, deren eventuell denunziatorische Thesen zu überzogenen Forderungen, das Beharren darauf, dass «Überführung» von Kulturgütern als deren Rettung gesehen werden müsse, indes Beschuldiger den Begriff «Raub» ins Feld führen. Misstrauen wir, wie Soleimani zu ihrem Werk angedeutet hat, «allwissenden Erzählungen» und achten wir auf die «Perspektive dessen, was zurückgelassen wurde»: die -geraubten und geretteten Kulturgüter im weitesten Sinn, exportierte Kolonialsymbole und oft unvollendet gebliebene Wiederaufbauprojekte. All dies sind stumme Zeugen der Unabgeschlossenheit der Kolonialgeschichte und der vermutlichen Unmöglichkeit von «Wiedergutmachung» und «Reparation» überhaupt.youtu.be/y6AE9iwG7_A

Katerina Stefanidaki und Zafos Xagoraris (beide Griechenland) befassen sich in ihrer partizipatorischen Arbeit — gemäß dem von ihnen verwendeten Werktitel «Construction Public Sentences» — mit der Konstruktion öffentlicher Sätze: Bekanntmachungen durch massenhaft reproduzierbare Sprache und Schrift also, die u. a. auch für staatliche oder anonyme Denunziationen herhalten müssen, wobei eben Grauzonen zwischen berechtigtem Protest, edukativem Anspruch, Beeinflussung und Fehlinformation bestehen. Stefanidaki und Xagoraris fertigen unter Mithilfe von Kindern und Schüler*innen aus Weimar einen «Werkzeugkasten» zur Verfertigung von Buchstaben, Satzzeichen und Zahlen, welche dann in Form von mit Denunziation in Verbindung stehenden Sätzen im öffentlichen Raum installiert werden. Workshop, Installationen und deren Dokumentation bilden den Abschlussteil des ACC-Zweijahresprojekts «A Kids Headquarters», in dem es um die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft geht. www.youtube.com/watch

In der 225 Zeichnungen umfassenden Bildserie «COVID-19: Labor Camp Report», mit der Piotr Szyhalski (Polen/USA) im Jahr 2020 über acht Monate quasi in Echtzeit mit täglicher Zeichenpraxis viele Ereignisse der COVID-19-Krise dokumentiert und reflektiert hat, spielen entsprechend dem Medium Plakat und seiner historischen (teils ja oft anzeigenden, verleumderischen, diffamierenden) Verwendung im Bereich der Propaganda Denunziationsaspekte und deren Bildsprache ihre Rolle. Es werden aber auch Themen wie Heimat, Widerstandsfähigkeit, Fehlinformation, Gier, Autoritarismus und Polizeibrutalität angesprochen. Die kühnen Botschaften und Bilder der Serie rufen zum Handeln auf, fordern uns heraus, zu hinterfragen, was in der Welt passiert, und vor allem wecken sie Hoffnung und Solidarität. Zugleich steht diese Arbeit aber auch in der Tradition des Plakats als künstlerisch-kritisches Medium, wie nicht zuletzt Szyhalskis breites Spektrum an Ironisierungen propagandistischer Ikonographie zeigt. youtu.be/y6AE9iwG7_A

Die Künstlerin Martta Tuomaala (Finnland) zeigt eine audiovisuelle Arbeit «Eat Shit! / Stalinist Cows» (5:17 min / 7:43 min), die ein Manifest gegen Patriarchat und Gewalt gegenüber Frauen ist. Anhand eines Beispiels beschäftigt sich ihre Arbeit auch mit den Schwierigkeiten selbst sozialkritischer Gemeinschaften, die diffamierenden Formen von Gewalt anzuerkennen und Probleme mit geschlechtsspezifischen toxischen Umgebungen zu bewältigen.

ACC Redaktion (19.11.2021)

12. Dezember 2021–20. Februar 2022, ACC Galerie
Eintritt: freier Eintritt

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